Circa genau so, wie Medienhäuser denken sollten

by Thomas Knüwer on 16. Oktober 2012

Immer mal wieder kommt eine Mobile App daher die das Denken verändert. Heute ist mir so eine begegnet. Ihr Name: Circa.

Circa ist nicht die beste Nachrichten-App aller Zeiten – aber sie ist eine, an der sich Medienhäuser ein Beispiel nehmen sollten. Denn ihre Macher haben offensichtlich mehr darüber nachgedacht, wie Nachrichten im digitalen Zeitalter beschaffen sein und serviert werden müssen, als die meisten Online-Redaktionen. Denn der Nachrichtenkonsum hat sich ja verändert: Wir besuchen heute immer seltener eine spezifische Seite, um uns tief uns ausführlich über den allgemeinen Stand zu informieren. Sicher, man schaut mal, was so auf Spiegel Online los ist. Doch häufig genug bekommt nur noch ein Drittel aller Besucher eines Nachrichtenangebots dessen Startseite zu sehen.

Stattdessen steigen wir direkt in bestimmte Bereiche ein oder aber – und das ist der immer wichtigere Weg – wir werden anderenorts auf einen bestimmten Artikel aufmerksam gemacht, zum Beispiel per E-Mail oder Social Media. Somit steigt die Zahl der Nachrichtenlieferanten insgesamt.

Interessiert uns ein Thema besonders, suchen wir nach weiteren Informationen. Hier kommt dann für gewöhnlich Google ins Spiel, vor allem Google News. Bei den Digitalirren wie mir auch andere Aggregatoren wie Rivva oder Techmeme.

In beiden Phasen aber stoßen wir auf die Kollision von redaktioneller Tagesarbeit und Realität. Die Zeiten sind eben vorbei, da der Nachrichtenstand eingefroren und auf Papier gedruckt werden konnte und selbst wenn dieses Papier erst einen Vierteltag später beim Empfänger eintrifft, so erhält dieser noch ein brauchbares Abbild der Welt. Heute geht vieles schneller. Ich kenne keine Redaktion, die intensiv darüber debattiert hat, was das für den täglichen Journalismus bedeutet. Wie muss das Schreiben von Artikeln sich ändern? Ab wann streicht man ein bereits veröffentlichtes Online-Stück komplett? Ab welcher Phase wird aktualisiert?

Sollte es eine solche Redaktion geben, würde ich mich sehr über Erfahrungsberichte freuen (gern auch als Gastbeitrag). Doch höre ich eben nur von einem Vorgehen, das von Redakteur zu Redakteur variiert weil es an Vorgaben mangelt.

Der Nachteil für den Leser: Er erreicht als Quereinsteiger Artikel, deren Aktualität schwer erkennt. Sicher, es gibt Zeitstempel. Doch ob ein vier, fünf, sechs Stunden alter Artikel noch die Lage ausreichend spiegelt ist oft völlig offen. Noch schwieriger wird es bei Tage oder Wochen alten Artikeln. Was hat sich seitdem verändert? Schwer nachvollziehbar.

Noch schwieriger wird es auf dem Handy. Die Mobile Apps von Nachrichtenangeboten sind mal besser layoutet, mal schlechter. Dabei teilt sich die Nutzerschaft aus meiner Beobachtung in zwei Gruppen: Ich kenne Menschen, die kein Tablet nutzen, weil ihnen das kleine Display des Telefons selbst bei längeren Texten keine Probleme bereitet. Bei mir ist es genau anders: Ich finde, vielleicht bedingt durch meine Sehschwäche, längere Texte auf dem iPhone anstrengend zu lesen.

Circa geht diese Herausforderungen mit einem sehr mutigen Konzept an. Eine Redaktion editiert und filetiert die Nachrichtenlage. Erscheint etwas wichtig, wird es in Häppchen verwandelt, jedes davon belegt eine iPhone-Seite. Wer will, kann sich als Fußnoten die Quellen anzeigen lassen, tippt er sie an, öffnet sich ein Browser-Fenster. Hier das Erklärbär-Video:

Diese Aufteilung ist im Prinzip nichts anderes als klassischer Nachrichtenagentur-Stil wie ihn jeder Volontär lernt: Das Wichtigste in den ersten Satz, das Zweitwichtigste in den zweiten… Begründet wird das gern (und ich weiß nicht, ob diese Anekdote wahr ist) mit dem Wilden Westen: Damals kappten Indianer angeblich Telegraphenleitungen, weshalb Nachrichten eine klare Struktur brauchten.

Diese Filettierung sorgt dafür, dass Nachrichtenverläufe sehr leicht aktualisiert werden können. Gleichzeitig macht es natürlich auch das Teilen via Social Media einfacher. Nun müssen nicht mehr einzelne Sätze kopiert oder getippt werden – sie stehen bereits kleinteilig zur Verfügung.

Und noch eine Funktion von Circa ist exzellent durchdacht. Der Nutzer kann sich benachrichtigen lassen, wenn sich die Nachrichtenlage bei einem bestimmten Thema verändert.

Das soll nicht heißen, dass Circa nun die Welt aufrollt. Derzeit gibt es auch noch ein paar deutliche Programmierfehler. Aber es ist endlich mal wieder ein neuer, mutiger Weg und einer, der nachvollziehbar versucht, Mobile Nachrichten neu zu definieren. Weshalb die Digital-Verantwortlichen in Medienhäusern fragen sollten, ob diese Herangehensweise nicht sinnvoller ist als das, was sie derzeit an Handy-Apps offerieren.

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