Das “Handelsblatt” auf dem Weg zur Klowand

by Thomas Knüwer on 13. April 2012

Das “Handelsblatt” ergeht sich in diesen Tagen in einer Kampagne zu Gunsten von Rechteverwertern, also Verlagen, also unter anderem sich selbst. Ach ja, und natürlich gegen die Piratenpartei. Denn die muss verhindert werden, schließlich sind all die schönen Beziehungen zu Klassik-Parteien weniger wert.

Erstes Erzeugnis dieser Propaganda (journalistischer Anspruch mag man angesichts der Ergüsse nicht ungerechtfertigterweise unterstellen) war eine Titelgeschichte, die eingeleitet wurde mit einem Text von Sven Prange. Dieser Text enthielt zahlreiche Verdrehungen, Falschinformationen und ökonomische Irrlichtereien (meine ausführliche ausführliche Kritik können Sie hier lesen). Es folgte reichlich Wirbel. Zahlreiche Blogs setzten sich mit diesem eher in die Kategorie “PR” einzuordnenden Text auseinander. Dies nennt man gemeinhin einen Shitstorm. Wie so häufig im Netz verwandelte der sich in ein Mem (Eigenwerbung: Zum Thema Mem lesen Sie auch einen schönen Text in der zweiten Ausgabe der WIRED Deutschland, deren iPad-Version seit heute zu haben ist). Dieses fand auf Twitter statt und hieß #wasimHandelsblattfehlt. Hunderte von Nachrichten liefen auf und für gewöhnlich ist die Sache dann erledigt, wenn die US-Sex-Spam-Bots das Schlagwort aufgreifen, also so nach ein, zwei Tagen.

Nun schiebt sich der Berater in mir kurz nach vorne: Ist ein Unternehmen in dieser Situation, so ist ein Mem das beste, was passieren kann – denn dann wird es lustig. Mems sind ein Spiel und spielt der Betroffene mit, entlädt sich die aufgebaute Spannung auf beiden Seiten. Ab dann kann geredet werden mit dem Angreifer.

Das “Handelsblatt” tat das Gegenteil. Es drehte bei vielen den Mem-Spaß in Neue Wut in dem es aus einigen der Nachrichten eine Klickhuren-Strecke bastelte. Online-Journalismus aus dem Jahr 1999, wie Edelman- und Ex-Focus-Onliner Björn Sievers richtig anmerkt. Deshalb auch ist dieses Mem noch immer ein wenig aktiv – und wird es bleiben, würde ich tippen.

Denn Online-Chefredakteur Oliver Stock erlitt offensichtlich durch diese Reaktion eine Adrenalin-Schock und ging mit diesem vor die Kamera:

Ja, gut, dieses Video braucht ein wenig, sagen wir… Unterstützung:

(Womit ich dem großartigen Team  bei Blinkenlichten für die Unterstützung niederkniend danken möchte!)

Heute nun erscheint ein gemeinsamer Text von Stock und Prange und er ist von so unfassbarer Demagogie geprägt, dass es nötig ist ein paar Worte darüber zu verlieren. Denn wie hier das Vorgehen des “Handelsblatts” als Vorgehen der Menschen und Leser im Netz behauptet wird, das ist von einer Dreistigkeit, die ihresgleichen sucht.

Zunächst dürfen Zweifel angemeldet werden, ob die Texte in der Optik real sind.

Da das “Handelsblatt” anscheinend keine Screenshots in druckfähiger Optik anfertigen kann (was ungewöhnlich ist) hat man sich etwas zusammengebastelt. Wir sehen Pseudo-Internet-Explorer Monitore mit Einträgen, die angeblich aus Foren stammen. Oben sehen wir Links. Diese sind… nun ja… problematisch.

http://forum.spiegel.onlien.com: Ja, das waren noch Zeiten, als sich das “Handelsblatt” Korrektoren leisten konnte. Doch selbst richtig geschrieben landet dieser Link – im Nichts. Die Seite existiert nicht.

http://forum11k2: Nein, da kommt kein Punkt mit einer Domain-Endung. Auch dieser Link ist eine Erfindung. Möglicherweise gemeint ist das Free-Software-Blog 11k2. Das aber hat kein Forum.

http://forum.t-online.de: Sie ahnen es – gibt es nicht.

http://hb.forum.com: Der eigentliche Brüller. Denn die Seite schwenkt um auf HB.com – und diese Domain zu erwerben war dem “Handelsblatt” halt zu teuer.

Sprich: Keines der Zitate ist nachvollziehbar – sind sie alle gefälscht? Vor allem aber: Warum fixiert sich das “Handelsblatt” auf Foren. Dies führt zum eigentlichen Kern des Problems: der Digital-Kompetenz der Redaktion.

Jener Text unter den erfundenen Foren-Einträgen erinnert an eine Äußerung von Jean-Remy von Matt aus dem Jahr 2006: Klowände des Internets nannte der Ex-Star-Werber damals Blogs. “Das Netz ist keine Toilettenwand” schreibt sechs Jahre später das “Handelsblatt” und auch die Argumentation ist seit diesem halben Jahrzehnt nicht weitergekommen. Stock und Prange schreiben über “eine Szene, die mit Sprache zu überdecken versucht, dass sie keine inhaltlichen Ansatzpunkte in der Debatte findet”. Und ich dachte: Hey, Auto-Flagellation! Aber nein, gemeint ist natürlich die “Netzgemeinde”, alle die bloggen und Blogs lesen, alle die Kommentare schreiben, die tweeten oder sonstnochwas – alle in einen Sack und draufhauen. Wer steckt in diesem Sack? Die Bürger. Die Bürger die es wagen, das “Handelsblatt” zu kritisieren. Eine andere Meinung zu haben – und diese kundzutun. Man hat keine andere Meinung zu haben als das “Handelsblatt”, das steht auch mit Geheimtinte geschrieben im Impressum der Zeitung – bügeln sie nur mal drüber.

Was Stock und Prange nicht begreifen: Was sie erleben ist menschliche Kommunikation. Und die ist so gut oder böse, wie Menschen nun mal sind. Interessant ist zum Beispiel auch die bemerkenswert sachlichen Kommentarlage auf Youtube.

Auch in diesem Text nehmen die Handelsblättler keine Stellung zu den zahlreichen inhaltlichen Kritiken. Wie sollten sie auch? Sie müssten so viele inhaltliche Fehler korrigieren, dass der Artikel zum Entschuldigungsartikel würde. Sie müssten sich beschäftigen mit schweren Themen wie dem Unterschied zwischen Verwertern und Urhebern. Mit der Frage, ob das Problem jener “Tatort”-Drehbuchautoren, die sich zusammentaten nicht raubkopierte Inhalte sind, sondern zehnmal so gut entlohnte Regisseure. Schwierig. Würde Recherche erfordern. Kriegen wir nicht hin.

Also lieber kollerkommunizieren (verdammt, lang nicht mehr genutzt das Wort). Munter heißt es im Text, das Netz sei anonym. Dass es einen Unterschied gibt zwischen Anonymität und Pseudonymität, das ist zu viel verlangt als Verständnisgewinn. Und wie ausbaufähig Stocks Anonymitätserkennungskompetenz im Netz ist, das habe ich ja versucht in dem Video klarzumachen.

Das Wissen der Autoren scheint sich auf dem Niveau von 2006 zu bewegen. Twitter war frisch gestartet, Facebook öffnete sich eben erst für ausländische Studenten. Gerade in jenem Jahr setzte ein Wechsel ein: Die Spielphase endete, in der wir Identitäten erfanden und mit Geschlechtswechseln spielten. Das letzte Zucken war Second Life, das nie so groß war wie viele Medien es schrieben. Ende 2007 war auch dieser Wirbel vorbei.

Mit Social Networks wurden aus Pseudonymen Identitäten. Heute sind die wenigsten nicht identifizierbar. Denn nur wenn sie erkennbar sind ist die Kommunikation in Social Media fruchtbar. Anonym oder nicht erkennbar Pseudonym wird praktisch nur noch in Foren oder auf Nachrichtenseiten kommuniziert. Dabei kennen sich die Teilnehmer in länger gewachsenen Foren durchaus zumindest digital – denn sie diskutieren ja häufig miteinander -, auch gibt es Hierarchien. Die aber sind für Außenstehende schwer zu durchblicken, man muss sich reinarbeiten.

Kommentare unter Nachrichtenseiten sind etwas anderes. Die meisten Redaktionen moderieren nicht (das trifft auch auf Handelsblatt.com zu) und nutzen ähnliche Identifikationsmöglichkeiten wie Foren – Pseudonymität ist hier kein Problem. Dies ist vergleichbar mit einer großen Kneipe ohne Türsteher und mit zu wenig Barleuten: Hier darf jeder rein und wenn er sich danebenbenimmt wird er nicht zurechtgewiesen. Solche Orte sind dann tatsächlich der Platz für wüste Beschimpfungen und Kneipenschlägereien – man werfe nur einen Blick unter die Kommentare beim “Handelsblatt”. Nun kündigt Stock übrigens an, man müsse sich anmelden. Das wird die Zahl der Kommentare senken, aber nicht Pseudonymität verhindern. Das könnte nur die Kommentierung über Dienste wie Facebook – hier ist der Großteil der Nutzer klar identifizierbar unterwegs.

Nun also wettern Stock und Prange gegen ihre Leser. “Wir machen uns vor, wenn wir glauben, in den anonymen Weiten des Netzes entstände eine neue Demokratie.” Und 60.000 Acta-Unterschriften brächten das undemokratische Abkommen zu Fall, “60.000 kriegt die Friedensbewegung jedes Jahr Ostern auf die Straße”. Nun, ich glaube nicht, dass es 2012 60.000 Friedensbewegte waren. Tatsächlich aber waren es 61.000 Zeichner der Online-Petition, also Teilnehmer eines demokratischen Verfahrens, die Stock hier abtut. 61.000 sind für ihn nicht viel. Zum Vergleich: Das “Handelsblatt” hat 82.000 Abonnenten. Ach ja, europaweit gab es 2,4 Millionen Unterschriften.

Hilflos schimpfen Prange und Stock auf “Internetaktivisten, denen der Rechtsstaat gleichgültig ist”. Wo sehen sie die? Im Gegenteil legt ja die Piratenpartei – was Prange in seinem ersten Text nicht erwähnte – Wert darauf, nicht “geistiges Eigentum” zu verwenden, sondern den Begriff “immaterielle Rechtsgüter”. Warum? Weil es der juristisch korrekte ist. Das “Handelsblatt” verwendet “geistiges Eigentum”. Rechtsstaat, anyone?

Besonders unterhaltsam ist die Passage über den Begriff Shitstorm.

“Wohlwollende..” (Bitte beachten Sie: Immer wenn ein Journalist eine Meinung aber keine Quellen hat, wählt er solche Anonymisierungen.)

“…tun es als Begriff einer neuen Jugendsprache ab, …” (Aus einer alten Jugendsprache – das wäre mal was neues.)

“…sie gestehen dem Gedanken etwas Avantgardistisches zu.” (Erlauben Sie mir einen Begriff aus der neuen Jugendsprache zu verwenden: wtf?)

“Dabei muss man das Wort nur wörtlich übersetzen, um zu verstehen, dass es etwas Unangenehmes meint.” (Ja. Niemand würde behaupten ein Shitstorm wäre etwas tolles. Aber vielleicht überrascht das “Handelsblatt” seine Leser damit, dass erst nach Übersetzung klar war, dass Liquidation, Insolvenz und Failed State eigentlich ja etwas Unangenehmes meinen.)

Und nun beginnt eine unfassbare Arroganz aus den Zeilen zu triefen:

“In Wirklichkeit ist Shitstorm die Rückkehr des Pöbels in die gesellschaftliche Diskussion.” Was Stock und Prange nicht sehen wollen: Ja, es gibt immer derbe und inakzeptable Äußerungen. Aber die entstehen nur, wenn jemand Gegenargumente gegen eine Handlung oder eine Äußerung vorbringt. Und das muss er fundiert tun. Der Text zitiert – natürlich ohne Nennung des Urhebers – auch einen Kommentar, der irgendwo stand (vielleicht auf forum.hb.com): “Ja, sehr gut @handelsblatt! Spalten! Mehr Hass! Mehr Unschärfe in der Debatte! Alle aufhetzen! Heuchler!” Da wird ein Journalist dazu aufgefordert, seine Gedanken schärfer zu formulieren. Und wie reagiert er – er tut den Leser als Pöbel ab.

Prange und Stock schreiben weiter: “Längst sind Teile des Mitmach-Internets zur Toilettenwand des 21. Jahrhunderts geworden”. Da kann man ihnen gar nicht widersprechen, außer beim Begriff “Mitmach-Internet” – der ist nun wirklich ewiggestrig. Doch dieser Anteil sinkt. Für Stock und Prange existieren keine Blogs von Ökonomen, kein Kampf gegen Farc-Rebellen auf Facebook, keine Fachdiskussionen zu welchem Thema auch immer.

“Längst sind Teile des Mitmach-Internets zur Toilettenwand des 21. Jahrhunderts geworden”. Ja, das ist nicht falsch. Doch genauso wahr ist: Längst haben sich Teile der “Handelsblatt”-Redaktion zum Propaganda-Apparat ihres Verlegers entwickelt und jedweden journalistischen Anspruch abgelegt. Denn einst war es die Aufgabe des Journalismus, den öffentlichen Diskurs zu moderieren. Heute ist die Öffentlichkeit für ihn der Pöbel.

In der Ziffer 1 des Pressekodex steht übrigens:

“Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse.
Jede in der Presse tätige Person wahrt auf dieser Grundlage das Ansehen und die Glaubwürdigkeit der Medien.”

Sieht sich das “Handelsblatt” dem noch verpflichtet?

Nachtrag: Zum 20.000. “Pöbler” im “Mitmach-Netz” Facebook wurde noch ein Video gedreht inklusive Veuve Zuckerberg. Man kann das bipolar finden.


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