Die radikale Minderheit namens “ADC-Chef Jochen Rädeker”

by Thomas Knüwer on 5. Juli 2012

Man muss es ja nur schreiben – und schon legt jemand nach. Das ist so in Deutschland: Es kommt in Sachen “Dumme Äußerungen über das Internet” immer noch schlimmer, als man glaubt. Gestern schrieb ich über das Aus für das Überwachungsabkommen Acta und den demokratisch errungenen Sieg einer jungen Generation. Und darüber, dass die Haltung mancher Kommentatoren, wie bei der “FAZ” oder innerhalb der CDU-Bundestagsfraktion, von einer eher undemokratischen Haltung geprägt sind.

Prompt legt ein weiterer Würdenträger nach – und das in einer von  Wissen über das digitale Zeitalter ungetrübten Art und Weise. Es handelt sich um Jochen Rädeker, den Vorstandssprecher des Art Directors Club Deutschland (ADC). Der ADC ist das Sammelbecken der Kreativen im Bereich Werbung und insofern potenziell eine Institution, die in Sachen digitaler Wandel eine Menge beitragen könnte. Könnte. Wenn sie denn wollte.

Rädekers Vorgänger heißt Amir Kassaei, ist heute weltweiter Kreativchef der Großagentur DDB und einer der streitbarsten Figuren der deutschsprachigen Werbeszene. Auch wenn man nicht immer seiner Meinung sein muss: Kassaei bringt das nötige Wissen für das 21. Jahrhundert mit. Bei seinem Antritt versprach Rädeker im Interview mit einem Fachmagazin: “Wir werden die Instanz für kreative kommunikative Exzellenz im deutschprachigen Raum sein und bleiben, das ist ein lebendiges Thema.”

Nun. Die Homepage seiner Agentur Strichpunkt arbeitet mit Flash, das dazugehörige Blog ist ein wirres Sammelsurium ohne Kommentaraktivität, dessen RSS-Feed bildet den Hauptteil der Aktivitäten auf der Facebook-Seite und auch der Twitter-Account kommt ohne Kommunikation aus. Außerdem findet sich auf Twitter ein Profil für einen Jochen Rädeker, das nie aktiv war. Wenn Rädeker also digitale Kompetenz mitbringt, so schimmert im täglichen Leben des Internets wenig davon durch.

Das hält den ADC-Sprecher nicht davon ab, sich zu Acta zu äußern. Und was da von ihm als PDF (sic!) auf der Homepage zu lesen ist, ist von einer gehobenen Unfassbarkeit. Hier einige Auszüge:

“Das ist ein katastrophales Armutszeugnis für die europäischen Medienpolitiker…

Das gescheiterte ACTA ist aber auch – und das wiegt schwerer – ein hirnloses Einknicken der Politik vor ein paar wenigen, radikalen Vertretern einer inakzeptablen Gratiskultur.”

Ach ja, die Gratiskultur im Internet. Auch Rädeker trägt diesen Chimäre weiter. Obwohl er wahrscheinlich, wie die meisten Kreativen, einen Computer mit Apfel-Logo verwendet. Merkwürdig, dass diese Gratiskultur vor den Türen von iTunes Halt macht. Oder denen von Amazon. Oder Netflix. Weiteres zum Thema hatte ich vor drei Jahren schon mal aufgeschrieben.

Die “wenigen radikalen Vertreter”, die Rädeker da ausgemacht hat waren Zehntausende Menschen auf den Straßen und hunderttausende bei Online-Petitionen. So viele Radikale? Der ADC besteht zu einem gewichtigen Teil aus Menschen deren Hauptaufgabe es ist, die “werberelevante Zielgruppe” zu erreichen. Wenn der Cheflobbyist nicht versteht, dass dies genau jene Menschen sind, die sich gegen Acta engagieren, dann erklärt das zumindest die kreative Hilflosigkeit der deutschen Werbung in diesen Zeiten.

Lauschen wir weiter dem Rädeker-Rant:

“In letzter Konsequenz bedeutet das Scheitern von ACTA das Ende von künstlerischem Schaffen, kulturellem Angebot, wissenschaftlicher und unternehmerischer Arbeit: Denn wer schreibt, komponiert oder gestaltet, forscht oder produziert noch, wenn die Ergebnisse im zentralen Medienkanal unserer Zeit nicht mehr geschützt und folgerichtig von niemandem mehr bezahlt werden?”

Tja: All das ist geschützt. Heute schon. So richtig mit Gesetz und so. Und dieser Schutz wird durchgesetzt – teilweise in inakzeptabler Art, wie die Massenabmahnungen gegen Teenager in Sachen Musikpiraterie zeigen. Ob der Patentschutz nicht überdacht werden müsste, wenn er so Ressourcen raubende und innovationsfeindliche Rechtskriege entfacht wie derzeit in den USA wäre auch mal so eine Frage. Insgesamt aber endet auch hier  Rädekers Denken auf Dackelschwanz-Distanz. Denn die allerallerallermeisten Kreativen beginnen ihre Arbeit ohne jede Entlohnung. Es scheint also zunächst mal eine intrinsische Motivation zu geben. Die extrinsische muss auch weiter existieren. Doch vielleicht liegt das Problem eher im Bereich der Verwerter denn der Urheber?

Übrigens: Als ADC-Chef könnte Rädeker natürlich auch mal einen Rant gegen die eigene Branche loslassen. Schließlich ist Werbung im Jahr 2012 nicht nur so unkreativ wie seit Jahrzehnten nicht mehr – sondern selbst Großagenturen klauen Ideen von der Konkurrenz und schmücken sich wie im Fall Jung von Matt mit Preisen, die sie auf eine Art erringen, die man als “erschleichen” bezeichnen könnte.

Weiter im Rädeker-Text:

“Wer genauso populistisch wie blauäugig fordert, dass private Downloads geistigen Eigentums und kreativen Outputs kostenfrei möglich sein sollen, denkt zu kurz: Denn Schriftsteller werden nicht nur von Bibliotheken und Musiker nicht nur von Discotheken bezahlt – ihr Produkt ist vor allem eines für den privaten Markt. Genauso wenig werden Unternehmen noch in Forschung oder Design investieren, wenn das Erarbeitete sofort Allgemeingut wird.”

Das Thema “Privatkopie” könnte Rädeker, sagen wir, nochmal intellektuell durchdringen. Genauso wie die Verwertungsketten medialer Inhalte. Schriftsteller werden nicht vom Leser bezahlt – sondern von Verlagen. Und das oft schlecht. Auch das Thema Schutz von Unternehmenserrungenschaften hat eine andere Seite: Darunter fällt eben auch ein harter Patentschutz für Medikamente. Ohne diesen wären Pharmaka in der Dritten Welt günstiger zu haben und könnten Leben retten. Aber was ist das schon gegen einen gepflegten Acta-Ausbruch?

“Das „Nein” zu ACTA kommt einem „Ja” zu Produktpiraterie, Ideenklau und illegaler Weiterverbreitung von Inhalten gleich: Ein Pyrrhussieg für die digitale Generation in den Industrieländern, die in ihrer eigenen Wertschöpfung immer mehr auf das Internet angewiesen sein wird.”

Und das ist natürlich – Blödsinn. Stattdessen arbeitet genau diese Generation ja an neuen, zeitgemäßen Geschäftsmodellen für mediale Inhalte. Und sie darf das erstmal ohne ein Überwachungsabkommen tun das nur innovationsfeindliche Alt-Unternehmen abgesichert hätte.

“Statt ACTA müssen nun schnellstmöglich alternative Schutzmaßnahmen gegen Urheberrechtsverletzungen und Produktpiraterie gefunden werden – im Dialog mit der Öffentlichkeit und den Kreativen.”

Wir brauchen keine Schutzmaßnahmen, wir brauchen – das aber nicht unfassbar dringend – eine Anpassung des Urheberrechts an das Digitale Zeitalter. Und das muss im Dialog mit der Öffentlichkeit erfolgen. Wenn aber Rädekers Äußerungen das Niveau sind, das Deutschlands Kreative in diese Diskussion einbringen können – dann sollten wir sie und den ADC aus der Debatte besser fernhalten. Schließlich wäre es falsch vor radikalen Minderheiten einzuknicken.

(Foto: Tom Ziora)

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