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Das Abwerten der re:publica ist in den 12 Jahren ihres Bestehens mediale Folklore geworden. Zwar beherbergt Berlin Europas größte Digitalkonferenz, doch ist sie in der medialen Rezeption wahlweise unwichtig, uninteressant, abgehoben, filterblasig und/oder blumenkinderig.

Respekt darf das Organisationsteam eigentlich nur von den Besuchern erwarten. Von denen kommen jedes Jahr mehr, diesmal waren es 19.500, und dass sowohl auf den Bühnen wie davor rund die Hälfte der Menschen Frauen sind, interessiert medial ebenfalls eher selten.

In der zwölfjährigen Geschichte der Konferenz lassen sich drei Phasen des Schlechtmachens ausmachen. Am Anfang waren es Blogger, die es blöd fanden, dass andere Blogger nicht nur eine erfolgreiche Konferenz organisierten, sondern auf dieser Konferenz auch noch darüber debattiert wurde, wie sich mit dem Bloggen vielleicht Geld verdienen ließe.

Danach waren es Journalisten, die von einer „Gemeinde“ schrieben und so vorhersehbar die Veranstaltung kritisierten, dass es sogar möglich war, ihre Kritik vor einer re:publica vorzuempfinden.

Und nun ist es die Bundeswehr, konservative Teile der Politik, unterstützt von einer rechten bis sehr rechten Kommentatorenmasse im Social Web.

Das zeigt vor allem eines: Wie wichtig und einflussreich die re:publica geworden ist.

Denn wenn die Bundeswehr auf die Ablehnung eines Rekrutierungsstandes – und dies ist der Hauptdiskussionspunkt der Debatte – derart indigniert reagiert, ist das ein Zeichen der Bedeutung der rp. Das Auftreten der Bundeswehr hatte etwas von kindlicher Verzweiflung, von diesem Gefühl, dass man den großartigsten Tag seines Lebens verpasst, weil man nicht zum in der Stadt gastierenden Zirkus darf – man kennt diese Gefühle aus der Altersetage 7 bis 12.

Mit im Spiel sind Politiker wie Peter Tauber (CDU) und Marie-Agnes Strack-Zimmermann. (FDP), die reflexartig dem Heer zur Seite springen:

Ja, die re:publica ist wichtig geworden. Das mag nicht jeder so zugeben, nicht einmal unter denen, die häufig hingehen. Denn wenn wir (und ich zähle mich dazu) re:publicaner uns dies eingestehen, müssen wir uns vielleicht auch anders verhalten. Verantwortungsvoller. Diplomatischer. Vorausschauender.

Ich selbst habe zum ersten Mal einen Vortrag auf der re:publica gehalten (wollten viele nicht glauben, ist aber so – bisher saß ich nur auf Podien), in dem es um ein ähnliches Thema ging. Denn auch ich polarisierte und polemisierte in der Vergangenheit gerne. Und ich war ja nicht der einzige, der auf diese Art Texte ins Internet schrieb. Doch glaube ich, dass wir Altesack-Blogger uns hinterfragen müssen. In einer Zeit, in der Polarisierung Popkultur geworden ist, halte ich eine Mäßigung für angemessen und werde diese auch hier umsetzen. OK, es ist ein Vorsatz – haut ihn mir um die Ohren, wenn ich dagegen verstoßen sollte.

Jener Tweet von Strack-Zimmermann macht das Problem des Umgangs jener über die Jahre wechselnden Kritiker mit der re:publica sehr schön deutlich. Denn die FDPlerin behauptet ja, die re:publica sei eine Filterblase. Dafür fing sie sich in der Deutschlandfunk Nova-Sendung „Was mit Medien“ einen schönen Konter von Herrn Pähler: Strack-Zimmermann mache genau das, was sie den re:publica-Organisatoren vorwirft und habe „reflexhaft so reagiert, wie man es von einer rechts der Mitte stehenden, bürgerlichen Politikerin erwarten würde. Und sie ist nicht die einzige, die bei dieser re:publica-Bundeswehr-Debatte nicht schafft, die eigenen Vorurteile hinter sich zu lassen.“ Womit Pähler auf „Welt“-Chefredakteur Ulf Poschardt verweist. Pähler weiter: „Warum reagieren beide dann so? – Gewiss nicht, weil sie an einer ernsthaften Diskussion interessiert sind – sondern nur aus einem einzigen Grund: Weil sie ihrer eigenen Filterblase gefallen wollen.“

Tatsächlich gibt es ja kaum eine andere Konferenz, die so viele Meinungen abbildet, so viele Lebenswelten zu erklären sucht, ein so breites Themenspektrum bietet wie die re:publica. Wären Strack-Zimmermann und Poschardt vor Ort gewesen, hätten sie zum Beispiel vom Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen erfahren können, dass jenes Konzept der Filterblase ohnehin nicht richtig ist (was ärgere ich mich, dass ich das nie so explizit hier aufgeschrieben habe, obwohl ich das bei Vorträgen auch seit Jahren sage):

Sie hätten Richard Gutjahr hören können, wie er ergreifend über seinen Kampf gegen rechte Hasskommentatoren berichtet – eine Reihe solcher Figuren sprangen übrigens auch der Bundeswehr bei:


Genauso hätten sie etwas über Datenschutz hören können, über Landwirtschaft, Popkultur, den Umgang mit Trauer, Meinungsfreiheit in Afrika, öffentliche Bibliotheken, Verkehrstechnologie, Smart Citys oder Innovationen in der Medizintechnik.

Wie ich schon vergangenes Jahr schrieb: Wenn das mit der Filterblase stimmen würde, dann wären die re:publica-Besucher „politisch aktive, bloggend, hackende Stadtplaner auf Tiefseemission. Auch wenn dies als nächster Schritt der persönlichen Entwicklung reizvoll erscheint, wirkt die Vorstellung auf mich dann doch ein klein wenig unrealistisch.“

Vor allem aber gab wurde in vielen Programmpunkten genau das debattiert, was Tauber, Strack-Zimmermann oder Poschardt nicht klar zu sein scheint: Dass der öffentliche Diskurs eine Tonalität angenommen hat, die sehr viele Menschen für problematisch halten – wobei nicht das Social Web der Auslöser ist, sondern die Menschen die es nutzen, darunter zu einem erheblichen Teil politische und mediale Eliten, die den Ton für ihre Filterblase vorgeben.

Vielleicht kommt das Trio dann ja im kommenden Jahr und diskutiert, statt intellektuell ausbaufähige Kommentare von außen einzuwerfen.

Dann würde die re:publica noch größer werden, womit wir beim größten Problem der rp18 wären: Sie platzte an den beiden ersten Tagen aus allen Nähten. Da kamen Erinnerungen an Kalkscheune-Zeiten auf, als man ebenfalls kaum einen Vortrag sehen konnte, wenn man ihn nicht selbst hielt. Auch die neu eingerichteten, auf die Wirtschaft zielenden Fachkonferenzen waren dauergefüllt, was ich so nicht erwartet hätte. Hier muss die Organisation sich für das kommende Jahre etwas überlegen.

Genauso wie bei der Optik. Die re:publica setzt sich von anderen Konferenzen auch dadurch ab, dass sie einen ästhetischen Ort schafft, dass es Momente gibt, da man auf dem Station-Gelände verharrt und denkt: „Das ist so schön hier“. Leider gab es diesmal zu wenig solche Momente, was gerade als Kontrast zu den inspirierenden Ideen des Vorjahres auffiel.

Trotzdem aber bleibt die re:publica ein bemerkenswerter, bunter, intelligenter Treffpunkt für vollkommen unterschiedliche Menschen, die aufeinander Rücksicht nehmen und versuchen, ihre Befindlichkeiten zu respektieren – und sich entschuldigen, wenn sie einen Fehler machen, so wie es Sascha Lobo nach seinem Vortrag getan hat. 

Nein, die re:publica ist keine Filterblase, sie lässt Filterblasen platzen. Das aber muss man auch zulassen.

Überraschungsgast Lisa Altmeier (Crowdspondents) im Interview mit Christiane Link im Rahmen des Digitalen Quartetts bei der re:publica 2018.

Ach ja, das Digitale Quartett gastierte auch wieder auf einer Bühne. Unsere Überraschungsgäste waren diesmal, Cartoon-Bloggerin Ute Hamelmann, Vassili Golod (eines der spannendsten Journalismus-Talente Deutschlands), SPD-Aufmischer Constantin Grosch, Lisa Altmeier von den Crowdspondents sowie Valerie Mocker, Head of European Digital Policy der Nesta Stiftung aus Großbritannien. Hier das Video:

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