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Der Spiegel: Fliegender Hamburger im Kampf gegen die Weltherrscher

In dieser Woche hörte ich „Wirtschaftswoche“-Chefredakteurin Miriam Meckel zu. Sie sprach im Rahmen des Marketingclubs Düsseldorf über digitale Trends.

Big Data, Cloud Computing und die Erweiterung des menschlichen Körpers – das waren ihre 3 Top-Trends und keiner davon war in irgendeiner Form überraschend. Doch ihr Vortrag war ruhig und abwägend, Pro und Contra gegenüber stellend ohne finale Antworten geben zu wollen, unbequeme Fragen jedoch aufwerfend.

In diesem Moment wünschte ich, sie wäre „Spiegel“-Chefredakteurin geworden, denn vielleicht würde es die Medien-Seifenoper an der Hamburger Ericusspitze weniger vorhersehbar machen.

spiegel titel weltregierung

Rückblende: Im vergangenen Dezember entledigte sich die den Verlag besetzende besitzende Redaktion des ungeliebten Chefredakteurs Wolfgang Büchner. Der hatte sich erdreistet, den digitalen Wandel als oberstes Thema auf die Agenda zu setzen. Ersetzt wurde er durch einen alteingesessenen Print-Mann: Klaus Brinkbäumer.

Damals schrieb ich:

„Beim “Spiegel” aber ist es ja noch schlimmer, weil das Unternehmen den Mitarbeitern gehört. Sie haben demonstriert, dass sie  Führungspersonen, die ihre Ideen durchsetzen wollen, nicht dulden. Kein Wunder, dass niemand von außen Büchners Posten wollte.

Nun aber geht auch noch der Geschäftsführer und Geschäftsführer kennen Machtkonstellationen und -spiele viel besser als Redakteure. Der Nachfolger von Saffe, wer immer das auch sein wird, hat deshalb nur zwei Optionen: Entweder er ordnet sich vollkommen Redaktion und KG unter, was Veränderungen in Bezug auf eine Digitalisierung unmöglich machen dürfte. Passiert das, wird Spiegel Online bald eine Bezahlschranke aufziehen, und das Print-Blatt wird zu seiner alten Positionierung der Digital-Verweigerung zurückkehren…“

Natürlich ist der neue „Spiegel“-Geschäftsführer keiner von außen: Den Posten übernahm Thomas Hass, zuvor Leiter des Vertriebsmarketing – ein Gedruckt-Mann. Und damit hat künftig nur einer das Sagen: Brinkbäumer. Und der steht für den alten „Spiegel“.

Das Ergebnis sehen wir in der aktuellen Ausgabe. Die  Titelgeschichte von Thomas Schulz reiht sich mühelos ein in die technophoben Artikel der Vor-Büchner-Zeit, als Social Media für blöd, Leser mit angeblichen Fotos aus dem Internet getäuscht, Google dämonisiert wurde, das Netz in einem wirren Titelstück „gesetzlos“ wurde oder – raubkopiert vom „Atlantic“ – dumm machen sollte.

spiegel videospieleIm März vergangenen Jahres, unter Büchner, gab es noch einen Gegenentwurf zu dieser Digital-Hass-Haltung: Der sicher überraschte Leser erfuhr, dass Videospiele klug machen können.

Wir dürfen uns nun gewiss sein: Zu solch einer Entgleisung wird es unter Brinkbäumer nicht mehr kommen.

Bei ihm heißt es: „DIE WELTREGIERUNG – Wie das Silicon Valley unsere Zukunft steuert“. Im Vorspann zum Artikel geht es noch verschwörerischer zu: „Im Silicon Valley formt sich eine neue Elite, die nicht nur bestimmen will, was wir konsumieren, sondern wie wir leben. Sie will die Welt verändern und keine Vorschriften akzeptieren. Müssen wir sie stoppen?“

Nein, kleiner geht’s nicht bei „Spiegel“. Muss man auch verstehen. Wer seinen Tag umgeben von Machtarchitektur verbringt, entwickelt vielleicht ganz automatisch einen dekorativen Verfolgungswahn.

Oder – hat der „Spiegel“ vielleicht recht? Regelmäßiger Leser ahnen: Es wird jetzt lang.

Der Artikel beginnt mit einem heftigen Einstieg: „Nach allem, was man hört, ist Travis Kalanick, Gründer und Chef von Uber, ein Arschloch.“

Ich persönlich finde kreativere Beleidigungen ja leserfreundlicher, selbst ein Sausack wäre sicher überraschender gewesen. Aber: Ich blogge auch nur. Es ist sicherlich insgesamt die Frage, ob ein Nachrichtenmagazin seinen Lesern und sich selbst nicht einen Gefallen tun würde, eher subtil die Arschlochigkeit durchklingen zu lassen.

Ganz nebenbei: Was würde die Redaktion wohl sagen würde, begänne ein Artikel über ihren Verlag mit diesem Satz, nur dass der Name Kalanick durch Rudolf Augstein getauscht würde? Denn: Bei beiden gibt es reichlich Menschen, die jene Titulierung insgesamt als gerechtfertigt ansehen würden. Bei beiden würde man vielleicht aber auch von Charme sprechen, der sich auf eine Art mit jener Arschlochigkeit mischt, die aus Kalanick und Augstein eben auch schillernde Charaktere macht(e).

Manchmal ist der Alltag ja auch nen Arsch und so ist der Erscheinen jener Titelstory in ausgerechnet dieser Ausgabe von nicht unerheblicher Ironie. Denn ein paar Seiten weiter schreibt Cordt Schnibben, der sich sehr bemüht, in Sachen digitaler Wandel, eine Art Essay darüber, wie Journalisten sich ändern müssen.

Bebildert ist jenes Thema mit einem Manuskript, dass durch die „Spiegel“-Dokumentation ging. 60 Experten sollen da sitzen und sie haben an Schnibbens ausgedrucktem Text gestrichen und markiert, dass es den Eindruck hat, er ist vielleicht noch Ideengeber – aber nicht mehr Autor des Artikels.

spiegel schnibben

Wie mag jenes Manuskript der Titelgeschichte wohl ausgesehen haben?

Denn schon recht früh taucht eine erste Kinke auf. Uber soll 41 Milliarden Dollar wert sein. Ja, nur, das stimmt so nicht, denn das Unternehmen ist ja noch nicht an der Börse. Vielmehr wurde es bei der Dezember-Finanzierungsrunde über 1,2 Milliarden in dieser Höhe bewertet. Man mag das für Korinthen halten, in meiner Zeit beim „Handelsblatt“ wäre auf diesen Unterschied aber gepocht worden.

Doch dies ist wirklich eine Kleinigkeit gegenüber dem, was folgt: Eine ganze Seite „Spiegel“, die praktisch ohne wirklich belegte Quelle auskommt. Stattdessen lässt uns das Blatt teilhaben an seiner paranoiden Befindlichkeit. Eine. Ganze. Seite.

Kaskadenartig überhöht das Blatt seine These von der Weltverschwörung:

„… so verändert die Digitalisierung nicht bloß Branchen, sondern die Art, wie wir denken und wie wir leben. Nur dass der Wandel dieses Mal zentral gesteuert wird – von nur wenigen Hundert Köpfen…“

Ja, dieses Bild kennen wir: von irren Weltverschwörungstheoriefanatikern. Selbstverständlich wird uns der „Spiegel“ Beweise für diese zentrale Steuerung schuldig bleiben.

„Die neue Weltregierung hat ihr Hauptquartier… im Silicon Valley…“

Grübeln Sie einfach mal, was sie unter Regierung verstehen – wir kommen noch darauf zurück.

„Die neuen Masters of the Universe unterscheiden sich grundlegend von ihren Vorgängern: Es geht ihnen nicht in erster Linie ums Geld. Macht durch Reichtum genügt ihnen nicht. Sie wollen nicht bloß bestimmen, was wir konsumieren, sondern wie wir konsumieren und wie wir leben. Sie wollen nicht nur eine Branche erobern, sondern alle.“

Und dann wollen sie was machen? Geld machen? Ach ne, das ja nicht. Anscheinend wollen sie einfach die Bestimmer sein. So wie früher. Im Sandkasten.

Erwarten Sie bitte keine weiteren Erläuterungen oder Quellen zur steilen These des Magazins. Oder gar an folgende Interviewpartner die simple Frage: „Wollen sie die Welt beherrschen oder regieren?“

„Sie stolpern nicht in die Zukunft, sondern sie sind Ideologen mit einer klaren Agenda.“

Das mit den Nichtstolpern unterscheidet die neuen Universumsmeister anscheinend von der „Spiegel“-Redaktion, vielleicht erzeugt dies Neid. Generell aber ist es ja nichts Negatives, eine Vorstellung von der Zukunft zu haben und sich danach zu richten. Gemeinhin tun wir das alle jeden Tag, zum Beispiel bei der Wahl unserer Kleidung. Nun lässt das Wörtchen „sondern“ ja eigentlich einen Gegensatz erwarten. Vergessen wir solche Logikketten einfach mal, ansonsten würde das bedeuten, dass Ideologie reicht, um eine Vorstellung von der Zukunft zu haben.

Aber was ist denn nun die Agenda?

„Der Glaube der neuen Herrscher geht viel tiefer. Er ist inhaltlich getrieben. Es ist der Glaube an eine Botschaft.“

Inhaltlich getriebener Glaube scheint für den „Spiegel“ ungewöhnlich zu sein. Das ist ungewöhnlich. Noch ungewöhnlicher aber ist wohl eine Ideologie mit Agenda, in der es einen Glauben an eine Botschaft gibt.

„Die Weltveränderer aus dem Valley wollen, dass die Menschheit an ihrer Hightech-Heilsleere genesen sollen. Sie glauben an eine bessere Zukunft durch Technologie wie ein überzeugter Hindu an die Wiedergeburt.“

masters of the universe(Symbolbild: Silicon Valley according to „Spiegel“)

Also: Der inhaltlich getriebene Glaube ist die Botschaft, dass man glaubt, Technologie mache die Zukunft besser. Ach ja: Das mit dem Wesengenesen entstand zwar zur Kaiserzeit, wurde aber vor allem im Dritten Reich populär. Nazivergleich, anyone?

Ich kann verstehen, wenn Sie den Überblick verloren haben. Ich fasse mal kurz zusammen: Der „Spiegel“ glaubt, dass die Welt am Abgrund steht, wenn Unternehmenslenker und -gründer daran glauben, dass Technologie unsere Welt besser macht.

Unbeantwortet bleibt natürlich die Frage, wie ein sinnvoller anderer Blickwinkel auf technologischen Fortschritt aussehen soll. „Durch Technologie verändert unsere Zukunft nicht“? Das würde die Möglichkeit des Fortschritts negieren. Bliebe nur „Technologie macht unsere Zukunft schlechter“. Puh. Zum einen wäre es bemerkenswert, wenn der CEO irgendeines ansatzweise mit Technologie zu tun habenden Unternehmens eine solche Meinung vertreten würde. Zum anderen, würde das bedeuten, dass Innovationen wie jener Roboterhandschuh, der Schlaganfall-Patienten bei der Reha hilft, unsere Welt schlechter machten.

Ja, ich habe mich auch gerade gefragt, wie hoch die Masernimpfquote unter den Zöglingen der „Spiegel“-Redakteure wohl sein mag.

Aber geht noch wirrer.

Denn jene zentralen Steuerer, die neue Weltregierung, die… will gar keine Regierung sein und auch nicht steuern.

„Sie verabscheuen die Politik und halten Regulierung nicht nur für ein Hindernis, sondern für einen Anachronismus…Die Wurzeln ihres Menscheitsbeglückungswerks sehen sie in der antistaatlichen Gegenkultur der Sechzigerjahre…

Die neue Weltregierung, die zentralen Steuerer des Wandels wollen das Gegenteil von einer Regierung mit zentraler Lenkung sein? Das klingt doch entweder nach künstlerischer Intervention oder Weltentheater-Trolling.

Aber, hey, eine unlogische Volte hat der „Spiegel“ immer noch drauf:

„Die Valley-Vordenker machen keinen Hehl aus ihren Plänen. Sie sagen ganz offen: Wir wollen nach unseren Ideen die Welt gestalten.“

Sagen sie ganz offen. Nur nicht dem „Spiegel“. Denn ein Zitat dazu fehlt.

Nach rund einer Seite taucht dann doch wirklich ein Mensch auf, der etwas sagt. Ray Kurzweil, Prophet der Singularitäts-Theorie.

„Das Wort beschreibt den einen Moment in der Zukunft, an dem sich Mensch und Maschine so weit annähern, dass die Menschheit mit einem Knall…“

Bumm.

„… in die nächste Zivilisationsstufe katapultiert wird.“

Katapult mit Sprengladung? Kein Wunder, dass der „Spiegel“ Angst vor Technik hat.

Es geht noch etliche Zeilen so weiter, ohne dass der „Spiegel“ seinem Leser die Gnade antut, den Begriff der Singularität einfach mal zu definieren: Es ist der Moment, da Maschinen so weit entwickelt sind, dass sie sich selbst verbessern können. Und was nach diesem Moment passiert, sagen einige Anhänger des Konstrukts, sei nicht vorhersehbar.

Später wird solch rohe Gewalt einem anderen Begriff angetan: Design Thinking. Was das ist, erklärt uns Wikipedia:

„Die Methode basiert auf der Annahme, dass Probleme besser gelöst werden können, wenn Menschen unterschiedlicher Disziplinen in einem die Kreativität fördernden Umfeld zusammenarbeiten, gemeinsam eine Fragestellung entwickeln, die Bedürfnisse und Motivationen von Menschen berücksichtigen, und dann Konzepte entwickeln, die mehrfach geprüft werden.“

So beschreibt es auch Airbnb-Mitgründer Joe Gebbia gegenüber dem „Spiegel“: „Im Kern geht es darum, so zu denken, wie die Person, die deine Idee benutzen wird.“ Das aber klingt human. Und human darf ein Mitglied des Zentralkomitees der Weltverschwörungsregierung nicht daher kommen. Weshalb der „Spiegel“, nachdem er den Namen Design Thinking als „irreführend“ bezeichnet, ergänzt:

„Und dann nicht lange zu fackeln mit endlosen Meetings und monatelangen Planungen, sondern immer neue Konzepte zu entwerfen, Prototypen zu bauen, die Kunden testen zu lassen, zu verbessern.“

Wie stellt sich der Autor wohl vor, dass Autos entworfen werden, Schokoriegel oder Laufschuhe? Vielleicht glaubt er einfach, die ganze von der Weltregierung noch freie Welt tickt so behäbig, bürokratisch und papierstaubbelastet wie sein Arbeitgeber?

monster facepalm

Damit Design Thinking Teil der Verschwörung wird, muss natürlich betont werden, dass man der Denkweise „überall im Silicon Valley“ begegnet. Zack – wieder ein Beweis für die zentrale Steuerung. Also, wenn man ignoriert, dass man Design Thinking auch in Deutschland überall begegnet, zum Beispiel an der Master School der Macromedia Hochschule, wo man es studieren kann, oder im Zoo von Hannover, der so neu konzipiert wurde. Der Zoo von Hannover als Teil der Weltregierung, da ist man ja doch überrascht.

Gern schmirgelt der „Spiegel“ dann auch englische Inhalte in Richtung der Weltverschwörungs-These des Textes. Zum Beispiel heißt es, die Singularitäts-Universität, die Kurzweil mit Google-Investment gründete, schule junge Entrepreneure nicht nur darin Unternehmen zu gründen. Sie sollten sich auch die Frage stellen: „Wie kann ich etwas mit Einfluss auf die ganze Menschheit tun?“

Hu, das klingt düster, nicht wahr? Nach Weltregierung und -verschwörung. Nach Kontrolle. Schaut man dagegen auf die Homepage der Institution, wird ihr Ansinnen marginal sympathischer:

„Singularity University enables the creation of sustainable solutions to difficult challenges—education, energy, environment, food, global health, poverty, security, space and water—that face humanity.“

Ich verkürze mal – macht der „Spiegel“ ja auch: Der „Spiegel findet es obskur, den Hunger in der Welt bekämpfen zu wollen.

Es folgt Sebastian Thrun. Der deutsche Forscher war immerhin Mit-Gründer von Googles Innovationslabor Google X (das Mit- unterschlägt der „Spiegel“) und gründete dann die Online-Universtität Udacity. Über lange Zeiten wird der Deutsche aufgebaut und man fragt sich die ganze Zeit, wann er endlich mit der Geschichte verbunden wird. Es braucht bis ganz zum Ende des Kurzportraits. Dann sagt Thrun:

„Regeln werden gemacht, um existierende Strukturen zu zementieren. Wir versuchen sie zu umgehen.“

Wer ist „wir“? Die Frage bleibt unbeantwortet und wird deshalb so wunderbar verschwörerisch. Noch dazu *Schock* kennt Thrun Kalanick. Und er sagt: „Wir kennen uns alle gut.“

In Amerika, dem Land, in dem „Love“ und „Friends“ weitaus inflationärer verwendet werden, als in Deutschland heißt solche eine Äußerung wenig. Außer, wenn man eine „Spiegel“-Story schreibt:

„Die Valley-Vordenker sind eng miteinander vernetzt, vereint durch ein Weltbild, das sie zusammenen entwickeln, durch eine gemeinsame Agenda, die sie vorantreiben.“

Wirklich schade, dass die ominöse Agenda noch immer so ominös ist. Noch schaderer, dass der „Spiegel“ sich hier auf das Niveau von Pegida-Demonstranten begibt. Ersetzen sie einfach mal „Valley-Vordenker“ mit „Chefredakteure“. Hat da jemand Lügenpresse gerufen?

Womit wir bei Peter Tiel wären, einem der einflussreichsten Tech-Investoren weltweit. Dessen Geschichte wird so erzählt:

„Ende der Neunzigerjahre hat Thiel zusammen mit anderen Paypal gegründet, den Online-Bezahlservice, eine der wenigen Erfolgsgeschichten der New Economy. Er wurde reich, zum ersten Mal. Er gründete eine Investmentfirma, wettete sein Geld gegen den Strom, die Millionen flossen, ein zweites Mal.“ 

Es mag sein, dass ich hier irgendwas übersehe. Aber ich habe diese Geschichte schon ganz anders gelesen. Thiels Hedgefonds Clarium war nämlich alles andere als ein Erfolg. Und dass er „gegen den Strom“ spekuliert haben soll – „gegen etwas spekulieren“ ist ja bekanntermaßen eine gemeinhin mit Heuschrecken versehene Vokabel –, tja, das lässt sich auch nicht recht belegen. Vielmehr schreibt Wikipedia: 

„After significant losses starting in 2009, Clarium dropped from $7 billion in assets in 2008 to around $350 million in 2011.

In 2004, well before the financial crisis of 2007–2010 bore him out in general terms, Thiel spoke of the dot-com bubble of 2000 having migrated, in effect, into a growing bubble in the financial sector. He specified General Electric, with its large financing arm, and Walmart as vulnerable.“

Ähm… Hat die Dokumentation des „Spiegel“, jede von Schnibben so gerühmte 60-Mann-Truppe etwa „General Electric“ mit Strom übersetzt? Oder aber wissen sie nicht, was es heißt „long“ zu sein? Denn in einem langen Portrait über Thiel schrieb der „New Yorker“ 2011:

„Clarium became one of the meteors of the hedge-fund world. Thiel and his colleagues placed bets that reflected his contrarian nature: they bought Japanese government bonds when others were selling, concluded that oil supplies were running out and went long on energy, and saw a bubble growing in the U.S. housing market.“

Long sein bedeutet: Man glaubt an steigende Kurse. Es ist das Gegenteil von „dagegen spekulieren“. Mal abgesehen davon, dass Thiel eben nicht durch Clarium reicher wurde. Vielleicht hatte der Finanzexperte im Doku-Team gerade Urlaub.

Hinweis: Die Strom-Passage war von mir missverstanden worden. Ich hatte sie interpretiert als eine Derivate-Spekulation. In den Kommentaren wurde ich aber zurecht darauf hingewiesen, dass der Autor vermutlich meine, Thiel habe gegen den Mainstream investiert (was Hedgefonds gemeinhin ja meist tun). Danke für den Hinweis!

Thiel muss als Zeuge für die Weltverschwörungstheorie herhalten, weil er bekennender Libertarist. So ist er einer der größten Spender des Rechtsausleger Ron Paul. Dies erwähnt der „Spiegel“ alles. Nur: Hatte er nicht vorhin noch gesagt, jene Weltschwörungsregierer, die würden Politk „verabscheuen“? Überhaupt: Wie kommt es dann, dass so viele, der „Spiegel“ unter die Verschwörer und Verabscheuer zählt, die Politik unterstützen. Und zwar Demokraten und Republikaner? Eine Aufstellung finden Sie beim Business Insider. Über Mark Zuckerbergs politische Aktivitäten gibt es sogar einen eigenen Wikipedia-Absatz. 

Ganz schön viel, was die alle so tun für ein Feld, das sie „verabscheuen“. Es muss eine komplizierte Welt sein, wenn man „Spiegel“-Autor ist. Weshalb es auch schwer ist, zusammenhängende Sätze zu schreiben. Zu Thiel heißt es:

„Die Welt der Bits sei weitgehend frei von hemmenden Regeln. Ganz anders als die ,Welt der Atome‘, zu der etwa Medizin oder Transport gehören, die stark reguliert sei, „und deswegen ist es so schwer, dort voranzukommen“.

Solch Wehklagen ist der Hauptgrund, warum der Liberatismus so viele Anhänger hat, warum fast alle Tech-Größen einmal im Jahr in die Wüste zum anarchistischen Kunstfestival Burning Man pilgern…“

Ich fasse mal zusammen: Die Weltregierung findet Themen wie Medizin oder Transport blöd. Die Themen also, mit denen sich die Singularity University explizit beschäftig und in die Google verdammt viel Geld investiert. Und weil so viel Jammerei über die Hindernisse einer Kohlenstoff-Welt herrscht, fährt man einmal im Jahr zu einem Festival, bei dem man vor allem Kohlenstoff-Dinge wie jene Kapelle unten baut.

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Ja. Gut. Das kann man logisch finden. Muss man nicht. Genauso wie den Abschnitt über die kalifornische Ideologie. Dieser Begriff wurde 1995 in einem Essay der britischen Medientheoretiker Richard Barbrook und Andy Cameron von der University of Westminster erfunden. Ihre Namen seien hier explizit genannt, denn der „Spiegel“ anonymisiert sie  zu „zwei britische Medienwissenschaftler“ (wenn sie das Essay nachlesen wollen, dann können Sie das hier tun). Der „Spiegel“ also schreibt:

„In den vergangenen 20 Jahren ist aus diesem seltsamen Mischmasch aus New-Age-Utopien, Ultra-Kapitalismus und uramerikanischen Idealen der Selbstbestimmung des Einzelnen eine eigene Ideologie entstanden… Geprägt haben den Begriff zwei britische Medienwissenschaftler ein einem Essay bereits Mitte der Neunzigerjahre.“

Was also in den vergangenen 20 Jahren entstand, haben Barbrook und Cameron vor 20 Jahren vorhergesehen. Visionär. Und wo ist eigentlich die „Spiegel“-Doku, wenn man sie braucht?

Ganz blöd ist es für einen Autor mit eindeutiger Ideologie These natürlich, wenn eines seiner Studienobjekte nicht so will, wie er. Dann wäre es besser, diese Person rauszulassen. Zum Beispiel Airbnb-Mitgrüner Joe Gebbia. Der sagt Dinge wie:

„Wir sind mit der Überzeugung aufgewachsen,“

(und wieder bleibt der „Spiegel“ schuldig, wer mit „wir“ gemeint ist)

„dass man sein Leben am besten darauf verwendet, das Leben anderer besser zu machen, zu versuchen, die Welt zu verbessern.“

Also. Das. Geht. Jetzt. Nicht. Unternehmer, die die Welt besser machen wollen? Unvorstellbar, wenn man „Spiegel“-Mitarbeiter ist:

„Die sozioökonomische Vision als Geschäftsmodell: Das klingt nach hübschem Anstrich, nach Blendwerk, so wie sich alles besser verkauft, wenn Bio draufsteht oder ein Umweltengel auf der Verpackung klebt….

Wer will das schon glauben?..

Man kann darüber lachen, es für naiv halten für dreist oder für Verblendung…“

Wer nach dieser Breitseite noch an das Gute im Unternehmer glaubt, ist ganz bestimmt Libertarist. Überhaupt: Breitseite. Ganz am Ende, im letzten Bein – nachdem Science-Fiction-Autor Dave Eggers auch noch als Zeuge herhalten musste, wird die Geschichte mit einem Mal nachdenklich. Zwei Minuten vor dem letzten Satz steht da „zugleich locken Chancen“. Das wirkt wie der Despot, der seinen Hofnarren hat hängen lassen. Und als nur noch der steife Wind den erbärmlichen Körper am Seile schwingen lässt, sagt der Tyrann: „Vielleicht hätten wir doch einen Prozess machen sollen.“

Dieser Text ist ein wirres Durcheinander, bei dem selbst mittelmäßig intensive Leser den müffelnden Schweiß riechen, der beim verzweifelten Versuch floss, eine Weltregierung nachzuweisen. Allein schon handwerklich ist der Autor krachend gescheitert, in jeder Journalistenschule hätte ihm der Leiter diese argumentative Tetris-Ruine um die Ohren gehauen. Hinzu kommt eine Wortwahl, bei der man nur schwer um Nazivergleiche herumkommt. Jeff Jarvis, Journalismus-Professor an der City University von New York, bezeichnete den Artikel als „Scheißebombe“. 

Dabei wäre es doch so immens wichtig Einfluss und Arbeitsweise der US-Techszene immer wieder neu zu durchleuchten. Doch allein schon die boulevardeske Verknappung auf das Silicon Valley ist ja Unsinn: Es schließt zum Beispiel Amazon einfach aus. Gerade in Deutschland mit seinem massiven Nachholbedarf an Digitalkompetenz wäre es so wundervoll, wenn wir Journalisten hätten, die das digitale Zeitalter unvoreingenommen und kundig begleiteten, die zwar kritsch, aber nicht ideologisch wären. So etwas geht ja, als Beweis sei die fantastische GoogleX-Titelgeschichte von Harry McCracken im „Time“-Magazin vom September 2013 genannt (hier gegen Bezahlung zu lesen).

Wir könnten solch eine Form von Journalismus brauchen, eben mit der Denke von Miriam Meckels Vortrag. Stattdessen bekommen wir – den „Spiegel“.

Wie sehr der sich nun wieder auf Technologie-Hass stürzen wird, zeigen zwei Indizien. Noch im Mai vergangenen Jahres klang Thomas Schulz nämlich noch ganz anders. „Schluss mit dem Google-Bashing“, forderte auf Spiegel Online. Auszug:

„Natürlich ist der Konzern kritisch zu betrachten. Zu oft reagierte das Unternehmen unsensibel oder arrogant auf Proteste.

Die anhaltende Kritik zeigt aber Wirkung. Die Konzernführung ist inzwischen erstaunlich sensibilisiert für alles, was in Deutschland passiert. Egal, mit wem man bei Google spricht, Topmanagement oder einfacher Programmierer: Es wird viel stärker darüber nachgedacht, wie das Unternehmen auftritt und sein Geschäft baut…

Aber wäre es nicht sinnvoller, alle politischen und wirtschaftlichen Anstrengungen darauf zu verwenden, etwas Eigenes zu bauen, statt nach der Zerschlagung anderer zu schreien?“

Was ist mit ihm passiert in den vergangenen 10 Monaten? Ach ja, er hat einen neuen Chefredakteur bekommen.

spiegel retterDas zweite Indiz ist eine Titelgeschichte aus dem Jahr 2007. Es geht um das soziale Engagement von Wirtschaftsgrößen wie Bill Gates oder Richard Branson. Auch sie wollten die Welt verändern, auch sie sahen skeptisch auf vorhandene politische Konstrukte. Doch während der „Spiegel“ heute „Weltregierung“ schreit, die Vorstellung, Technologie mache die Welt besser als „Ideologie“ brandmarkt und sich über die Vorstellung, Unternehmer könnten Gutes wollen, lustig macht, hies es damals:

„Es geht etwas vor, eine frische Lust auf Zukunft zieht ein, die von der Gesellschaft und auch der Wirtschaft ausgeht, nicht mehr von der Politik…

Wer die Möglichkeit einer neuen Weltzivilgesellschaft denken will, die Möglichkeit einer Rettung abseits der ausgetretenen Wege, muss begreifen, was „Vernetzung“ heute eigentlich bedeutet, und dafür kann man wahllos in eine riesige Kiste von Beispielen greifen, tausendfach über alle Kontinente verstreut. Malawi etwa. Wenn dort Dorfbewohner gegen die jährliche Überflutung des Thangadzi-Flusses kämpfen, dann tun sie das nicht allein oder mit einem fürsorglichen Staat im Hintergrund, sondern komplett „vernetzt“.

Aktionsgruppen sind gemeinsam am Werk, weltweite Nichtregierungsorganisationen (NGOs) wie ActionAid oder Oxfam, es geht polyglott zu an jeder Schnittstelle: Schwedische oder südafrikanische oder indische Wissenschaftler steuern per E-Mail Expertisen bei, deutsche oder britische oder chinesische Entwicklungshelfer packen mit an, es kommt Geld aus New York von der Uno, Geld aus Brüssel von der EU und Geld aus Deutschland von Kirchengemeinden, vielleicht liefert eine belgische Firma Maschinen, vielleicht spendiert ein französischer Konzern Trinkwasser, die Internet-Arbeit wird von Amerikanern gemacht und die Pressearbeit von Kenianern – das ist Vernetzung.

Natürlich hat das Internet entscheidenden Anteil an dieser Art Projektpolitik, es hat neue Möglichkeiten des Handelns geschaffen. Das Internet hat geholfen, Missstände bekannt zu machen und Öffentlichkeit zu schaffen für Probleme, die bis vor wenigen Jahren durch jedes Raster der öffentlichen Aufmerksamkeit fielen. Zum anderen, und das ist fast wichtiger, können sich nun Menschen finden, die sich vorher vergebens gesucht hätten, es ist eine Gemeinde im Entstehen, die sich per E-Mail und MySpace über halbe Welten hinweg austauscht und gegenseitig bestärkt.“

Wo sind sie geblieben, die Autoren jener so fortschrittsoptimistischen Zeilen? Die an die Verbesserung der Welt durch Technologie und Vernetzung glaubte? Der eine, Ulrich Fichtner, ist heute Ressortleiter Gesellschaft beim „Spiegel“. Der andere ist sein Chef: Klaus Brinkbäumer.

Und der führt das Blatt nun dahin, wo es die Redaktion offensichtlich haben will. Zum Marktführer für die Zielgruppe der Alu-Hut-Träger und Verschwörungsgläubigen. Von denen gibt es in Deutschland durchaus welche, dafür muss man sich nur Interviews von den Pegia-Demos anschauen. Nur: Ist dies eine Leserschaft, die den „Spiegel“ auf Dauer erhalten kann? Ist es nicht vielmehr so, dass selbst Digital-Skeptiker heute ganz andere Fragen stellen? Fragen eben, wie sie auch Meckel stellt.

Das zumindest ist meine Beobachtung, wenn ich mit jenen Menschen spreche (und das ergibt sich bei meinem Job und bei Vorträgen immer wieder). Es hat sich etwas verändert in Deutschland und das nicht erst heute (dazu auch meine Erlebnisse in Erlangen von vor drei Jahren). Ich glaube, die steigende Digitalisierung des Alltags und die daraus entstehenden Informationsbedürfnisse werden von Deutschlands Medien nicht mal ansatzweise abgedeckt. Denn wo ist die klassische Redaktion, die dies fortschrittsoptimistisch und unvoreingenommen tut? Die nicht mit Begriffen rumkrakeelt wie „Datenkrake“ oder „Weltregierung“?

Der Verlust von Auflage hat eben auch ganz viel damit zu tun, dass immer mehr Menschen das Gefühl haben, ihre Lebenswirklichkeit wird in Zeitungen und Zeitschriften nicht mehr widergespiegelt. Dass die Redaktion in einer anderen Welt lebt oder zumindest nicht bereit ist, die Welt der Leser zu erklären.

Mit seiner Rückkehr zur Technophobie, glaube ich, wird der „Spiegel“ zum Fliegenden Holländer Hamburger der Medien. Einst war er groß und stark und mächtig, bald nur noch eine Mär, vor der sich die Alten erzählen. Nur gelegentlich sichten ihn vereinzelte Menschen noch im Rahmen ihres Medienkonsums.

Seine Mannschaft aber ficht das nicht an, sie steht in der Kantine und singt:

Fürchten weder Google noch bösen Mark, 
wollen heute mal recht lustig sein! 
Jeder hat sein Mädel auf dem Land, 
herrlichen Tabak und guten Branntwein. 
Hussassahe! 

Irgendwann aber werden in Berlin-Wilmersdorf zwei seniore Herren in der Stammkneipe „Bei Hertha“ mit einem Schultheiss auf den Lebensabend anstoßen, so wie jeden Dienstag.

„Dienstag ist Dallas-Tag“, wird der eine sagen.

„Und Montags ist „Spiegel-Tag“, antwortet der andere.

„,Spiegel‘? Gibt’s denn noch?“, wird ihn der Freund fragen.

Wäre in diesem Moment noch ein Beobachter in der Nähe des Fliegenden Hamburgers, ihm böte sich ein erstaunliches Schauspiel. Denn mit einem Mal färbt sich der Himmel rot. Und während die Seeleute noch das Wetterphänomen anstaunen, wird ihr Schiff mit seinen zerschlissenen Segeln und den schiefen Planken wird ganz, ganz langsam transluzid.

Überrascht und eher verwirrt denn geschockt blickt die Mannschaft durch ihre immer durchsichtiger werdenden Körperteile, keiner sagt ein Wort, es ist ein stilles Geschehen und Hinnehmen. Kurz darauf würde jener Beobachter nichts mehr sehen vom Fliegenden Hamburger. Er ist einfach weg.

Die Mannschaft mag dieses Ende als heldenhaft empfinden.

(Montage: Ricardo Saramago, Foto: Cory Doctorow)

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