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Netzwert Reloaded LXXV: Graubrot

In der Serie “Netzwert Reloaded” verfolge ich jede Woche, was das Team von Handelsblatt Netzwert vor exakt 10 Jahren über das digitale Geschäft schrieb. Alle Netzwert-Reloaded Folgen finden Sie hier.

Ganz schön grau, die Rückseite der Netzwert-Ausgabe vom 15. April 2002. „Graubrot“ nannten wir die „Amtlichen Anzeigen“ in der Redaktion. Es handelt sich um die Handelsregister-eintragungen, die zu jener Zeit noch in Pflichtblättern veröffentlicht werden mussten. Da ging es zum Beispiel um die Stammkapitalerhöhung des Droste Verlags oder um die Verlegung der Tropolys GmbH von Hallbergmoos nach Düsseldorf.

Geld brachten diese Anzeigen auch, allerdings nicht so viel wie eine jener bunten Anzeigen der Industrie. Trotzdem mochten die Zeitungen jenes Graubrot: Denn es musste nicht sofort erscheinen, sondern innerhalb einer gewissen Frist. Das machte die „Amtlichen“ zu einer wunderbaren Verschiebemasse: War an einem Tag mehr los, konnten auch ohne „richtige“ Anzeigen das Blattvolumen gegenfinanziert noch oben gefahren werden.

In der Netzwert-Ausgabe vom 15.4.02 bilden jene Amtlichen eine ganze andere Auffangmasse. Denn in jenem Frühjahr tobte mal wieder ein Drucker-Streik. Während die Gewerkschaften 6,5 Prozent mehr Lohn forderten legten die Arbeitgeber gar kein Angebot vor. Und so begann eine Zeit des frühen Andrucks und der wenigseitigen Ausgaben. Auch Netzwert bekam das zu spüren: Weil es keine Anzeigen gab bestand jene Ausgabe aus zwei mageren Seiten.

Der Aufmacher drehte sich um ein Thema, das seit jener Zeit ständig um sich selbst dreht: IT und Mittelstand. Denn seit über einem Jahrzehnt versuchen Unternehmen wie SAP oder Microsoft den deutschen Mittelstand zu knacken. Fast wirkt es wie ein Running Gag, wenn gerade SAP Jahr für Jahr verkündet, nun die ideale Software für mittelgroße Unternehmen präsentieren zu können.

Damals sagte der Bauzulieferer Korte: „Mittelständler brauchen ganzheitliche Lösungen, die passgenau und bezahlbar sind. Die sind aber nicht zu bekommen.“ Korte hatte daraufhin selbst eine Lösung zur mobilen Vernetzung von Baustellen basteln lassen. Bei einer Umfrage unter E-Business-Entscheidern im Auftrag von Netzwert sagten nur 22 Prozent, dass die die ihnen angebotenen Lösungen für ausreichend hielten. Selbst große Mittelständler wie der Werkzeug-Vertrieb Berner mit 5.800 Mitarbeitern griff zur Selbsthilfe – und entwickelte eine Plattform für seine Außendienstler.“

Das grundlegende Problem lag damals im Versuch, der lodernden Krise durch Synergieeffekte Herr zu werden: Die IT-Unternehmen speckten ihre Großkonzern-Lösungen ab und versuchten sie an alle Mittelständler zu verkaufen. Dabei benötigten die für jede ihrer manchmal kleinen Branchen eigene Lösungen.

Dabei hatten die IT-Unternehmen auch ein Vermittlungsproblem. Zu jener Zeit wohnte ich einer Diskussion in Düsseldorf bei unter dem Titel: „Web Services – Mythos oder Realität?“ Auf dem Podium saßen Vertreter von Bea Systems, die Giga Group und OC&C – im Publikum viele Mittelständler. Und die waren hinterher ratlos: Denn was diese Web Services nun eigentlich so genau sein sollten, wussten ihnen die IT’ler nicht zu erklären. Sie waren nur in der Lage wolkige Ankündigungen zu streuen: „Ich will schon bald von meinem Navigationssystem nicht nur die Fahrtroute, sondern auch die Staumeldungen haben.“

Doch wer sich schon in solcher Runde nicht verständlich machen kann, der wird eben Schwierigkeiten haben, bodenständige Mittelständler von seinen Diensten zu überzeugen.

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