Der Facebook-Börsengang ist der Gegenbeweis für eine neue Dotcom-Blase

by Thomas Knüwer on 18. Mai 2012

In diesen Tagen gewinnt man den Eindruck, Deutschlands Wirtschaftsjournalisten bewegen sich intellektuell auf der Höhe des Tiers aus der Muppet-Show beim Anblick eines Schlagzeugs. Wer aktuelle “Facebook” und “Blase” als Suchbegriffe bei Google News eingibt, erhält über 3.000 Treffer. Anlässlich des Börsengangs der Nummer eins unter den Social Networks ergeht sich, so scheint es, jeder mit dem Theme betraute Redakteur im Salbadern darüber, ob es nun eine neue Dotcom-Blase gibt.

Hier einige Beispiele:

Tagesschau.de (im Börse-Online-Wasser fischend): “Megagewinn oder neue Blase?”

“Rheinische Post” (backfischig aufgeregt): “Facebook und die Angst vor der Blase”

Welt.de (und somit auch das Hamburger Abendblatt und Berliner Morgenpost – Springer-Blätter sind ja austauchbar): “Die hohe Bewertung fachte die Diskussion wieder an, ob bei Facebook eine Blase droht wie zu den schlimmsten Dotcom-Zeiten.

Und den Tiefpunkt lieferte ntv.de, immerhin der Online-Ableger eines Fernsehsenders, der sich irgendwie auch als Wirtschafts-TV versteht, mit einer antikapitalistischen Kampfschrift: “Kapitalismus krallt sich Mitmach-NetzNach Facebook kommt: nichts mehr”

Immerhin: Wenigstens die Wirtschaftsmedien selbst scheinen sich rauszuhalten. Bei Handelsblatt.com und FTD.de konnte ich keine Blasenbildung ausmachen (die Print-Artikel beider Blätter werden ja nur noch homöopathisch online gestellt).

Man muss sich vor Augen halten, was es braucht, um in Deutschland das Wort Blase zu verwenden: 1 Börsengang eines Internet-Unternehmens. In Worten: ein. Denn weitere sind ja nicht angekündigt. Und die Zahl der Unternehmen, die dafür in Frage kämen ist überschaubar: Dropbox ganz sicher, vielleicht Evernote, in Deutschland munkelt man über Zalando. Aber sonst?

Erinnern wir uns doch an die wilde Zeit der Dotcom-Blase vor über 10 Jahren. Damals gab es nicht mal hier einen Börsengang und dort einen, sondern es gab mehrere am Tag. Und jeder dieser Werte schoss nach oben.

Und heute? Müssen auch Internet-Unternehmen beständig gute Zahlen abliefern. Das zeigen die Beispiele Zynga und Groupon: Ihre Kurse fielen nach dem Börsengang, weil sie noch nicht einmal normale Erwartungen erfüllen könnten. Wenn aber genau das passiert – dann ist dies das GEGENTEIL einer Blase. Denn Blasen implizieren ja nicht funktionierende Märkte.

Und Facebook? Ist ein sauteurer Börsengang, aber kein völlig irrwitziger. Nehmen wir als beliebten Gradmesser das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV). Dieses liegt bei Facebook bei rund 100 – das ist immens mehr als bei Google mit 18. Aber: Als Google an die Börse ging betrug sein KGV ebenfalls 100. Das von Amazon liegt sogar immer noch bei 126.

Nun ist ein Kurs ja nicht das Abbild abgelaufener Geschäfte sondern zeigt die Erwartungen der Börse an ein Unternehmen. Diese Erwartungen sind bei Facebook hoch und dafür gibt es einen schlichten Grund: Das Netzwerk hat seine Möglichkeiten der Monetarisierung nicht mal ansatzweise ausgeschöpft. Der Umsatz pro Nutzer liegt zwar unter dem bei Google, doch wer dies weiter aufschlüsselt wie dies Egghat in seinem Blog tut, stellt fest, dass die US-Zahlen deutlich besser sind – weil der Anzeigenverkauf dort weiter ausgebaut ist. Außerdem hat die Monetarisierung der mobilen Plattform nicht einmal angefangen.

Ja, aber, werden dann viele einwerfen, “GM hat doch gerade seine Anzeigenbuchungen gestoppt”. Stimmt. Und hach, was wurde diese Meldung (freudestrahlend?) von deutschen Medien kolportiert. Erstaunlich, dass kaum eines dieser Medien weiter recherchiert hat. Dann hätte es auf eine nur kurz zuvor auftauchende Meldung über Ferrero stoßen können. Die Italiener erklärten, ihre Facebook-Werbung erziele bessere Resultate als die im TV. Und GM-Rivale Ford, ohnehin ja ein Vorzeigebeispiel in Sachen Social-Media-Marketing tweetete nicht ohne Hohn: “It’s all about the execution. Our Facebook ads are effective when strategically combined with engaging content & innovation.”

Macht das Facebook nun zu einem tollen Investment? Nein. Es macht Facebook zu einem ganz normalen Börsengang eines mit Risiken behafteten Technologieunternehmens. Doch ganz normale Börsengänge – die gibt es für viele deutsche Journalisten anscheinend nicht mehr. Sie sehen überall viele, bunte Blasen. Kompetent muss man das nicht finden.

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