London 2012: Olympia wird digital

by Thomas Knüwer on 26. Juli 2012

Weitsprung-Europameister Christian Reif kann beruhigt sein: Auch er wird in die Betten des Olympischen Dorfs passen. Unter anderem der ORF hatte eine Meldung (die eigentlich jedem halbwegs intelligentem Menschen als potenzielle Ente ins Auge fallen müsste) verbreitet, die Matratzen seien nur 1,73 lang. Beruhigt wurde Reif von Bahnradsportlerin Miriam Welte – via Twitter:

Anderentweets frotzelt Turn-Star Fabian Hambüchen mit Mitgliedern der deutschen Hockey-Mannschaft und Ruderin Kathrin Marchand vermisst in Eton einen Coffeeshop.

Es macht Spaß, diese Konversationen aus London zu verfolgen. Man spürt die Vorfreude, die Anspannung, den Teamgeist der Olympioniken. Aber: Dies ist bezogen auf die deutschen Athleten die Ausnahme. Denn insgesamt hat das Team  Nachholbedarf in Sachen Internet, wie eine Untersuchung zeigt, die wir hier bei kpunktnull gemacht haben. Nur 42 Prozent der 392 Athleten des Olympia-Teams besitzen überhaupt eine Homepage, magere 30,2 Prozent eine Facebook-Page (private Accounts sind außen vor). Mit 18,2 Prozent nutzen noch weniger Twitter als Marketing- und Kommunikationsinstrument.

“Na und?”, könnte man fragen, “Das sind doch Sportler – die sollen sporteln.” Doch so einfach ist das eben nicht. Das System der Sportförderung steht unter Beschuss, gleichzeitig saugt der Fußball einen immer größeren Anteil der Sponsorengelder ab und selbst die Öffentlich-Rechtlichen übertragen nur noch selten Randsportarten. Erinnert sich noch jemand an Sportschau oder Sportreportage mit Ringer-Bundesliga-Berichten aus Schifferstadt?

Wer als Athlet nicht draufzahlen – geschweige denn von seinem Sport leben will – muss sich vermarkten. Und das fällt selbst bekannten Namen verdammt schwer. Eine gute Homepage wäre der erste Schritt, um Sponsoren Raum zu bieten. Vielleicht gar gepaart mit einem Blog um Fans zum Wiederkommen Anlass zu geben. Doch in der gesamten deutschen Olympia-Mannschaft bloggen gerade einmal 12 Sportler – davon fünf Ruderer. Auch Experimente mit Videos, wie das Youtube-Tagebuch von Schwimmer Steffen Deibler, sind die Ausnahme (und auch Deibler bindet die Sponsoren nicht in die Videos ein).

Ein Erfolg im Social Web ist dabei unabhängig von der Sportart oder der Präsenz in Fernsehen oder Zeitung: Philipp Kohlschreiber (wirklich kein Unbekannter im Tennis) schafft es bei Facebook auf nicht einmal 3.500 Fans und wird überholt von Judoka Ole Bischof (9.600 Fans) oder Degenfechterin Monika Sozanska (5.000). Die Top-Facebooker im deutschen Team sind die zwei Taekwondo-Kämpfer: Sie verfügen beide über eine Facebook-Page. Knapp dahinter folgen die Tennis-Spieler, von denen 85,7% dieses Marketing-Instrument nutzen, die Turner mit 84,2%, das Tischtennis-Team (71,4%) sowie die Schwimmer (60,5%). Ganz hinten: die beiden Bogenschützen, von denen sich keiner in das Social Web wagt.

Ebenfalls traurig sieht es in Sachen Twitter aus.

Radsportler und Tennisspieler nutzen den Dienst zu 57%. Einerseits sind dies in Sachen Management recht fortschrittliche Sportarten, erst recht wenn es um die BMX-Fahrer geht. Andererseits zeigt sich auch international, dass die Sportler sich in Twitter verlieben, die relativ viel reisen oder viel mit internationalen Teamkollegen zu tun haben. So sind beispielsweise eine ganze Reihe DTM-Fahrer auf Twitter zu finden und auch viele DEL-Eishockeyprofis. Ich kenne Hockey und Segeln zu wenig um zu wissen, ob das die Erklärung für die Plätze vier und drei im Twitter-Ranking der deutschen Olympioniken ist. Die Hockeyspieler liegen mit 32,4% zwar noch hinter den Seglern (33,3%) glänzen aber seit einigen Tagen mit erhöhter Aktivität. Sportler aus gleich sechs Disziplinen verweigern sich hier komplett: Fünfkampf, Gewichtheben, Reiten, Ringen, Schießen und Taekwondo. Und mancher, der Twitter erprobt, begeistert sich erheblich dafür. So wie Schwimmer Benjamin Starke, der den Team-Hashtag #WirfürD auf die Straße des Olympischen Dorfs malte.

Sieht das in anderen Ländern anders aus? Ja.

Längst haben Sportler erkannt, dass sie sich über das Social Web unabhängiger machen können von klassischen Sportmedien wie von der Yellow Press. Wie krass die Unterschiede sind zeigt das Beispiel Schwimmen: Während US-Star Michael Phelps 5,4 Millionen Fans auf Facebook zählt, erreicht sein deutscher Widersacher Paul Biedermann gerade einmal 0,1% davon. Sein Management hat sich anscheinend nicht einmal die Vanity-URL (also den simplen Link) bei Facebook gesichert. Biedermann wird damit Phelps vielleicht im Becken schlagen – aber die besseren Argumente bei Sponsoren dürfte der Amerikaner haben.

Doch es geht ja auch um die Fans selbst. Wird ihr Held oder ihre Helden selbst nicht aktiv, dann greifen sie zur Selbsthilfe. Von vielen Sportlern finden sich so Facebook- oder Twitter-Accounts, die Fans pflegen. So werden die deutschen Beachvolleyballerinnen Laura Ludwig und Sara Goller auf Twitter durch ihren brasilianischen (!) Fanclub vertreten und Gewichtheber Matthias Steiner zählt über 3000 Fans auf Facebook, mit denen er nicht kommunizieren kann. So richtig gut sehen solche Fanseiten häufig nicht aus, Verstöße gegen Bildrechte sind hier Alltag und natürlich kann der Athlet oder sein Management wenig bis gar keinen Einfluss auf die Inhalte nehmen.

Dies alles steht diametral im Auftritt der Olympischen Spiele insgesamt entgegen – denn die werden richtig digital.

So wird NBC das Social Web massiv in seine Berichterstattung einbinden. Die digitale Spaltung zu Deutschland werden wir  sicher wieder erleben, wenn ARD und ZDF Internet-Experten auspacken wie jene Twitter-Fachfrau Jeannine Michaelsen, die auch nach Jahren auf den Fake-Account von Harald Schmidt hereinfiel (nebenbei: ihren eigenen, jüngsten Tweet verfasste sie vor 9 Tagen). Sehr lobenswert ist dagegen die iPhone-App der Deutschen Sporthilfe, der Heldenticker: Er aggregiert sämtliche Twitter- und Facebook-Meldungen aus dem Team.

Wie sehr das Volumen der Berichterstattung im Web anschwellen wird zeigten die US-Vorausscheidungen: An einem Tag wurden laut Twitter mehr Tweets über die Trials verfasst als über die gesamten Olympischen Spiele 2008. Auch die Veranstalter selbst zeigen einige interessante Ideen. Langsam beginnt auf der Homepage der Olympische Puls zu pochen, es gibt eine Mobile-App für Ergebnisse und eine für Besucher der Wettbewerbe (sowie ein eher läppisches Spiel) und heute Nachmittag ein Google-Hangout mit Usain Bolt. Gespannt bin ich auf den Travel Planner, der live alle Verkehrsprobleme bei der Anfahrt berücksichtigen soll. Ganz nebenbei ist die Farbführung der Homepage von London2012 absolut vorbildlich.

Natürlich führt dies zu den üblichen Kollisionen zwischen digitaler und analoger Welt. Auch in Deutschland machte ein angebliches Verlinkungsverbot des IOC die Runde. Für mich war dies ein Shitstörmchen im Wasserglas. Der Text bezieht sich für mich zweifelsfrei auf die Vortäuschung einer Geschäftsbeziehung, also beispielsweise einem Sponsoring, mit den Spielen. Genauso ist die Behauptung falsch, der Nutzer übertrage alle Rechte an seinen Social-Media-Nachrichten aus London2012 an die Organisatoren. Dieser Passus der AGB bezieht sich auf die Möglichkeit auf der Homepage der Spiele selbst eine Nachricht einzugeben – erst dann übernimmt der Veranstalter das Recht zur Weiterverwertung.

Aber solche Stürme gibt es rund um London ja eine Menge. Das liegt daran, dass die Engländer in Sachen Olympia so ticken wie die Deutschen vor der Fußball-WM 2006: Sie begegnen der Großveranstaltung mit einem Optimismus, der Nostradamus als Strahlemännchen erscheinen lässt.

Derzeit aber kippt die Stimmung vor Ort, wie Radian6 mit seiner Social Media Monitoring-Software zeigt. 60% der 9 Millionen Social-Media-Konversationen rund um die Olympischen Spiele sind positiv. Und unter den negativen sind reichlich Stimmen, die sich darüber aufregen, dass andere nur rummäkeln. Tatsächlich sind dies dies laut Radian6 die meistverwendeten Worte im Zusammenhang mit London2012:

Deutschlands Medien machen fleißig mit im kritikastern. Nehmen wir nur Meedia, das heute ein wild aufgeblasene Geschichte um das Logo macht. Dieses Logo, nebenbei bemerkt, halte ich für äußerst gelungen, eben weil es so wandelbar ist, dass man auch Unsinn damit anstellen kann. Und ich bin mir sicher: Genau das war beabsichtigt um den strengen Vorgaben des IOC zu entkommen und virale Effekte auszulösen. Meedia also schreibt: “Der Gipfel war vor wenigen Tagen erreicht, als die Meldung verbreitet wurde, das Logo löse sogar epileptische Anfälle aus.” Wenige Tage. Nun ja. “Wenig” ist ja subjektiv. Es sind nämlich rund 1.845 (wenn ich richtig gezählt habe) – die verlinkte Meldung stammt aus dem Jahr 2007. Und auch dort ist vermerkt, dass es nicht das Logo war, dass in seltenen Fällen epileptische Anfälle auslöste, sondern ein Film bei dem eine Sektion laut BBC folgendes zeigt: “diver diving into a pool which had a multi-colour ripple effect”. Das aber hätte der Lust am Weltuntergang des Journalisten nicht geholfen – also lassen wir Details mal weg.

Bleibt noch das Thema Markenrecht. Das IOC untersagt sogar die Verwendung der Olympischen Ringe außerhalb redaktioneller Berichterstattung. Hier bin ich zwiegespalten. Einerseits sollte ein solches, altes Symbol gerade weil es für eine gewisse Werthaltung steht frei zur Verwendung stehen. Andererseits muss ein solche Veranstaltung wie die Olympischen Spiele eben finanziert werden. Und wenn in Sachen Sponsorship nicht alles für die Exklusivität getan wird, springen die Geldgeber eben ab.

Womit wir zu der leider nötigen Distanzierung vom IOC wären. Wir brauchen nicht darüber zu reden, dass dessen Funktionäre ein Haufen sind, den viele für korrupt halten. Zu diesem Thema empfehle ich während der Spiele auch das Blog des geschätzten Jens Weinreich. Doch gleichzeitig sind die Olympischen Spiele eben doch von einer besonderen Faszination – und nur deshalb ist das Thema Korruption ja so wichtig. Ich kann verstehen, wenn jemand Sport-Gucken langweilig findet, wenn er das IOC verachtet – aber Hunderte Millionen Menschen sehen das anders. Und vielleicht sollten deshalb all jene, die in diesen Tagen in Blogs schreiben, Olympia ginge ihnen “am Arsch vorbei” mal überlegen, weshalb sie betonen müssen, dass es ihnen so geht. Sie könnten sich ja auch mal – ohne den IOC-Hintergrund zu ignorieren – mitreißen lassen von der Vorfreude der Athleten, dem Jubel über Siege, all dieser Emotion, die in den kommenden Wochen aus London hinüberschwappen werden. Es ist die Freude darüber, dass Menschen sich neue Grenzen setzen um sie dann zu überlaufen, zu überspringen, zu überwerfen oder zu übersegeln.

Warum?

Weil sie es können.

Ach ja, ab kommender Woche Freitag werde ich für fünf Tage in London sein. Und ich freu mich drauf. Tierisch.

(Vielen Dank für die Recherchearbeit in Sachen Olympiateam an Melanie Pöter!)

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