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„Hochdeutschland“ und die Frage, ob Deutschland keine Geschichten erzählen mag

Gestern habe ich mich über einen hoch gelobten Roman geärgert: „Hochdeutschland“ von Alexander Schimmelbuch.

Nun lese ich im Laufe eines Jahres irgendwas zwischen 10 und 20 Büchern. Darunter sind gute und darunter sind schlechte und natürlich ärgere ich mich über schlechte Bücher, weil sie ein Fehlkauf sind und ich als Leser nicht nur mein Geld als vergeudet betrachte, aber das wäre ja hinnehmbar als Subvention in die Kulturwirtschaft, schlimmer aber ist die verschwendete Lebenszeit, die bekommt man ja nicht zurück.

Der Ärger über „Hochdeutschland“ ist anders. Denn jener Roman beginnt wunderbar und wortgewaltig. Zum Beispiel, wenn Schimmelbusch die Gefühlslage in Deutschland schildert:

„Was sich aber ebenso stark verändert hatte wie die Qualität der Oberschicht, war die Stimmung auf der anderen Seite des Grabens. Der Verlust ihrer Gewissheiten hatte die Deutschen in eine kollektive Angststörung getrieben, so sah es Victor, deren Fokus sich in diesen Jahren unkontrolliert ausweitete.

Sie hatten Angst vor der Steuerprüfung, vor der Schuldenfalle, vor der erektilen Dysfunktion beziehungsweise vor der Scheidentrockenheit. Sie hatten Angst vor den dunklen Augen der Afghanen oder Libyer oder Iraker oder Syrer oder wer all diese Leute eben waren. Sie hatten Angst vor dem betrügerischen Gied in ihrer Lieferkette, dass die Kontrollen der Discounter aushebeln würde, um moldawisches Eselhack in ihre Buletten zu schustern.

In den Seelen der Mehrheit der Deutschen kursierte eine finstere Energie, die auf der Suche nach einem Fluchtpunkt von Ventil zu Ventil marodierte. Zu Viktors Ehrenrettung ist anzumerken, dass er sich nicht etwa einbildete, einen besonderen Zugang zur Mehrheit zu haben, im Gegenteil: Sein Gefühl basiert allein auf dem Weiterspinnen der Datenmenge die aus einem ständigen Zeitungskonsum resultierte.“

Große, donnernde Sätze. Ich mag große, donnernde Sätze.

Was ich dagegen nicht mag, sind vergebene Chancen, als Anhänger des wunderbaren SC Preußen Münster habe ich in den vergangenen 30 Jahren genug davon gesehen.

„Hochdeutschland“ ist so eine vergebene Chance. Denn wovon handelt dieser Roman, den die „Zeit“ als „Roman der Stunde“ bejubelt, auf dessen Klappentext Jens-Christian Rabe von der „Süddeutschen“ erklärt, dies sei das deutsche Gegenstück zu Houellebecqs „Unterwerfung“ und den ebendort Volker Weidermann vom „Literarturspiegel“ wahnsinnig, lustig, böse und politisch klug nennt?

Nun, „Hochdeutschland“ erzählt vom saturierten Investmentbanker Victor, der…

der…

der…

Ja, was eigentlich?

Der aus Zufall ein politisches Manifest schreibt, dann aber kein Interesse mehr daran hat, woraufhin ein Studienfreund – ein türkischer Migrant, dessen Familie mit Döner zu Geld gekommen ist, und der für die Grünen Politik macht – es umsetzt.

Das klingt nach einer Handlung, tatsächlich existiert diese nicht. Ich habe nur versucht, das dürre Konstrukt Schimmelbuchs zu beschreiben. Genauso wenig wie über eine Handlung verfügt „Hochdeutschland“ über  nachvollziehbare Entwicklungen seiner Protagonisten. Das Fundament verspricht so viel: ein scheinbar böser Investmentbanker, der einerseits Arschloch ist und andererseits eine feste Wertehaltung hat, stößt Deutschland eher aus einem Affekt heraus in eine völlig neue Richtung.

Feuilletonkritiker wie die der „Zeit“ nennen diese Mangelwirtschaft (oder ist es Schlampigkeit? Lustlosigkeit?) „mehr fabulierender Essay denn Roman“ oder „Populismus-Satire“. Doch all das ist „Hochdeutschland“ in meinen Augen nicht. Ich halte das Werk für eine handwerklich dürftiges Buch – gerade im Vergleich mit „Unterwerfung“. Denn Houellebecq erzählt eine Geschichte, mit seinen Figuren passiert etwas und dieses Passieren ist nachvollziehbar, weil die äußeren Umstände sich verändern. Und wie der Franzose diese Unterwerfung unter die Umstände beschreibt, das ist meisterliches Handwerk.

Bei Schimmelbuch passiert etwas, weil der Autor will, dass es passiert. Und er will, dass es passiert, weil es ihm in den Kram passt. Mit einem Mal ist Victor doch sympathischer als gedacht, dann kommt wie Kai aus der Kiste jener Studienfreund, dessen Figur keine Entwicklung nimmt.

Ganz düster wird es am Ende, wenn Schimmelbusch sich in einem Science-Fiction-Finale versucht, das grauenhaft gekünstelt daherkommt und wie schlecht abgeschrieben aus Daniel Suarez‘ Drohnen-Epos „Kill Decision“ wirkt.

Ebenfalls am Ende trifft sich jener Victor mit der Lektorin eines Verlages, denn er will einen Roman schreiben. Die Handlung dieses Projektes taucht im Buch ebenso funktionslos auf wie ein innerer Monolog von Victors kleiner Tochter oder der völlig überdrehte Familienstammbaum seiner Ahnen. Vielleicht wollte Schimmelbuch Seiten füllen, um so wenigstens auf eine vermarktbare Quantität zu kommen – das Werk ist mit diesen Bläh-Maßnahmen nur 220 Seiten lang.

Jene Lektorin zerpflückt mit höflichen Fragen Victors Romanfragment. Sie vermisse einen „hook“, der den Leser hineinziehe, die ihr vorgelegten Teile wirkten wie Bruchstücke, die Hauptfigur kryptisch, auch fehle es an Höhepunkten.

Macht sich Schimmelbuch hier über das Lektorat seines eigenen Verlags lustig? Fast könnte man dies meinen, denn die Kritik der Lektorin trifft genau so auf „Hochdeutschland“ zu. Nur, dass Victors Roman wenigstens eine Geschichte erzählen will.

Ich bin so verärgert über dieses Buch, weil es eine Chance war: Hätte Schimmelbuch sich die Mühe gemacht, seine Figuren zu entwickeln und noch eine schlüssige Handlung dazu – es hätte ein Meisterwerk werden können.

Doch vielleicht wollen deutsche Verlage derzeit auch keine Geschichten? Beim Durchschauen der deutschen Romane, die ich in den vergangenen Jahren gelesen habe, scheint sich das Fehlen der Geschichte durchzuziehen.

Zuletzt war dies der Fall bei „Die Haupstadt“ von Robert Menasse. Auch dieses Buch wurde umjubelt und ist stilistisch herausragend. Doch auch hier wird die  Geschichte, so man diese Fragemente aus Einzelerlebnissen, die irgendwie gezwungen aneinander geklebt werden, nur unzureichend entwickelt. Oder Oscar Roehlers „Mein Leben als Affenarsch“. Deutsche Autoren, so scheint es mir, können wundervolle, kunsthandwerklich große Stilleben schreiben – zu mehr wollen oder können sie es nicht bringen. Und dabei werden sie von Verlagen und Rezensenten in fast euphorischer Art unterstützt.

Natürlich gibt es auch Gegenbeispiele, doch kommen sie eher aus dem Bereich des Unterhaltungsromans wie die Krimis von Tom Hildebrand, Stevan Pauls wunderbares „Der große Glander“ oder Isabell Bogdans „Der Pfau“.

Und so frage ich mich, warum es im anspruchsvollen Romangewerbe Deutschlands bei Literaturrezensenten – und offensichtlich auch bei Verlagen – eine so große Begeisterung gibt für Werke, die viele schöne Worte haben, sich aber weder für eine mitreißende Handlung noch für packende Charaktere interessieren?

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