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Die unerträgliche Langsamkeit der Verlagskonzerne

Vor rund anderthalb Jahren schrieb ich einen langen, langen Rant über die Paid Content-Wirklichkeit deutscher Verlage. Und mal abgesehen davon, dass die allerallerallermeisten Verlage derzeit keine Inhalte produzieren, die in der Digitalität Zahlungsbereitschaft auslösen würden, kritisierte ich den simplen Kaufvorgang. Apps, beispielsweise ernteten heftige Kritik in den entsprechenden Stores. E-Paper-Bestellungen wurden über Tage hinweg bearbeitet und brauchten dann Tage, um freigeschaltet zu werden. Abo-Bestellungen ohne nutzlose Prämien waren nur schwer zu finden, ihre Preise noch schwerer. Anderenorts wurden Kunden dagegen mit Nepper-Schlepper-Leserfänger-Angeboten über den Tisch gezogen.

online gehen

Nun gehöre ich ja auch zu jenen Kritikern, die immer wieder bemäkeln, wie langsam Verlagskonzerne beim digitalen Wandel, wie unendliche Monate vergehen, bis irgendetwas umgesetzt ist. Dies wird mir gerne mal vorgehalten, ich sei ein Kritikaster und würde nicht anerkennen, wie toll die Arbeit der Medienindustrie ist und wie viel sich ändert.

Seit jenem Blog-Artikel sind 18 Monate ins Land gezogen. Ist die ganze Sache besser geworden?

Anscheinend nicht. Höchst belustigt verfolgte ich jüngst die Menschwerdung von Roland Tichy, dem frisch abgesetzten Chefredakteur der „Wirtschaftswoche“. Er gehörte sicher zu den ersten Chefredakteuren, die so richtig verstanden haben, was sich mit Twitter anfangen lässt. Nun ist er gerade dabei, seine Informationsflüsse neu zu ordnen und setzte an, Digital-Ausgaben der wichtigsten Tageszeitungen zu ordern. Heraus kam – ein Twitter-Rant:

Immerhin: Die „NZZ“ bot ihre Hilfe beim Kaufprozess an. Doch hätte sie das auch, wenn Tichy kein von Journalisten gefolgter Chefredakteur wäre? Gibt es ein systematisches Monitoring? „FAZ“, „Süddeutsche“ und „Handelsblatt“ dagegen scherten sich nicht weiter darum, dass ihnen jemand Geld geben wollte.

In anderthalb Jahren, also, ist die Schere zwischen Anspruch und Wirklichkeit in den Verlagen immer größer geworden. Denn sie brüllen ja noch lauter, dass sie nun Paid Content machten und der Leser zahlen müsse. Warum? Weil er muss, nicht weil er will. Anderthalb Jahre – so viel Zeit hat manches Startup nicht. Wer in anderthalb Jahren sein Produkt nicht richtig auf die Kette bekommt, der stirbt. Anderthalb Jahre haben auch in der Lebensmittelindustrie viele Produkte nicht. 70 bis 80 Prozent aller Neuigkeiten, die innerhalb eines Jahres in die Regale kommen, sind 12 Monate später wieder vom Markt verschwunden.

Noch viel dramatischer wird die Unfähigkeit der Verlagskonzerne, betrachtet man die lange Sicht. Im Jahr 2001 schrieb Bernd Ziesemer, Ex-Chefredakteur des „Handelsblatt“ in der von mir verantworteten E-Business-Beilage „Netzwert“: „Also keine Chance für bezahltes Internet? Doch. Aber nur, wenn mindestens vier Bedingungen erfüllt sind: Originäre Qualitätsinhalte, erstklassige Internet-Funktionalitäten, einfache und sichere Zahlungsmöglichkeiten, eine starke Marke.   Was spricht dafür, dass sich solche Angebote im Internet etablieren werden? Ich sehe drei Gründe: Erstens wird den meisten kleinen Inhalte-Anbietern schon bald das Geld ausgehen…   Zweitens verändert sich das Kommunikationsmedium Internet immer mehr zum ganz normalen Arbeitsinstrument (Stichwort: Firmenportale). Dort ist die Bereitschaft, für vernünftige Inhalte auch zu bezahlen ohnehin größer.   Und drittens bilden sich allmählich sichere und simple Zahlungssysteme im Internet heraus…   Schwierig wird nur der Übergang… Auch im Internet sind hier strategische Meisterleistungen der Inhaltelieferanten notwendig…   Und was, wenn der Übergang misslingt?… Dann lautet die Hoffnung: mobiles Internet.   Setzt sich die Netz-Verbindung über das Handy durch, wird es hochpreisige Dienste auch nur gegen vernünftige Gebühren geben… Und abgerechnet wird leicht und unauffällig über die Telefonrechnung…   Bisher war ,Piraterie im Netz nicht die Ausnahme, sondern die Regel’, schrieb der amerikanische Rockmusiker Ted Nugent vor kurzem in einem Beitrag für das ,Wall Street Journal’ und das ,Handelsblatt’. Darauf beruhte nicht nur das Geschäftsmodell der Musiktauschbörse Napster. Auch dort versuchen die Manager nun, ihre Kunden zum Bezahlen zu bringen. Damit liegt Napster zum zweiten Mal voll im Trend.   ,Das kostenlose Internet’, schrieb die amerikanische Zeitschrift ,Business Week’ vor kurzem völlig zu Recht, ,war nur eine zeitweillige Verirrung’.”“

13 Jahre später hält die Verwirrung an. 2002 war in „Netzwert“ zu lesen: “Spiegel-Net-Vorstand Thomas Göbler kündigte im Fachblatt ,Kontakter’ an, für Teile des Spiegel-Online-Archivs ab dem Frühjahr Geld zu verlangen. Noch in diesem Jahr ist ein echtes Abonnement für die Inhalte des Internet-Spiegel geplant. Kostenpflichtige Inhalte sollen darüber hinaus auch bei der “Süddeutschen Zeitung” kein Tabu mehr sein. Erste Überlegungen – die voraussichtlich im dritten oder vierten Quartal dieses Jahres greifen werden – sehen for, dass das Printprodukt “Süddeutsche” kostenpflichtig als PDF-Format zum Herunterladen angeboten wird.”

Und in einem anderen Artikel hieß es: „Bis spätestens Mitte des Jahres wollen die großen deutschen Verlage Teile ihres Online-Angebots kostenpflichtig machen. Das ergab eine Befragung von sieben führenden deutschen Verlagshäusern durch Arthur Andersen.”

Im Jahr 2014 bleibt festzuhalten: Die Verlagskonzerne dilettieren seit aufgerundet anderthalb Jahrzehnten an diesem Thema herum. Und es ist ihnen noch nicht einmal gelungen, ihre Systeme so aufzusetzen, dass ein hoch intelligenter Herr mittleren Alters etwas kaufen kann. Roland Tichy bloggt jetzt übrigens auch. Sein Post über die Paid-Content-Erfahrungen schließt er mit den Worten: „Digitale Transformation, also der Übergang in die digitale Welt, ist die Überlebensaufgabe. Klingt einfach. Aber versuchen Sie mal, eine digitale Zeitung zu abonnieren.“   Nachgrag vom 31.7.14:

Nachtrag vom 15.10.14: Chris Bruggisch hat auch sehr besondere Erfahrungen mit dem Leserservice der „Frankfurter Allgemeinen“ gemacht…

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