Timur Vermes: “Er ist wieder da”

by Thomas Knüwer on 27. Dezember 2012

vermesIch habe Timur Vermes Unrecht getan. Also, jetzt nicht öffentlich – aber in meinem Kopf. Als ich zum ersten Mal seinen Debütroman “Er ist wieder da” in die Hand nahm, dachte ich sofort: Das ist bestimmt ein Engländer. Oder Amerikaner. Aber ganz, ganz sicher kein Deutscher.

Denn seien wir ehrlich: Ein Deutscher, der einen Satireroman schreibt, in dem Adolf Hitler eines Tages unversehrt und ungealtert im heutige Berlin erwacht – das ist nicht vorstellbar. Ausländer können das und dürfen das, allen voran die Engländer – die können das auch. Aber deutsche Autoren? Niemals.

Denkste. Timor Vermes ist Deutscher und freier Journalist. Anders wäre es auch nicht erklärbar, dass weite Teile der deutschen Polit- und Medienszene um jenen Auferstandenen herumschwirren, ganz ohne Pseudonyme oder Decknamen. Denn schnell findet Hitler seinen Weg zurück ins Rampenlicht. Waren es einst die Industriekapitäne, die ihn förderten, so ist es nun das Fernsehen. Weil er so ganz anders ist als die dauerkirchernden Comedians findet er Gehör und ein Publikum. Pofalla ruft an, Gabriel bietet ihm eine politische Heimat – doch eigentlich sieht der Führer in den Grünen die Partei, die ihm am nächsten steht.

Das klingt absurd und ist es auch. Nur: Unlogisch wird “Er ist wieder da” nur selten. Das Jahr 2011 durch den Wolfsschanzen-Filter betrachtet – das ist ein großes, witziges Vergnügen. Denn Vermes dreht wunderbar an Details. Das ist zum Beispiel die “Bild” unter Kai Diekmann. Hitler sieht sie ganz auf seiner Linie – bis sie versucht, ihn abzuschießen. Doch dem Führer gelingt die Finte und die “Bild” knickt ein. Oder die NPD, der Hitler so gar nichts abgewinnen kann.

Wird Hitler so sympathisch? Nein. Oder vielleicht doch. Bis dann einer jener Momente kommt, in denen ganz leise das Monster sein Haupt aus der Erzählung reckt. Wenn die Möglichkeit, neue Kriege zu führen zur Gewissheit wird und Fanatismus zur Selbstverständlichkeit.

Geschickt umschifft Vermes auch die größte Klippe: die Judenvernichtung. Denn “die Sache mit den Juden” ist nicht lustig. Das findet auch Hitler. Und er sagt es. Auch Renate Künast, die ihn in seiner TV-Sendung fragt, ob er als nächstes noch Witze über Juden machen wolle.

Der Text allein ist schon höchst unterhaltsam. Doch empfehle ich in diesem Fall zum Hörbuch zu greifen. Das wird nämlich gelesen von Christoph Maria Herbst, natürlich im Hitler-Duktus. Herbst läuft zu so sensationeller Form auf, dass wir uns sicher sein können, dass ”Er ist wieder da” uns in zweierlei Hinsicht erhalten bleiben wird: Einerseits werden wir ein Bühnenstück sehen, vielleicht gar ein Herbst-Soloprogramm. Andererseits bin ich mir sicher: Dieses Buch hat das Potenzial, dem Umgang Deutschlands mit seiner Vergangenheit zu verändern.



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