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Der „Spiegel“ resümiert: Die Tageszeitung ist tot #tag2020

Halten wir kurz fest: Seit einigen Wochen versuchte „Spiegel“-Autor Cordt Schnibben die Zukunft der Tageszeitung zu ergründen. Er tat dies recht holprig zunächst mit einer Reihe von Gastbeiträgen auf Spiegel Online sowie mit einer von ihm selbst verfassten Geschichte in Print. Über einige digitale Kanäle wie Foren und Twitter konnten die Mitlesenden an der Diskussion teilnehmen, das alles unter der Dachmarke #tag2020.

All das hätte man deutlich besser und für die Debatte gewinnbringender umsetzen können. Sei es drum. Nun aber gibt es eine finale Präsentation auf Spiegel Online und sie lässt sich mit einem Satz zusammenfassen: Auch für den „Spiegel“ hat die Tageszeitung keine Zukunft mehr.

Denn das Ergebnis der Überlegungen hatte Schnibben vor vier Wochen ja bereits im Rahmen des Digitalen Quartetts vorweggenommen:

Schon damals kündigte er eine neue Art der Zeitung an, eine Abendzeitung. Nur: Es war schon damals keine Zeitung – sondern eine Mobile App. Diese App, „Der Abend“ genannt, sieht auf den ersten Blick ganz hübsch aus. Doch wirft sie die Frage auf, warum sie sich so wenig unterscheidet von dem, was heute schon Normalität ist – oder warum diese offensichtlichen Ideen nicht bereits von Verlagen umgesetzt werden.

Da heißt es über die Rubriken: „„Nachrichten“ und „Leser“ aktualisieren sich kontinuierlich, „Stories“ und „Meinung“ zweimal am Tag: abends um 17:00 Uhr, morgens um 7:00 Uhr. „Service“ und „Unterhaltung“ einmal am Tag 17:00 Uhr.“

Warum? Warum muss sich eine App unbedingt einen Zwang des Gedruckten zulegen? Es ist arrogante Attitüde, bestimmte Aktualisierungszeiten festzulegen, wo dies nicht nötig ist. Dem Leser bringt es nicht nur keinerlei Zusatznutzen, es ist für seine persönliche Information ja sogar unzuträglich.

Dann lässt sich eine hübsche Kontrollfunktion aufrufen, die genauso gestaltet ist wie die des Social Networks Path. Als Funktionen sind so verfügbar: Teilen, Thema im Netz suchen, Kommentieren, Thema verfolgen (Updates abonnieren), Vorlesen lassen.

abendHübsch. Aber: Das Kommentieren ist heute schon Alltag, das Teilen auch. Nun ist das aber mit dem Teilen so eine Sache. Denn die App soll abonniert werden. Somit aber ist die Teilen-Funktion sinnlos, denn wer Links zu geschlossenen Inhalten teilt, macht sich keine Freunde. Ohnehin müssen die Inhalte aber auf einer normalen Web-Seite hinterlegt werden, damit sie über Facebook, Twitter und Co erreichbar sind. Der Vorgang sähe dann so aus: Person A teilt einen Artikel von Der Abend via Twitter. Wer diese Nachricht auf dem Handy sieht, könnte dann wieder auf die App kommen. Wer aber an einem Computer sitzt, der braucht dann auch eine Web-Version. Diese müsste dann wieder einen Log-In haben.

Hier läuft Der Abend vor das generelle Problem des Journalismus in den Zeiten von Social Media: Wer Paid Content macht, also zum Beispiel Abos, versteckt seine Inhalte vor den Lesern und verschließt sich der Möglichkeit, diese Inhalte zu teilen. Die Verlage stellen die eigene Bilanz vor den Wunsch der Kunden – und solche Modelle haben in der Geschichte der Betriebswirtschaft nur selten funktioniert.

Die Themenverfolgung wäre logisch und es ist ein Rätsel, warum dies bisher bei Verlags-Apps nicht oder nur ganz, ganz selten möglich ist. Das mit dem Vorlesen ist noch immer ein Problem der Sprachausgabe – es gab mal einen Anbieter, der dies Nachrichten-Websites anbot, doch war die Qualität einfach grausam schlicht. Insbesondere ausländische Namen und Städte bereiten große Probleme.

Im Meinungsbereich sollen dann auch Blog-Artikel auftauchen, die Autoren sollen an den Einnahmen beteiligt werden. Nur: Wie? Werbung sieht das hübsche Design ja nicht vor. Also sollen wohl die Abo-Gebühren über die Klickzahlen verteilt werden. Das Ergebnis ist absehbar: Die Beträge werden so klein sein, dass die Blogger am Ende Cent-Beträge bekommen. Warum sollten Blogger dann mitspielen? Nein, Verlage sollten nicht ihre Autoren am wirtschaftliche Risiko beteiligen und Journalisten sollten solch einen Unsinn nicht vorschlagen. Autoren erhalten ein Honorar, das vorab ausgehandelt wird. Alles andere ist nicht ein Ausnehmen von Journalisten.

Im Bereich der Unterhaltung wird es dann so uninnovativ, dass man weinen möchte. „TV (mit Empfehlungen)“ empfiehlt das #tag2020-Team. Also, so wie die App von „TV Spielfilm“? Weiter „Kino ( mit Trailern)„. Also, so wie die App der UCI-Kinos? Und: „Theater ( mit Rezensionen und Bilderstrecke)„. Wie fortschrittlich. Nicht. „Konzert (mit Hörprobe und Verlinkung zum Ticketkauf)„. Dass der Kauf von Tickets für den gleichen Abend häufig nicht mehr möglich ist, scheint beim „Spiegel“ nicht bekannt, vielleicht geht man nicht so häufig in Konzerte. „Bücher (mit Kurzkritik), Comics, Sudoku, Kreuzworträtsel , Spiele“. Ist Ihr Kopf auch gerade auf den Tisch geknallt?

Das alles war bisher langweilig. Doch Der Abend kann auch konfus, wie der nächste Teil zeigt, überschrieben mit „Leser“: „Hier soll sich der Dialog entwickeln zwischen der Redaktion und den Lesern, hier fließen Beiträge von Lesern ein, hier chatten, twittern, posten, bloggen sie im Dialog mit Redakteure. Leser schlagen Themen vor, benennen Missstände, die von Redakteuren weiter verfolgt werden. Zwei feste Rubriken: Familiengeschichten – Geburt, Hochzeit, Reisen,Tod, erzählt von Lesern, aufgeschrieben von Redakteuren. Mein Verein – kommentierte Bilderstrecken.“

Nun weiß man gar nicht mehr, was das alles soll. Dort sollen Leser twittern? Nein, sie twittern auf Twitter. Chat? Warum Chat? Diese flüchtige Form der Kommunikation erfordert, so der Chat ein Erfolg ist, ein ständigen Hinstarren. Blog im Dialog mit den Redakteuren? Völlig scheinen die Macher hier zu vergessen, dass wir von einem Mobiltelefon reden. Längere Texte auf einem Handy zu schreiben ist eine Qual, auch für jüngere – und dann soll gebloggt werden?

Leser schlagen Themen vor – ja, das ist ja nett. Die Erfahrung aber zeigt, dass solch eine Beschwerdebox wenig Konkretes liefert. Sinnvoller ist es, wenn die um Vorschläge ersuchende Stelle konkrete Bereiche benennt. Wenn also zum Beispiel eine Kommune um Hinweise auf Schlaglöcher bittet, geben die Bürger diese gerne.

Die Familiengeschichten sind eine hübsche Idee. Doch sind sie, wenn ich das recht sehe, täglich im „Tagesspiegel“ genau so zu lesen – und der hat seine Idee aus der Tradition des angelsächsischen Nachrufs entlehnt. Kommentierte Bilderstrecken zu Vereinen – wieder so eine eher merkwürdige Idee.

Natürlich aber darf nicht dieses Soschel Miedia fehlen und so kann der Nutzer seinen Kontakten folgen, so diese ihre Einwilligung geben. Äh, Moment… Wo war denn der Log-In zur App? Denn der wäre ja unweigerlich nötig. Statt Ideen wie Vereins-Bilderstrecken zu erdenken hätten Schnibben und Co zu allererst mal die generelle Konstruktion der App erarbeiten müssen. Denn wenn es eine Art gegenseitiges Opt-In gibt, warum sollte ich dieses annehmen? Verbinden sich zwei Personen auf Facebook, so sehen sie die Informationen des jeweils anderen, profitieren also von einander. Bei Twitter ist dies nicht so. Aber: Bei Twitter bekommt B auch nur zu sehen, was A von sich gibt. Bei Der Abend aber würden Informationen im Hintergrund aufgezeichnet, A kann also nicht sicher sein, was B von ihm erfährt. Der Reiz, da mitzuspielen ist geringer.

Und nun wird es richtig bunt. Der Abend will protzen und wirft eine Vielzahl von Funktionen ein, bei denen ein paar Fragen erlaubt sein müssen:

„„Service“ bedient den Leser mit allen Informationen, die das Leben in der Stadt erleichtern ( Restaurants mit Bewertungen…“

So wie Yelp? Oder noch besser Foursquare? Oder Qype? Wieder haben wir das Problem der Architektur. Die Funktion ist offensichtlich, ja, das braucht man. Aber statt Wolkenschlösser zu bauen wäre es für die Debatte hilfreicher, würden sich die Macher zu einer Entscheidung durchringen: Sollen Verlage allen Ernstes ein weiteres Bewertungsportal eröffnen – oder Kooperationen mit vorhandenen Plattformen eingehen (selbst wenn diese Geld verlangen)?

„… Läden mit Preisvergleich,…“

Lustige Idee. Nur halte ich sie für absolut nicht umsetzbar. Woher sollen denn die ständig aktualisierten Datensätze kommen? Das funktioniert beim stationären Handel so nicht, denn seine Preisstruktur ist ein Geschäftsgeheimnis. Also ließen sich allein Online-Händler hier einbauen. Doch auch hier: Sollen Verlage eine eigene Plattform aufsetzen oder sich bei vorhandenen bedienen?

„Verbraucherschutz,…“

Schabrackentapir.

Sehen Sie, ich kann auch einfach Worte einwerfen.

„…Handwerker mit Bewertungen,…“

Wieder gleiches Thema: Selbstmachen oder MyHammer integrieren? Wobei MyHammer einfach nicht so richtig Fuß gefasst hat, höflich gesprochen.

„…lokaler Wohnungsmarkt,…“

Die App will eine Abendzeitung sein. Brauche ich tatsächlich ständig Wohnungsanzeigen?

„…Hotels mit Bewertungen,…“

Was machen wir heute Abend? Och, wir übernachten mal im Hotel. Spätestens hier wird klar, dass den Machern die Gäule durchgehen. Das hat nichts mit der Idee einer Abendzeitung zu tun. Die App wird vollgemüllt mit Funktionen, die nur in Ausnahmefällen für den Nutzer interessant sind.

„…Apotheken, Behörden, Krankenhäuser,..“

Behörden. Am Abend. Na gut, man kann die App ja auch tagsüber nutzen. Natürlich sind Öffnungszeiten und Ähnliches interessante Informationen. Aber: Nur in Ausnahmefällen. Apotheken-Notdienste sind da vielleicht anders geartet. Nur stellt sich die Frage, ob dies für eine App, die täglich genutzt werden soll, das Richtig ist. Wäre nicht eher eine eigene Anwendung, die sozusagen die Struktur der Stadt abbildet sinnvoller, während die Nachrichten-Orientierung als „Puls“ der Stadt in einer anderen App stattfindet?

„…alles für den Autofahrer (Tankstellen, Schlaglöcher, Blitzer)…“

Schlaglöcher für Autofahrer. Damit man drumherum fahren kann? Ernsthaft? Tankstellenpreise – gut, könnte interessant werden, so man an die Daten kommt. Und Blitzer sind ebenfalls eine prima Idee, die aber nicht zu Ende gedacht ist: Denn der Hinweis auf Blitzer müsste natürlich ortsbasiert erfolgen. Was dann jedoch zu gewissen Verwerfungen zwischen Polizei und Lokalredaktion führen könnte.

„…, Mitfahrgelegenheiten, Fahrpläne, Babysitter-Service,…“

Alles mal rein damit, übersichtliche Navigation wird überschätzt.

„Kontaktbörse“.

Seufz.

Warum nicht noch ne Internet-Suchmaschine, eine Datenbank mit allen Profi-Fußballern in Deutschland und ne Online-Bank? Entschuldigung, aber wer solch eine App als die Zukunft präsentiert sollte Ideen filtern und nicht die aus einem Brainstorming entstandene Liste abwerfen.

Es folgt der Verkehr. Und natürlich klaut Der Abend nicht bei irgendwem – sondern bei den besten. Ich zitiere:

„Unter „Verkehr“ befindet sich ein kleines Tool, dass verschiedene Reisemöglichkeiten berechnet. Je nach Uhrzeit ist ein Ziel vorausgewählt. Der Nutzer kann anpassen oder aus dem Adressbuch übernehmen, wohin er möchte. Die aktuelle Uhrzeit ist vorausgewählt / kann angepasst werden. Anschließend kann der User per Tap die Optionen vergleichen.“

Wenn Sie sehen wollen, wie das aussieht – verwenden Sie einfach Google Now. Sprich: Laden Sie die Google-Such-App herunter, verwenden Sie diese mit Ihrem Google-Plus-Konto – und wie sehen dann zum Beispiel am Nachmittag eine Navigationskarte, die ihnen mit Echtzeit-Verkehr anzeigt, wie lange sie jetzt gerade für den Heimweg brauchen.

Natürlich darf man bei so einem Projekt herumspinnen. Und das tut Der Abend dann bei der Refinanzierung:

„Jeder Abonnent wird Mitglied im „Abend-Club“. In Kooperation mit einer Sparkasse / Bank verwandelt sich die App beim Bezahlen in eine Kreditkarte und bietet Preisnachlass sowie besonderen Service in Restaurants, Sportstudios, Läden etc. Die Partnerfirmen erhalten Preisnachlass bei Werbung im „Abend“, eine örtliche Werbeagentur unterstützt die Firmen bei der Entwicklung digitaler Werbeformen.

Beispiel Zoobesuch: Sobald der Nutzer in der Nähe eines Counters ist, erscheint automatisch ein Popup mit dem Club-Rabatt. Bezahlt wird ganz einfach per Tap.“

Yup, ganz einfach. Oder auch nicht. Denn hier verlangt Schnibben den Aufbau einer kompletten Payment-Struktur inklusive Location Based Service. Genau das hat jüngst Paypal präsentiert – doch die Ebay-Tochter hat verdammt viel Geld da hineingesteckt. Wieder stellt sich die Frage: Selber machen oder Prozente an einen Dienstleister abgeben?

Natürlich soll die App individualisierbar sein, auch das ist heute Standard. Lustig aber wird es, wenn da steht:

„Relevante Einstellungen, die bereits im Gerät hinterlegt sind, können von der App genutzt werden.“

Die Relevanz ist da weniger interessant als die Frage, ob das Gerät selbst dies zulässt. Und welche sollen das überhaupt sein? Es scheint, der „Spiegel“ drückt sich herum um die schlichte Erkenntnis: „Das Einloggen wird über Facebook, Twitter und Google+ möglich sein – dabei nutzt Der Abend ALLE vorhandenen Daten, die bei diesen Log-In-Systemen zu bekommen sind.“

Nein, lieber Cordt Schnibben, das ist kein großer Wurf. Sie haben den Inhalt eines Setzkastens in einen Umzugskarton geworfen, einmal kräftig durchgeschüttelt und ihren Lesern dann die Plastikschweinchen, Messingglocken und Marienbildchen vor die Füße geworfen. Schade, eine Chance ist vertan worden.

Immerhin aber hat die Debatte #tag2020 eines ans Licht gebracht: Auch der „Spiegel“ sieht für die Tageszeitungen keine Zukunft mehr. Denn eine App ist eine App. Eine Tageszeitung dagegen ist gedruckt, das Angelsächsische ist da präziser und spricht von NewsPAPER. Schon im Rahmen der Debattenbeiträge fand sich kaum einer, der noch Hoffnung für das Bedrucken von Papier sah. Der Abend ist in so fern auch logischerweise kein Kohlenstoffmedium.

Ist diese Unterscheidung das Ausscheiden getrockneter Weintrauben? Nein. Denn der Abschied vom Papier hat für die Verlage und ihre Mitarbeiter eben weitreichende Konsequenzen, es führt zur kompletten Umorganisation, zu nötigen Schulungen, zu massiven Entlassungen und zu völlige neuen Einnahmemodellen. Darüber zu debattieren würde ich für sinnvoller halten als eine konfuse App zu konzipieren.

Nachtrag vom 11.9.13: Sehr lesenswert ist auch der Blog-Eintrag von Christian Jakubetz zum Thema. 

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