Warum MyFCB etwas aussagen könnte über wie weit mia san
19. März 2012
Wer nutzt eigentlich Pinterest?
22. März 2012

Netzwert Reloaded LXIX: Paid-Content-Träume und ein Manifest

In der Serie “Netzwert Reloaded” verfolge ich jede Woche, was das Team von Handelsblatt Netzwert vor exakt 10 Jahren über das digitale Geschäft schrieb. Alle Netzwert-Reloaded Folgen finden Sie hier.

„Bis spätestens Mitte des Jahres wollen die großen deutschen Verlage Teile ihres Online-Angebots kostenpflichtig machen. Das ergab eine Befragung von sieben führenden deutschen Verlagshäusern durch Arthur Andersen.“

Wer hat das wohl vermeldet? Meedia? Turi2? Nein. Es war Netzwert. Am 4. März 2002.

Es soll also bitte kein Verlagsmanager behaupten, die Medienhäuser hätten irgendwelche historischen Chancen verpasst, ihre Inhalte im Web zu verkaufen. Sie haben es ja versucht – und das in einer Zeit, das es noch nicht Massen von Ausweichmöglichkeiten für die Leser gab. Aber schon damals hat es nicht funktioniert.

Und noch so eine Sache, die seit einer Dekade immer wieder herumgeistert: Cyber-Terrorismus. Ich möchte das Thema nicht niedlich reden. Doch ist es ja erstaunlich, wie wenig bisher in diesem Feld passiert ist verglichen mit der Zahl von Warnern und Alarmisten. Einen wohltuenden Gegensatz lieferte in jener Netzwert-Ausgabe war es Dorothy Denning, Professorin an der Universität Washington, die unter anderem sagte:

„Betrug, Diebstahl, Sabotage, Vandalismus und Erpressung – ja. Aber Terrorismus – nein…

Solange ein Hacker das Gesetz nicht bricht ist er kein Krimineller. So einfach sehe ich das.

Zum einen fehlt den Terroristen häufig das Fachwissen. Der andere Grund ist, dass viele Systeme zu komplex sind. Ein konventioneller Angriff ist daher einfacher.“


In der vergangenen Woche war ich sehr, sehr wehmütig. Denn in diesem Jahr habe ich es leider nicht geschafft zur SXSW zu fahren, dem großen Tech-Festival. Im vergangenen Jahr schrieb ich, sie sei für mich die Cebit des 21. Jahrhunderts. Vor 10 Jahren versuchte jene Cebit den Spieß noch herumzudrehen: Sie wollte in die USA expandieren.

Tatsächlich hatte sie  es selbst in ihren Glanzjahren es nie so richtig geschafft, in Übersee bekannt zu werden. Zwar waren die amerikanischen Technik-Riesen in Hannover vertreten. Doch wurden diese Aktivitäten meist gesteuert von den Deutschland-Vertretungen. Damals schrieb Netzwert-US-Korrespondentin Sigrun Schubert:

„Ray Lane war überwältigt. Der frühere Oracle-Vorstand und Wagniskapitalgeber hatte sich nicht träumen lassen, was er in den weitläufigen Messehallen Hannovers umschaute: Eine Fachausstellung, die größer war als alles, was er aus den USA kannt – die Cebit.

So wie Lane geht es vielen Top-Managern aus Übersee. Dort gilt die Technologie-Schau Comdex in Las Vegas mit 1.950 Ausstellern als das Branchen-Ereignis schlechthin. Dass die Cebit mit 8.100 Ausstellern locker die vierfache Zahl anzieht, ist im Taktgeber-Land der digitalen Wirtschaft den wenigsten bekannt.

„Die US-Kollegen wussten vielleicht gar nicht genau, was die Cebit ist“, räumt auch Harald Zapp, Sprecher des Netzwerkausrüsters Cisco in Deutschland, ein… Selbst beim Softwarekonzern Microsoft, dessen Vorstandschef Steve Ballmer die Eröffnungsrede halten wird, kümmert sich die deutsche Tochter um den Messeauftritt.“

Und deshalb suchte die Cebit selbst den Weg gen Nordamerika. 2003 und 2004 fand sie dann tatsächlich statt – und das war es dann. Und in Hannover wird es auch immer lichter und ungedrängter. Dies ist eben auch ein Zeichen der Marktentwicklung. Auf Dauer lässt sich eben keine weltweit führende Messe in einem Land veranstalten, in dem die zugehörigen Branchen immer mehr an Bedeutung verlieren.

Auch Deutschlands Startups verschwanden vom Radar. Doch wie wir heute wissen, war es eher eine Art langer Winterschlaf. Vanessa Liertz, damals Berlin-Korrespondentin des „Handelsblatts“ schrieb in der Kolumen „E-Mail aus…“ über die Stimmung bei einem After-Work-Branchentreffen:

„Eine Leere liegt in der Luft. Kein Wunder – Jens Hoffmann, Geschäftsführer der Organisation Berlinstartup, hat auch nach einer Stunde noch kein Mikrophon gefunden, um den Abend zu eröffnen. Aber nicht nur deshalb wirkt alles wie unter Watte…

Zitat aus der Einladung: „Entscheidungsträger der Berliner Startup-Szene treffen sich nicht mehr nur mit ihresgleichen, sondern jetzt auch mit potenziellen Partnern aus der Old Economy.“ Wo sind sie aber die Old Boys? Und wo sind die Jambas, die Datangos, oder wenigstens die dezimierten Dooyoos, die sich früher auch mal blicken ließen?…

„Ist das skurril hier“, sagt Thipor Kong (Chef des IT-Beraters Novedia) und geht. Vielleicht hat er es geschafft, eine Einladung zur Einweihung der renommierten Anwaltskanzlei Knauthe zu bekommen… Dort tummelt sich gerade das etablierte Berlin aus Politik und Wirtschaft. Auch Oliver Borrmann, Chef des Venture-Capital-Gebers BMP, nippte da vorhin an einem Weinglas. Wer Geschäfte machen will, sucht offenbar den Anschluss nicht mehr bei seinesgleichen, sondern in den etablierten Kreisen.“

Alles vorbei? Das glaubte nicht jeder, wie ein Leserbrief demonstriert. Als Reaktion auf die Reportage über die Versteigerung der Reste von Kabel New Media zwei Wochen zuvor meldete sich nämlich Mathias Gronkiewicz. Und was er schrieb klingt heute wie ein Manifest für das, was 10 Jahre später passieren sollte:

„Auch wenn alle auf den gescheiterten Startups herumhacken, ich jedenfalls kann behaupten, dass ich dabei gewesen bin. Und ich bin froh, diese Erfahrung gemacht zu haben. Denn nirgendwo sonst hat die Arbeit so viel Spaß gemacht. Bei uns gab es keine Stechuhren oder pünktlichen Feierabend um 16.30 Uhr, wir haben uns stattdessen die Nächte um die Ohren geschlagen. Aber das Beste war doch, dass es uns niemand ,befehlen‘ musste. Viele Startups hatten nicht die Möglichkeit, großartig über die Zukunftsaussichten nachzudenken, denn mit dem vielen VC-Kapital kaum auch der enorme Leistungsdruck durch die VC-Geber. Es sind viele Fehler begangen worden, durch die Unerfahrenheit der Geschäftsführer, aber auch durch ihre so genannten Business Angels und VC-Geber. Eine Insolvenz oder ein Konkurs ist nichts neues, wie es dazu kommt seit langem bekannt. Da sind die Regeln für alle gleich, ob Old Economy oder New Economy.

Aber wir lernen aus unseren Fehlern, wir wissen jetzt, dass es auch in der New Economy nichts umsonst gibt. Darum sehe ich so eine Versteigerung wie die Auktion bei Kabel New Media mit sehr gemischten Gefühlen. Es ärgert mich, wenn Leute über die Startups reden, als wäre es ein Phänomen gewesen und auf Souvenir-Jagd gehen. Diese Leute sehen nicht, wie viele Arbeitsplätze in den neuen Firmen geschaffen wurden und sie erkennen nicht ihre positiven Seiten, denn sie haben es nicht miterlebt. Ich war dabei!

Für mich sind Bürostühle aus der Konkursmasse von Kabel New Media eine prima Gelegenheit, günstig an Inventar für meine neue Firma zu kommen. Auch wenn noch so viel über den Tod der Dotcoms geschrieben wird. Wir machen weiter und werden zeigen, dass die New Economy kein Phänomen sondern eine Innovation für den Wirtschaftsstandort Deutschland war.“

 

 

 

Teile diesen Beitrag