Draw Something: Lernen von den Montagsmalern

by Thomas Knüwer on 26. April 2012

„Montagsmaler“.

Das klingt so süß, so frankelstner und so siggihareiß.

Weshalb vielleicht mancher vor einigen Wochen die Meldungen nicht weiter beachtet hat über den Kauf des Spieleproduzenten OMGPop durch den weitaus größeren Rivalen Zynga für 180 Millionen Dollar. Was ist solch eine Summe schon verglichen mit einem 100 Mrd.-Börsengang von Facebook? Und dann noch dieses Spiel, das OMGPop so begehrt gemacht hat: „Draw Something“ – welch läppischer Titel und welch profanes Konzept, ein simples Montagsmaler-Duell.

Tatsächlich aber ist Draw Something ein fabelhaftes Lehrstück für all jene Marketing-Verantwortlichen die mit ihren billigen Autorennspielen oder „Gib Deinen Freunden einen Kuss“ bestenfalls lauwarme Resonanz erzeugen. Solche Spiele sind ja durchaus beliebt: Viele Entscheider sehen große Nutzerzahlen, bekommen Einladungen von Freunden zu Farmville oder Mafia Wars und schließlich legt ihnen der Assistent vielleicht noch Analysen zu Casual Gaming, wie dieses Feld heißt, die zeigen, dass entspanntes Nebenbei-Spielen in weiten Teilen der Bevölkerung ein beliebter Zeitvertreib ist – bei Männern wie Frauen.

Draw Something ist auch so ein Casual Game. Eines mit einem Start wie keine Mobile App zuvor: 50 Millionen Downloads in 50 Tagen, 3000 Zeichnungen pro Sekunde – ein neuer Maßstab. „Wir glauben, es ist nicht nur das am schnellsten wachsende Handy-Spiel aller Zeiten… sondern auch eine der am schnellsten wachsenden Web-Sensationen, die wir je gesehen haben“, sagte Zynga in einem Statement beim Kauf. Die täglichen aktiven Nutzer sind seit dem Kauf zwar anscheinend nach unten gegangen, die monatlichen aber steigen weiter – wenn auch ein Übergang in ein exponenzielles Wachstum, also den Hockeystick, derzeit nicht erkennbar ist.

Für die zwei bis vier Menschen, die es noch nicht gespielt haben: Der Spieler sucht per E-Mail oder Facebook einen Gegner; dann wählt er aus drei vorgegebenen Begriffen einen und malt ihn (Spielverderber schreiben ihn einfach hin – ein homöopathisch zu nennender Spaß). Nimmt der Freund die Herausforderung an sieht er nicht das Bild sondern das Malen im Verlauf. Er sieht auch, wie viele Buchstaben das gesuchte Wort hat und bekommt eine begrenzte Zahl Buchstaben zur Auswahl. Hat der den Begriff richtig geraten bekommen beide je nach Schwierigkeitsgrad ein bis drei Punkte. Nächste Runde: nun malt der andere.

Was Draw Something auszeichnet ist die Erkenntnis, dass ein Spiel so leicht sein muss, dass selbst intelligente Toastbrote den Einstieg finden und vielfältig genug damit Vielspieler dabei bleiben. Dies erreicht Draw Something über die Begriffsauswahl. Selbst ein gut trainierter Pawlowscher Hund könnte „Cry“ zeichnen oder erraten. Bei “uppercut” wird’s schon schwerer. Stück für Stück scheint OMGPop die Herausforderung zu steigern, immer mehr Personen aus Zeitgeschehen und Popkultur tauchen auf: Kobe (Briant) zum Beispiel oder auch Kardashian.

Auch die Begrenzung der möglichen Worte durch vorgegebene Buchstaben hält Gelegenheitsspieler bei der Stange. Selbst wenn die Zeichnung des Freundes ein absurdes Gekritzel ist bildet der Versucht aus den Lettern ein vernünftiges Wort zu bilden den sekundären Reiz von Draw Something – ein Spiel im Spiel.

Der nächste wichtige Faktor ist das Gefühl des Echtzeit-Spielens. Die beiden Kontrahenten müssen nicht gleichzeitig online sein. Doch gibt ihnen das Spiel dabei zu sein in dem Moment, da der andere malt oder rät. Denn wir sehen eine Aufzeichnung der beiden Prozesse, sehen weggeworfene Bilder und falsch eingetippte Buchstaben, wir sind dabei.

Dann die errungenen Punkte. Sie lassen sich in zusätzliche Farben eintauschen, was man auch früh will – denn Grün wird nicht mitgeliefert, oder sie können eingesetzt werden um die vorgeschlagenen Begriffe durch andere zu ersetzen oder die Zahl der Buchstaben zum Lösen verringern.

Über all dem aber schwebt die Kreativität. Hier geht es nicht darum, aus vorgegebenen Bausteinen eine Farm zu bauen oder nur einen Gegner kurz zu schlagen. Die Möglichkeit, sich auch zeichnerisch zu verbessern hebt Draw Something vom Gros der Casual Games ab. Wer ein wenig dabei ist lernt von anderen, er wird mutiger und – tatsächlich – wird man immer besser.

Draw Something ist auf so vielen Ebenen gelungen, dass es unheimlich ist. Ich bin sicher, dass wir bald Nachahmer sehen werden, nicht nur im Bereich des Malens sondern genauso in Feldern wie Musik.

Man darf Draw Something schon ein wenig genial finden. Gut zu wissen, dass OMGPop zuvor fast nur Flops geliefert hat und fast schon pleite war. Und auch das ist eine der Lehren, die wir aus Draw Something ziehen können: Es ist sauschwer gute Casual Games zu entwickeln. Das mögen sich dann die Marketingverantwortlichen und Online-Agenturen in die Moleskines schreiben und bedenken wenn sie das 32.362. Autorennspiel mit hakeliger Steuerung auf Facebook starten, dass dann von 47 Menschen (darunter 32 Mitarbeiter) gespielt wird.

 

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