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Bücher 2016: „Suspicious Minds“ – Wir alle sind Verschwörungstheoretiker

Bevor ich Ihnen ein Buch ans Herz legen möchte, das ich für Pflichtlektüre in diesen Tagen halte, bitte ich Sie, ein kleines Experiment mitzumachen.

Nehmen Sie sich einen Würfel (oder stellen sie sich vor, einen in der Hand zu haben). Sie spielen gerade das Brettspiel Ihres Vertrauens und brauchen dringend eine 6.

Und nun würfeln Sie (oder tun so als ob).

Wie unterscheidet sich ihre Handbewegung von einem Wurf, bei dem sie nicht auf eine hohe Zahl hoffen?

Wir kommen später darauf zurück…

51N-OjOx6tL._SX308_BO1,204,203,200_In diesen Tagen wird viel diskutiert, ob Menschen unbelehrbar sind, wie wir es schaffen, dass Eltern ihre Kinder impfen und Sachsen-Anhaltiner nicht zu Rechts-Terroristen werden. Und wir debattieren viel darüber, wie wir debattieren wollen.

Auftritt Rob Brotherton. Sein 2015 erschienenes Buch – leider noch nicht auf deutsch zu haben – passt exakt in das Deutschland 2016: „Suspicous Minds: Why we believe conspiracy theories“. Es ist eine spannende, faktenbasierte, unterhaltsame, lehrreiche – aber auch eine bittere und ernüchternde Lektüre.

Brotherton ist Visiting Research Fellow an der University of London mit dem Spezialgebiet Verschwörungstheorien, außerdem ist er Gründer des Blogs The Psychology of Conspiracy Theories. Ein Verschwörungs-Geek, darf man wohl sagen – vor allem aber ein Wissenschaftler, der sich auf Studien und Fakten stützt und nicht auf Gefühle und subjektive Wahrnehmungen.

Weshalb er sich auch die Zeit nimmt zu definieren, was eine Verschwörungstheorie eigentlich ist. Klingt trocken, ist aber interessant. Zum Beispiel realisiert man, was ganz logisch ist: Eine Verschwörungstheorie ist immer unbewiesen – denn ansonsten wäre es ja eine Verschwörung. Brotherton schreibt:

„Die prototypische Verschwörungstheorie ist eine unbeantwortete Frage; sie nimmt an, dass nichts ist, wie es scheint; sie portraitiert die Verschwörer als übernatürlich fähig; und als ungewöhnlich böse; sie basiert auf der Jagd nach Anomalien; und sie ist letztendlich unbeweisbar.“

Das Geschick von Verschwörungstheoretikern bestehe darin, sich ihre Gegner so zurechtzuerfinden, wie sie es brauchen. Sie imaginieren Verschwörer als eine omnipotente Macht mit einer unmenschlichen Voraussicht über den Gang der Dinge. Und wenn etwas nicht in den Plan passt? Dann ist es ein Beweis, dass es einen Plan gibt. Anomalien spielen dabei eine wichtige Rolle: Wenn von bei einer Schießerei 9 Zeugen fünf Schüsse gehört haben, einer jedoch 10, so ist dieser eine der Beweis, dass etwas nicht stimmt.

Fakten haben keine Chance: Wer ein Faktum einführt, ist entweder Teil der Verschwörung oder fällt auf das rein, „was wir glauben sollen“. Ein Gegenargument ist nicht mehr möglich. Erst recht nicht, weil die Anhänger solcher Theorien extrem in deren Materie einarbeiten. Sie sind Experten – die allerdings nicht alle Informationen gleich gewichten. Und wenn es keine Beweise für ihre Theorie gibt, dann ist genau das ein Beweis, dass es eine Verschwörung sein muss.

In den Zeiten von Social Media könnte man das Gefühl haben, die Zahl der Verschwörungstheorien habe zugenommen. Überraschung: stimmt nicht. Die Politologen Joe Uscinski und Joseph Parent haben Leserbriefe der „New York Times“ analysiert, weil diese ein guter Gradmesser der öffentlichen Meinung seien. 1.000 pro Jahr von 1890 bis 2010 haben sie sich vorgenommen. Ergebnis: Die Zahl der Verschwörungstheorien ist absolut stabil: „Wir leben nicht in einem Zeitalter der Verschwörungstheorien haben das gilt für einen langen Zeitraum.“

Im römischen Reich, beispielsweise, waren die Menschen geradezu besessen von ihnen, auch im Mittelalter grassierten sie. Was sich geändert hat: Früher bezogen sich die Theorien auf örtliche Ereignisse und die Motivation der Verschwörer basierte auf persönlichen Motiven. Erst in der Neuzeit wurden daraus Verschwörungsszenarien mit Weltherrschaftscharakter. Als Beispiel führt Brotherton die faszinierende Geschichte der „Protokolle der Weisen von Zion„, deren Hintergründe mir neu waren. Und: Das Internet hat die Verteilung von Verschwörungstheorien zu aktuellen Ereignissen beschleunigt.

Sind das alle Irre, diese Verschwörungstheoretiker?

Nun ja.

Menschen, die an solche Theorien glauben, sind zumindest anfälliger für andere Verschwörungstheorien. Aber: Wir alle sind in abgestuften Graden Verschwörungstheoretiker und dabei bereit, Fakten zu ignorieren: „Die Realität ist, dass unsere Ansichten durch unser übergreifendes Weltbild häufiger geprägt werden, als wir uns zugestehen wollen“, schreibt Brotherton. Und: „Verschwörungstheorien sind die Brillengläser, durch die wir die Welt sehen – und wir haben alle unterschiedliche Sehstärken.“

Allerdings gibt es durchaus Wesenszüge, die Harcore-Theoretiker ausmachen: Misstrauen gegenüber Mitmenschen bis hin zur Paranoia; Hang zu Zynismus; Probleme mit Autoritäten; Angst; Hang zu Aberglaube, Astrologie und Alternativmedizin.

Klassische Medien spielten dabei eine höchst problematische Rolle, schreibt Brotherton: „… der bloße Fakt, dass eine Idee durch Wissenschaftler, Akademiker oder Medien abgelehnt wird, wird als Beweis ihrer Richtigkeit ausgelegt.“ Sprich: Journalismus hilft nicht, Verschwörungstheoretiker vom Weg abzubringen – er bestärkt sie. Hat da jemand Lügenpresse gesagt?

Andere Studien sagen, dass je unzufriedener Menschen mit ihrem Leben sind und je weniger sie glauben, Kontrolle über ihr Schicksal zu haben, desto eher neigen sie zu Verschwörungstheorien. Sprich: Minderheiten und untere Schichten.

Brotherton schreibt: „Zu erkennen, dass die Welt um uns herum chaotisch ist, ist zutiefst beunruhigend. Diese existenzielle Angst bringt uns dazu, andere Wege zu verfolgen, um unseren Wunsch nach Ordnung und Kontrolle zu erfüllen; wenn wir nicht die Kontrolle über uns haben können, beruhigen wir uns indem wir uns einreden, dass jemand anders auf dem Fahrersitz sitzt. Psychologen nennen das kompensatorische Kontrolle.“

Unser Hirn ist ebenfalls nicht hilfreich dabei, Verschwörungstheorien zu verhindern. Denn die allermeiste Zeit reden wir in unserem Leben über Dinge, von denen wir nur  oberflächliches Wissen besitzen. Das hält uns aber nicht davon ab, mit Verve Themen zu diskutieren. Doch selbst ein kleines Informationsstück kann schon dazu führen, dass wir eine Meinung zu einem Thema entwickeln – wir bauen uns eine eine Illusion des Verstehens.

Der Grund für dieses Verhalten liegt in unseren Genen. Unsere Augen sehen nur einen geringen Teil unseres Sichtfeldes klar. Um das zu kompensieren, arbeitet unser Hirn im Hintergrund und fügt den verschwommenen Rest zu einer Art Bild zusammen. Und genauso formt es ein Verstehensbild, obwohl wir nur einen Teil der Fakten klar sehen.

Mustererkennung spielt dabei eine wichtige Rolle und auch sie liegt in unseren Genen: Je besser unsere Vorfahren Muster erkannten, desto leichter war das Überleben. Brotherton: „Ein Gehirn, dass dazu neigt, Bedeutung statt Zufälligkeit zu sehen, ist von großem Wert. Der Preis, den wir dafür zahlen, ist dass wir gelegentlich Verknüpfungen herstellen, die nicht existieren.“

Dazu zählt auch die Intentions-Verzerrung (intentionality bias). In unserem Kopf ist ein Detektor der uns zeigt, ob das Verhalten einer anderen Absicht enthält. Nur neigen wir zum Glauben, dass alles, was passiert, Absicht enthält. Wir sehen das bei Kindern: Sie glauben, dass jedes Objekt eine Absicht hat, vom Kuscheltier bis zur Wasserflasche.

Brotherton: „Wenn etwas passiert, das wir nicht unmittelbar erklären können, ist die Chance hoch, dass wir auf unseren hyperaktiven Absichtsdetektor zurückgreifen. Wir können nicht anders als zu glauben, dass jemand (oder etwas) wollte, dass es so passiert.“ Menschen, die diesen Reflex hinterfragen, sind verschwörungsskeptischer.

Eine weitere Deformation ist der falsche Konsens: Wir nehmen an, dass alle Menschen denken, was wir gerade denken. Und deshalb können wir uns so gut vorstellen, dass eine Verschwörung vor sich geht, einfach weil wir imaginieren, dass es ja so sein könnte. Sprich: Manchmal reicht ein plausibles Motiv, um zu glauben, dass eine Verschwörung vor sich geht.

Foto: Shutterstock/Tucker

Foto: Shutterstock/Tucker

Und dann gibt es noch den Proportions-Bias.

Sie erinnern sich an den Würfel von oben? Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass Sie kräftiger würfelten, um eine 6 zu bekommen. Dass Sie den Würfel vorher schüttelten, in der Faust hielten, in die Faust pusteten.

Natürlich hat dies keinerlei Auswirkungen auf den Würfel. Doch wir glauben eben, dass hinter einem bedeutenden Ereignis – die hohe Zahl, die wir unbedingt brauchen – auch eine bedeutende Ursache steckt. Deshalb sind wir auch so anfällig für den Glauben, hinter der Ermordung Kennedys stecke eine Verschwörung: Ein so bedeutendes Ereignis kann nicht durch einen unglamourösen Einzeltäter mit einer einzigen Waffe erklärt werden. Selbst Historiker seien dafür anfällig, argumentiert Brotherton und bringt als Beispiel den Glauben, dass der Ausbruch des ersten Weltkriegs unvermeidlich gewesen sei.

Der Grund ist unser Hirn: Es neigt dazu, sofort eine Annahme über den Hergang zu treffen und erst hinterher die Fakten zu prüfen. Die Faktenprüfung erfolgt dann jedoch unter der bereits getroffenen Prämisse, wir wüssten, was passiert ist – und entsprechend filtern wir Informationen und halten sie für glaubwürdig oder unglaubwürdig, wir suchen Informationen, die unsere vorgefasste Meinung bestätigen, wohingegen wir nicht aktiv nach Informationen suchen, die uns widerlegen. Kurz: Umparken im Kopf ist sauschwer – und unser Hirn hindert uns sogar daran.

Brotherton: „Die Nachrichten, die wir lesen, die Links, die wir klicken und die Meinungen der Menschen, mit denen wir uns online und persönlich umgeben, entsprechen eher häufig dem, was wir schon glauben. Wir bauen eine Festung bestätigender Information um unseren Glauben und wir verlassen sie nur selten – oder gucken wenigstens mal aus dem Festungsfenster.“

Dabei gibt es sogar einen Rückschlagseffekt. Will man jemand mit Fakten überzeugen falsch zu liegen, so bestätigen ihn die Fakten sogar in seiner Meinung. Wenn sich dies noch mit einem Hang zur Verschwörungstheorie paart, kann die betreffende Person praktisch nicht mehr vom Gegenteil seiner Meinung überzeugt werden.

Und deshalb ist dieses Buch nicht nur lesenswert – sondern auch ernüchternd. Ein gehöriger Teil der Verschwörungstheoretiker, Pegida-Leute und scheinbar Irren wird sich durch nichts und niemand von der vorhandenen Meinung abbringen lassen. Genauso erschreckend aber sind jene Indizien, dass tatsächlich jeder einen Hang zur Verschwörungstheorie hat.

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