Journalisten brauchen Demut

by Thomas Knüwer on 26. Mai 2014

Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der “Zeit” und Moderator der öffentlich-rechtlichen Talkshow “3nach9” hat möglicherweise Wahlbetrug begangen.

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Als ich heute morgen das erste Mal davon hörte, dachte ich, der Postillon hätte zugeschlagen.

Denkste. Di Lorenzo hat in der Talkshow von Günter Jauch einfach mal so ausgeplaudert, dass er zweimal seine Stimme bei der Europawahl abgegeben hat –  schließlich besitze er auch zwei Pässe. “Ich darf zweimal wählen”, behauptete er mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit.

Günter Jauch war darauf vorbereitet, was ich ebenso bemerkenswert finde. Er konfrontierte di Lorenzo mit dem geltenden deutschen Recht. Und das sieht bei Wahlfälschung eine Strafe zwischen einer Geldbuße und fünf Jahren Haft vor. Geradezu generös sagte di Lorenzo dann, er könne auch darauf verzichten und das sei ja wohl nicht das Problem mit Europa.

Finanzminister Wolfgang Schäuble, dessen Wut eher kalt serviert wird, kanzelte den “Zeit”-Chef ab wie einen Schuljungen.

Und mit was? Mit Recht.

Dabei geht es mir weniger um die rechtliche Lage, die bei Udo Vetter und im Beck-Blog kundig analysiert wird. Anscheinend ermittelt die Staatsanwaltschaft bereits. Es geht mir mehr um die generelle Haltung eines der bekanntesten Journalisten der Republik und um seinen Bezug zur Realität.

Stellen Sie sich einfach mal selber die Frage: Wenn Ihnen jemand davon erzählte, dass er über zwei Staatsbürgerschaften innerhalb der EU verfüge und deshalb zweimal wählen dürfe – wie würden sie reagieren? Nicken und sagen: “Viel Spaß!” Oder würde nicht der gesunde Menschenverstand sofort an die Schädeldecke klopfen und sagen: “Ähm, da stimmt doch eher was nicht… Erinnerste Dich? Geschichtsunterricht? Da gab es doch diesen Spruch ,One man, one vote’ – gilt der nicht mehr?”

Ich behaupte: Jedem von uns käme es komisch vor, wenn einzelne Menschen bei der Abstimmung für das gleiche Parlament unterschiedlich viele Stimmen besäßen. Jeder von uns würde in diesem Internet mal schauen, ob das erlaubt ist. Eine logische Suchabfrage wäre zum Beispiel “Doppelte Staatsbürgerschaft Wahlrecht”. Zumindest war es die erste, die mir in den Kopf gekommen ist. Erster Treffer: ein Wikipedia-Eintrag zur Staatsangehörigkeit. Dieser Artikel ist lang, vielleicht zu lang für einen Giovanni di Lorenzo. Er enthält aber eine recht deutliche Passage zum Thema:

“Mehrfaches Wahlrecht: Mehrstaatler verfügen im Prinzip über ein Wahlrecht in allen Staaten, deren Angehörige sie sind. Dies kann bei Wahlen, an denen sie wie zwei Personen behandelt werden könnten, als Verstoß gegen das Prinzip der Gleichheit der Wahl verstanden werden. Theoretisch kann z. B. bei der Wahl zum Europaparlament eine multiple Staatsangehörigkeit dazu führen, dass jemand auf zwei verschiedenen Listen seinemWahlrecht nachkommt. Dies wäre nach dem Wahlrecht für das Europäische Parlament allerdings ausdrücklich unzulässig.”

Sprich: Eine Sekunden dauernde Google-Recherche und der vielleicht 15 Minuten erfordernde Konsum eines Lexikonartikels hätten gereicht, um jeden normalen Menschen von der doppelten Wahl abzuhalten.

Allein: Der Chefredakteur eines der wichtigsten überregionalen Medien der Republik kommt überhaupt nicht auf die Idee, dass an seinem Verhalten etwas Falsches sein könnte. Der gesunde Menschenverstand ist abgeschaltet, die Bodenhaftung zur Normalität längst verloren.

Und: Damit ist er nicht allein.

Vielmehr ist seine Haltung Ausdruck einer elitären Arroganz, die bei viel zu vielen Journalisten zu beobachten ist. Die “Zeit” nimmt dabei eine Vorreiterrolle ein. 2011 interviewte das Blatt Thomas Middelhoff und der Ex-Karstadt-Chef hätte sich dieses Gespräch nicht besser kaufen können, es wurde gescherzt und gelacht. Kritische Fragen? Fehlanzeige. Auf einem Podium darauf angesprochen meinte di Lorenzo, man wolle bei dem Gespräch, dass der Interviewte sich selbst entlarvte. Die gleiche Taktik würde bedeuten, demnächst PR-Texte zu drucken – die könnten sich im Kopf des Lesers selbst entlarven.

Oder der Kachelmann-Prozess: Da sagt die “Zeit”-Berichterstatterin dem Angeklagten ganz unverblümt, dass sie nur positiv berichten könne, wenn er den Anwalt wechsle. Und sie habe auch eine Empfehlung – den Strafverteidiger, mit dem sie selbst ein Buch verfasst hat.

Anderes Beispiel aus jüngerer Zeit: Mehrere deutsche Journalisten sind seit Jahren in der Organisation der Elite-Konferenz Bilderberg. Dies an sich ist nicht verwerflich, wie auch Daniel Bröckerhoff in seinem sehenswerten Zapp-Beitrag erläutert. Nur: Warum verheimlichen sie dies?

Mehr noch: “Zeit”-Grande Josef Joffe hat sich sogar beim ZDF beschwert, weil dieses die Verflechtungen deutscher Medien mit der Bilderberg-Konferenz in der Satire-Sendung “Die Anstalt” thematisierte. Wobei das Wort Beschwerde zu niedlich ist: Er schickte eine Unterlassungserklärung. Ein Journalist. Fordert. Unterlassung. Von einer Satiresendung.

Journalisten halten sich in diesen Tagen für immens wichtig, für unersetzlich, für einen besonderen Stand, ohne den wir alle nicht mehr können. Ein Beispiel dafür ist in jenem Zapp-Beitrag Stefan Kornelius von der “Süddeutschen Zeitung”. Autoren würden nun ständig hinterfragt, sagt er. Es würde in Frage gestellt, mit welcher Legitimität sie schrieben. Doch die Legitimität, die er anführt ist schal: “Wir sind länger dabei.” Seniorität als Rechtfertigung – das funktioniert im öffentlichen Nahverkehr, wo man die Älteren sitzen lässt. Doch Sitzen ist keine gesellschaftliche Tätigkeit.

Journalisten brauchen Demut. Damit meine ich nicht buckelige Servilität, sondern eine Demut gegenüber dem gesellschaftlichen Rahmen, der ihnen Sonderrechte einräumt. Demut gegenüber der Aufgabe, die Gesellschaft mit Informationen aufzuklären. Demut gegenüber der Historie ihres Berufs. Denn selbst die lautsprechendsten und kantigsten Vertreter dieses Berufs, die Generation Nannen und Augstein und Dönhoff verspürte bei aller Verve (meistens) auch eine Verpflichtung, eine Haltung, die von dieser Demut gegenüber einer höheren Aufgabe geprägt war.

Was wir sehen, ist das Gegenteil. Damit meine ich nicht die Markenbildung in der digitalen Sphäre, sondern eine Haltung, die jedwede Form von Kritik als Majestätsbeleidigung ansieht. Sie zeigt sich bei Kai Diekmann, der einen ihn kritisierenden Medienjournalisten von Rang als “Eunuch” und “Sesselpupser” beleidigt. Aber auch in Kleinigkeiten wie dem simplen “Auch am Wahlabend plapperte das Netz mit” der Tagesschau. Niemals würde sie Merkel plappern lassen oder gar ihre Ansager. Die normalen Menschen im Internet, die Nicht-Journalisten, die aber “plappern”.

Vielleicht hat das Internet für diese elitäre Haltung gesorgt. Allüberall werden Kosten gekürzt und Redaktionen zusammengefahren, Tageszeitungen sterben, Kollegen sind mit einem Mal nicht mehr da oder der Arbeitgeber aus dem Tarifvertrag ausgetreten. Gerade die Zeitungsbranche hat sich darauf kapriziert ihre eigene Bedeutung hervorzuheben, zu behaupten, besser und vor allem wichtiger zu sein als der Onlinejournalismus. Was als Marketingkampagne der Verlegerverbände begann, hat sich vielleicht in den Köpfen der Redakteure festgepflanzt und geht nun nicht mehr weg.

Das führt dazu, dass Journalisten eine stuhlkreisige Kuscheligkeit entwickeln, interviewen sie sich gegenseitig zur Lage der Branche. Der Fragensteller wird dann zum Unterstützer des Befragten, so wie Gabor Steingart im Gespräch mit Mathias Döpfner oder “Horiont”‘ler Jürgen Scharrer im Duoflausch mit “FAZ”-Co-Herausgeber Frank Schirrmacher. Auszug:

Schirrmacher: “…Wir werden also eine Spaltung erleben: Mit absoluter Sicherheit einen Markt für Qualitätsjournalismus und gleichzeitig einen sehr hohen Anteil an automatisierten oder semi-automatisierten digitalen Formaten. Wobei automatisiert auch heißen kann, dass man immer wieder versucht, auf der nächsten Skandalwelle zu surfen.”

Scharrer: “Das ist doch furchtbar. Das ist Junk-Food-Journalismus.”

Nein. Boulevardjournalismus. Kann mal jemand eine “Bild” im “Horizont”-Büro abgeben?

In jenem Zapp-Beitrag wünscht sich Bröckerhoff eine transparente Kennzeichnung, wenn ein Autor Mitglied einer Vereinigung ist, über die er schreibt. Ganz simple Sache. Doch sie funktioniert ja schon nicht bei Winzigkeiten wie der Erwähnung, ob ein Reisebericht bei einem Trip entstanden ist, der von einem Veranstalter bezahlt wurde. Er funktioniert nicht, wenn Gerätschaften getestet werden, für die eine Redaktion nicht gezahlt hat.

Und deshalb sehe ich derzeit wenig Hoffnung, dass sich etwas wandelt. Immer weiter entfernen sich die Journalismus-Granden von der Realität ihrer Leser und deren Ansprüche in Sachen Transparenz. In einer Zeit, in der jeder Mensch in Minuten feststellen kann, dass es verboten ist, bei einer Wahl zwei Stimmen abzugeben, ein angeblicher Top-Journalist dies aber normal findet, tut sich eine Kluft auf.

Und mit einem Mal wirkt ein Giovanni di Lorenzo weltfremd wie Marie Antoinette. Die wurde am Ende enthauptet. Insgesamt ist man heute übrigens der Meinung, dass jene Revolution langfristig die bessere Alternative zum Erhalt des französischen Königshofs in seiner damaligen Form war.

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