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Bücher 2016: „Der Herausgeber“ von Irma Nelles

Auflerordentlicher Bundesparteitag der FDP in Freiburg.

Sachbücher finde ich fast immer gut oder schlecht – doch nur ganz selten hinterlassen sie mich ratlos. Einer dieser Fälle ist „Der Herausgeber“.

Irma Nelles beschreibt darin ihre Zeit mit „Spiegel“-Gründer Rudolf Augstein, dessen… ja, das fängt es schon an mit der Ratlosigkeit… Sekretärin/Assistentin/Freundin/Bekannte/Prellbock sie war. 1973 begann ihre Arbeit im Bonner „Spiegel“-Büro, eine Stelle, die sie mit hoher Ehrfurcht antritt, geprägt durch ihren Vater, einen großen Anhänger des Magazins. Sie arbeitete gegen den Willen ihres Mannes und trotz zweier Kinder – auch damals noch eine ungewöhnliche Situation.

Die Geschichten aus jener Zeit würde man gern länger lesen, sie decken sich teilweise mit dem, was mein journalistischer Lehr-Herr Ferdinand Simoneit aus seiner Zeit unter Augstein uns in der Georg von Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten erzählte. Es sind Anekdoten, die aus heutiger Sicht nich mal mehr vorstellbar sind:

„Manchmal lehnten sich die Redakteure aus den Bürofenstern und plauderten mit Pressesprechern oder sonstigen Informanten, die sie unten auf der Straße entdeckt hatten. In den umliegenden Büros öffneten sich dann sofort die Fenster, und die Korrespondenten anderer Redaktionen hörten aufmerksam zu.

Während einer solchen ,Freiluftrecherche‘ wurde ein lauthals in sein Gespräch verwickelter Redakteur an den Beinen gepackt und kopfüber aus dem Fenster gehalten. Mir erschloss sich nicht ganz, ob dies eine Maßnahme zur diskreteren Gesprächsführung war oder im Zustand kurzfristiger Volltrunkenheit geschah. Denn das Lieblingsgetränk in der einen oder anderen Zelle schien Whisky zu sein.“

Zu jener Zeit wurden Geschichten noch diktiert – und das durchaus auch als Gruppe, wenn gemeinsam an einer Story gearbeitet wurde. Und wer glaubt, dass Autoren in dieser Zeit weniger schematisch und überhaupt freier dachten, der kennt nicht die Buzzwords des „Spiegel“:

„Jede Geschichte begann mit einem Aufgalopp, dann folgte die Erzähle, und sie endete mit einem dramatisch oder ironisch zugespitzten Schluss, einer Art Schlussapotheose, genannt Schlussapotheke.“

Dreimal Schluss in einem Satz – das klingt holprig und steht leider für etliche Passagen des Buchs. Nelles ist keine Schönschreiberin, auch wenn ihr Stil nicht verkorkst ist. Aber: Zur Autorin hätte sie es vermutlich damals nicht gebracht.

Trotzdem ist das Buch lesenswert, gerade in der aktuellen, tiefen Krise des Blattes. Denn der Leser erlebt, wie sich die Redaktion Stück für Stück veränderte. Zum Beispiel in dem Moment, da Augstein die Mitarbeiter zu Miteigentümern machte – was er später bereute:

„Seit 1974 schreiben die Journalisten des Spiegel-Büros nicht nur, sie rechneten auch. Und zwar in jeder freien Minute…

Fachmännisch diskutierten die Redakteure darüber, wie das Blatt in Zukunft finanziell am besten dastehen könnte. Manchmal hörte es sich an, als wäre jetzt jeder auch irgendwie Spiegel-Chef.“

Und mit einem Mal, beschreibt Nelles, veränderte sich auch Augsteins Ansehen. Zitterte das Bonner Büro zuvor vor Besuchen des Chefs, waren sie danach nur noch lästig:

„Wenn jetzt der Herausgeber angekündigt wurde, waren die Redakteure genervt. Die meisten riefen ins Sekretariat hinein, und zwar lange, bevor der Herausgeber im Büro eintraf: Wir sind dann schon mal weg auf Recherche!“

Dazu beigetragen habe auch Augsteins eigene Veränderung: Sein gescheiterter Ausflug in die Politik hatte ihn nachhaltig aus der Bahn geworfen, beschreibt Nelles:

„Die offen stehende Tür zum Chefzimmer gab den Blick auf eine erstaunliche Sammlung leerer Bierflaschen frei, die dort zwischen Zeitungen und anderen Papieren auf dem Schreibtisch standen.

Augstein sprach mit niemandem in der Redaktion und wirkte völlig isoliert.“

Nirgends schreibt Nelles über Alkoholismus – doch die Zeichen sind eindeutig, ebenso wie für eine Tablettensucht. Ebenso wie für Augsteins Hang zu Affären. Der ARD-Film „Die Spiegel-Affäre“ wurde wegen entsprechender Sex-auf-Schreibtisch-Szenen als zu platt gescholten. Nach der Lektüre von „Der Herausgeber“ muss dies wohl zurückgenommen werden.

Beispiel: Nelles beendete ihre Arbeit beim „Spiegel“ und zog ein Studium nach. 1982 hatte sie Augstein zwei Jahre nicht gesehen, als dessen Sekretärin anfragte, ob sie mit dem Herausgeber frühstücken wolle. Das Treffen fand in seiner Hotelsuite statt, er klagte über die eigene Einsamkeit, dann entledigt er sich Pantoffeln, Socken und Morgenmantel:

„Dergestalt entkleidet warf er sich aufs Bett, zog schwungvoll die Bettdecke über sich und fragte übergangslos, ob ich mich nicht ebenfalls ausziehen und neben ihn legen wolle. 

Nö, sagte ich sauer. Ich sei ganz und gar ausgeschlafen und wirklich nicht in der Verfassung, mich um zehn Uhr morgens ins Bett zu legen.“

Es ist das große – und ungelöste – Rätsel solcher Erzählungen, warum Nelles nicht nur den Kontakt zu Augstein hielt, sondern später sogar nach Hamburg zog und das in das Gästehaus neben der Villa des Herausgebers. Doch Sex gab es laut Nelles niemals. Warum wollten Augstein sie bei sich haben? Und warum blieb sie in seiner Nähe? Meine Ratlosigkeit über dieses Buch zieht sich maßgeblich aus der konsequenten Umgehung dieser Fragen.

Das betrifft auch den fast unbedarften Chauvinismus des Herausgebers. Als er einen neuen Chefredakteur sucht, muss ihm Nelles alle Redakteursnamen aus dem Telefonverzeichnis vorlesen:

„Las ich ihm… den Namen einer Redakteurin vor, schlug er entsetzt die Hände vor sein Gesicht, schüttelte sich und behauptete: Frauen wollen doch so eine Verantwortung nicht! Die wollen drei Monate herumfahren und recherchieren und dann lange Geschichten schreiben.“

Sommerfest des Bundeskanzlers im Park des Palais Schaumburg

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Augsteins Persönlichkeit kommt bipolar daher. Manchmal rafft er sich auf, dann bezeichnet er das „Spiegel“-Haus als „Totenhaus“. Eines Nachts ruft er Nelles an und brüllt sie an, sie solle abhauen – am Morgen kann er sich nicht mehr erinnern. So geht es mehrfach: Betteln um Zuneigung wird gefolgt von monatelangem Schweigen. Dann wieder glaubt er, zu erblinden – tut er aber gar nicht, er hat nur eine Sehschwäche.

Auch diese Anekdote passt ins Bild: Augstein hat das Souterrain seiner Villa vermietet, der Name der Mieterin beginnt mit dem Buchstaben D. Eines Abends ruft Augstein sie an, damit sie ihm zwei Flaschen Bier aus dem Keller heraufbringt:

„Ja, gern, habe sie geantwortet und gefragt: In welcher Straße wohnen sie denn?

Machen Sie hier keine Witze, habe er sich daraufhin geärgert. 

Sie mache keine Witze. Sie wolle nur in Erfahrung bringen, wo er gerade anzutreffen sei. Im Leinpfad vielleicht?…

Wer von ihnen beiden jetzt besoffen sei, habe er gefragt. Er oder sie?

Er dürfe davon ausgehen, ich nicht, sei die höfliche Antwort gewesen.

Mit wem rede ich überhaupt?, habe er daraufhin argwöhnisch gefragt. 

Und weißt du, was sie gesagt hat?, wandte Rudolf sich nach mir um und sah mich fassungslos an.

Dönhoff, stöhnte Rudolf…“

Interessant sind für Nicht-Medieninteressierte nicht nur die Anekdoten, sondern auch Augsteins manchmal zutreffende, manchmal daneben liegenden Prognosen über das Weltgeschehen. Beispiel:

„Ihr könnt meinetwegen schreiben, was ihr wollt, ich halte den Euro für unausgereift. Er wird ein Desaster, teilte Rudolf den Redakteuren… mal schriftlich, mal mündlich mit… Griechen sind unregierbar. Portugal ein reines Agrarland, ist wirtschaftlich zu schwach, Italien von der Mafia unterwandert.“

Doch trotzem: „Der Herausgeber“ ist eher ein Werk für die Medien-Filterblase. Die wird sich an den Geschichten ergötzen und die Nostalgiker werden sich in die Tage der diktierten Reportagen zurücksehnen. Doch mehr als Geschichten nimmt der Leser letztlich nicht mit, es fehlt an Einordnung, an Zusammenhängen, an Erklärversuchen. Und deshalb bin ich noch immer ratlos ob dieses Werkes.

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