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Journalist im Aufbruch: Ralf Heimann auf Operation Harakiri

„Journalisten sind sehr strukturkonservativ“, sagt Jochen Wegner, Chefredakteur von Zeit Online, im Rahmen der Media Convention in Berlin vor zwei Wochen.

Wie wahr.

Jeder, der als Vorgesetzter schon einmal einen Relaunch, einen Produktneustart oder auch nur die Einführung eines neuen Redaktionssystems begleitet hat, kann davon ein Lied singen, nein, besser: eine Oper mit wagnerianischen Gefühlsausbrüchen.

Jener Berufsstand, der sich selbst über lange Zeit als nonkonformistisch und vieler Konventionen enthoben inszeniert hat, entwickelt die Flexibilität eines Stahlbalkens, geht es darum, neue Rubriken zu pflegen, eine Funktion auf dem Bildschirm ein Menü weiter zu aktivieren oder gar Autoren in einem neuen Themengebiet suchen zu müssen.

shutterstock innere kündigung angst tür

Laut des Meinungsforschers Gallup haben 17 Prozent der deutschen Angestellten keinerlei emotionale Bindung an ihren Arbeitgeber, 67 Prozent nur eine geringe, 16 Prozent eine hohe. Die Folge: innere Kündigung. Und ich behaupte: In Print-Verlagen würden die beiden äußeren Pole – hohe Bindung und keinerlei – stärker ausschlagen.

In den vergangenen Jahren habe ich viele Journalisten erlebt, die rechtzeitig erkannten, dass es Zeit ist, etwas anderes zu machen, bevor man jenen Zustand erreicht, in dem man systematisch seinen Job macht, um ihn nicht zu verlieren, gleichzeitig aber seine Emotionen an anderer Stelle auslebt. Und ich kenne eine Reihe derer Kollegen, die den anderen Weg gingen. Oft genug standen sie dann bei der nächsten Abbaurunde auf der schwarzen Liste, lieferten sich vor dem Arbeitsgericht noch ein paar Scharmützel um eine höhere Abfindung und standen dann auf der Straße. Den Schwung, etwas Neues anzufangen war nicht da, die meisten klöppeln PR-Texte für überschaubares Salär oder bieten sich als Rechtschreib-Korrektoren an. Einige versuchen mühsam mit dem Ersparten zu überleben.

Es sind nicht viele, die von sich aus erkennen, dass sie etwas ändern müssen. Weg müssen von dem Ort, an dem sie drohen zu versumpfen. Noch bemerkenswerter finde ich es, wenn dies jemand tut, ohne eine neue Anstellung zu haben, sondern allein mit Plänen im Kopf (auch, weil es mir vor fünf Jahren ganz ähnlich ging).

In diesem Minuten werden die Redakteure der „Münsterschen Zeitung“ in der Kantine oder anderen Lokalitäten einiges zu besprechen haben. Denn heute wird bekannt, dass einer der ihren, der in den vergangenen Monaten einiges an Aufmerksamkeit für seine Arbeit erhielt, gekündigt hat: Ralf Heimann.

Einst brachte ein Tweet von ihm die Blumenkübel-Affaire ins Rollen. Dann schrieb er den großartigen Satire-Roman „Die tote Kuh kommt morgen rein“, der von den Absurditäten des Lokaljournalismus handelt und jüngst die geschätzte Ulrike Langer begeisterte. Auf Facebook schrieb sie:

„I’m getting weird looks from other passengers in the ICE to Munich because I’m smiling to myself, giggling and wiping tears of laughter from my face. The reason is this hysterically funny book about the adventures of a reporter who is a novice in a rural satellite bureau of a provincial newspaper. Bought this book as a present for my dad, but will have to get him something else, because a sneak peak won’t do.“

Und schließlich legte sich Heimann noch mit dem Mantra der Tageszeitungsführungskräfte an: „Wir dürfen unser Geschäft nicht schlechtschreiben“: Er sammelte höchst unterhaltsame Merkwürdigkeiten aus Zeitungen in seinem Blog „Wir schicken wen“, dass sich bei digitalaffinen Journalisten innerhalb weniger Tage wie ein Virus verbreitete.

Ralf Heimann, also, hat gekündigt. Oder wie er es formuliert: Er hat die „Operation Harakiri“ gestartet.

So heißt sein neues Blog, in dem er berichten will, wie es weitergeht mit ihm:

„Was genau jetzt kommt, weiß ich noch nicht. Aber das liegt eher daran, dass ich mir so vieles vorstellen kann. Ich habe ein paar Pläne. Ich werde hier darüber schreiben.“

Doch er weiß auch, dass es keine Alternative für ihn gab:

„Ich bin das, was man einen Print-Redakteur nennt. Ich schreibe hauptsächlich für die Zeitung. Aber die Zeitungskultur ist mir fremd geworden…

Wir haben uns auseinandergelebt. Und ich finde, dass es in solchen Fällen nie gut ist zu warten, bis man was Neues gefunden hat. Daher habe ich am Montag gekündigt.

Ich hätte auch fragen können, ob ich in die Online-Redaktion wechseln kann. Das hätte mich auch gereizt. Meine Kollegen da machen großartige Dinge. Aber ich habe nicht gefragt. Ich habe mich entschlossen, nach zehn Jahren etwas Neues anzufangen. Die Zeit könnte dafür wahrscheinlich nicht besser sein.“

Und deshalb, liebe Autorenauftraggeber, Chefredakteure, Onlinemacher, Buchverleger und Ideenhaber des Landes: Schaut auf diesen Mann!

Da sitzt in Münster einer, der richtig gut schreibt und Bock auf Neues hat. Einer, der eben nicht strukturkonservativ ist – und davon gibt es im Journalismus zu wenige.

(Disclosure: Ralf hat mit mir in den vergangenen Wochen ein wenig Gedanken-Ping-Pong gespielt. Erst so entstand der Kontakt, wir haben uns, wenn ich mich recht entsinne, nur ein einziges Mal kurz getroffen.)

 

 

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