Warum wir Blogs brauchen am Beispiel Fairphone

by Thomas Knüwer on 21. Januar 2014

Das Fairphone ist die nicht die größte aller Geschichten. Doch fast alle großen Nachrichtenseiten berichten darüber: Zeit, Welt, Süddeutsche, Bild – nur Spiegel Online erstaunlicherweise nicht. Der gedruckte “Spiegel” veröffentlichte jedoch schon im November Vorab-Lob:

“Die Pointe der Fairphone-Story lässt Firmen wie Apple oder Samsung ziemlich schlecht aussehen: Die sozial und ökologisch orientierte Produktion kostet nicht viel mehr als die übliche Herstellung. Gerade mal 22 Euro pro Fairphone fallen dafür an; insgesamt kostet das Gerät 325 Euro. Zum Vergleich: Apple verdient an einem iPhone 5 schätzungsweise über 200 Euro – ließe sich davon nicht etwas abzweigen für bessere Produktionsbedingungen.”

Jenes faire Handy ist eine charmante Idee: ein Mobiltelefon mit ethisch korrekt gewonnenen Rohstoffen, produziert zwar in China, aber unter besseren Bedingungen als bei den Großkonzernen. Seit Anfang Januar läuft nun die Auslieferung der ersten 25.000 Geräte.

fairphone

Was darüber nun berichtet wird zeigt, warum wir Blogs brauchen: Weil Journalisten keine Zeit (oder keine Lust?) mehr zum Recherchieren haben.

Denn alle Artikel bis auf zwei, die ich fand, beschränken sich auf eine Technikbesprechung. Sie alle kommen in mehr oder weniger langen Elogen zu der Meinung: Dass Fairphone ist ein ordentliches Mittelklassehandy – nur eben produziert unter besseren Bedingungen. Hier einige Beispiele:

Computerbild/Bild/Welt:
“Das Fairphone ist ein solide gebautes, reparaturfreundliches Mittelklasse-Smartphone mit angenehmer Bedienerführung und einem vergleichsweise hohen Preis. Aber das Android-Handy ist noch mehr – nämlich der erste erfolgreiche Versuch, bei der Smartphone-Produktion neue Wege abseits von Wegwerf-Produktion und Kostendrückerei zu gehen.”

Zeit.de:
“Aufgrund des Preises dürfte sich das erste Fairphone eher an Nutzer richten, die bewusst ein fair hergestelltes, nachhaltiges Smartphone kaufen wollen. Wird die offenbar schwierige Suche nach einem fair produzierenden Hersteller in China sowie die eingeschränkte Auswahl an Quellen für Metalle und andere Produktionsstoffe bedacht, ist der finale Preis absolut akzeptabel.”

Sueddeutsche.de:
“Im Lieferumfang enthalten ist auch ein bisschen digitale Diät: Die Funktion “Enjoy some peace” sorgt dafür, dass der Nutzer bis zu drei Stunden seine Ruhe hat. Gut, er könnte das Gerät einfach ausschalten. Aber tut er das, lässt es sich nicht mehr herzeigen und damit dem Kollegen- und Freundeskreis demonstrieren, dass man auch als Tech-Konsument die Welt ein bisschen besser machen kann. Und das wäre doch sehr schade.”

Dass Techniktests in den Vordergrund rücken, ist nachvollziehbar, kennt man den Alltag in deutschen Redaktionen: Das Thema fällt in den Bereich der Technikredaktion. Eine tiefere Überprüfung des eigentlichen Verkaufsargumentes das Fairphone – dem Herstellungsprozess – würde viel Recherche und Zeitaufwand erfordern.

Diese Zeit ist nicht da. Geschichten müssen raus und das Fairphone ist nicht die bedeutendste Story des Jahres. Also schreiben die meisten außerhalb des leicht selbst zu testenden Technikbereichs das ab, was ihnen Fairphone vorgibt. Dazu gehören auch die Hinweise, dass nicht alle verarbeiteten Mineralien ein Fair-Zertifikat haben.

Durch dieses Eingeständnis zieht Fairphone die Restaufmerksamkeit ab vom größten Problem des Amsterdamer Startups:Den Löhnen in den chinesischen Fabriken. Sie sind der massenwirksame Knackpunkt, denn für die meisten Menschen ist die Gewinnung seltener Mineralien schwer fassbar – doch die TV-Dokumentationen und Fotos haben einen Eindruck davon vermittelt, wie es in den großen Handy-Fabriken Chinas aussieht. Und deshalb dürften die Löhne für die allermeisten Menschen der entscheidende Faktor sein, geht es um die Beurteilung des Fairphone als tatsächlich “fair”.

In den Artikeln der Medien finden sich allenfalls die Hinweise auf einen ominösen Fonds und die Behauptung, dass die Arbeiter mehr verdienten als bei der Fertigung des iPhones. Dieses Feld ist eben nicht das Kerngebiet deutscher Technikredakteure.

Und genau deshalb brauchen wir Blogs. Blogs wie MacMark, Faire Computer oder das von Betterplace Labs. Hier schreiben Autoren, die nicht unter Veröffentlichungs-, Redaktionssitzungs- oder Themenzwang stehen. Sie können schreiben was sie wollen und recherchieren, so lang sie wollen. Weshalb sie mehr Tiefe erreichen als klassische Medien.

Vor allem MacMark hat sich mit dem Bereich Löhne intensivst beschäftigt. Das Ergebnis ist schockierend: Die Arbeiter in den Foxconn-Fabriken, die für Apple arbeiten, bekommen (ja nach Rechnung) doppelt so viel wie die Arbeiter bei dem Zulieferer, der für Fairphone arbeitet. Zwar gibt es dort auch noch einen Fonds, der allen Arbeitern zugute kommen soll, doch ist seine Ausgestaltung bemerkenswert schwammig – auch das kritisiert MacMark.

fairphone fabrik

Dabei unterlegt er seine Aussagen mit den Quellen, die er verwendet – noch immer eine Alltäglichkeit des Netzes, die nur homöopathisch den Weg zu Deutschlands Journalisten gefunden hat. Und er erläutert seine Meinungsbildung, statt mit der Brechstange eine eindeutige These abliefern zu müssen, ja, er korrigiert auch seine Meinung und weist darauf hin:

“Fairphone ist als Tiger gesprungen und als Bettvorleger gelandet. Versteht mich nicht falsch, jeder findet hehre Ziele gut, ich auch, aber Fairphone redet mir eine Spur zuviel, erreicht aber viel zu wenig und auf jeden Fall weniger als beispielsweise Samsung oder Apple erreicht haben. Fairphone schürt Hoffnungen und Erwartungen, die sie nicht halten und auch gar nicht halten können.

Das Blog Faire Computer, dessen nützliche Kritik ich hier in einem Update verarbeitet habe, spricht von “falsch geschürten Hoffnungen”, was auch ganz klar mein Eindruck ist.”

Wie es anders geht, demonstriert die Ruhrgebiets-Lokalzeitung “Waz”. Sie täuscht Recherche vor, wo keine war. Zitat:

“Auch Apple hat seinen Zuliefer-Arbeitern ein Maximum von 60 Stunden zugesichert – wobei die Realität oft ganz anders aussieht. Wer Beschäftigte vor den Fabriktoren befragt, hört, dass mehr als 80 Stunden durchaus üblich sind.”

Ach, die “Waz” war vor einer Apple-Fabrik? Natürlich nicht. Der Autor hat nur einfach den jüngsten Bericht Fair Labor Association verpasst. Dass er diese kennt, zeigen seine früheren Berichte, unter anderem für die “Taz”, die auf Reports der Fair Labor Association beruhen. Oder wollte er ihn nicht erwähnen, weil er explizit von Fortschritten bei den Produktionsbedingungen beim iPhone berichtet? Nein, sicherlich war dies nur ein handwerklicher Lapsus.

Blogs also können sich tiefer um Themen kümmern, als dies im heruntergesparten Alltag klassischer Medien möglich ist. Vor allem bei solchen Themen aus der zweiten Reihe, die es zwar nicht bis in die Tagesschau schaffen, aber trotzdem interessant sind. Und deshalb wären Blogs eine perfekte Ergänzung zur Arbeit der Redakteure dort. Man könnte sich gegenseitig befruchten, Informationen austauschen, sich zitieren und verlinken.

Könnte.

Wenn man wollte.

Will journalist aber meistens nicht.

Schade.

(Fotos: Fairphone)

Previous post:

Next post: