Generation der Verbrecher

by Thomas Knüwer on 24. Februar 2012

Als die erste Welle der Acta-Demonstrationen vor zwei Wochen lief, gab es neben der großen Zahl der Teilnehmer noch etwas, was viele verwunderte: die hohe Zahl von Teenagern. Wo kamen die her? Alles Jungpiratinnen und -piraten? Dafür waren es zu viele.

An jenem Wochenende der ACTA-Demos fiel mir bei Facebook ein Eintrag auf der Wall einer Bekannten aus Schultagen auf. Sie lebt in meinem Heimatort Senden, 20 Kilometer südlich von Münster. Und ihre 16-jährige Tochter Julia Wolters postete nun auf dem Profil ihrer Mutter: “Das ist Acta. Acta ist böse” – es folgte ein Link zu einem Acta-Erklärvideo.

Ich fragte Julia, wie sie auf das Thema gekommen ist. Hier ihre Antwort:

“Ich glaube das war so, dass mich eine Freundin, die selber sehr netzgewand ist, darauf aufmerksam gemacht hat und ich mich sofort weiter darüber informiert habe. Nachdem ich dann verstanden hatte was das alles zu bedeuten hat, war ich nicht sonderlich begeistert und hab auch alles mögliche getan um mich zu engagieren: Die Petition ‘unterzeichnet’, meine Freunde und Familie informiert und dieses Wochenende war ich auch am Samstag mit Freunden in Münster auf der Demo (:
In der Schule sagen zwar alle, dass sie dagegen sind, und wie ‘scheiße’ das alles ist, aber die wenigsten unternehmen etwas dagegen. Zumindest in meinem Freundeskreis ist es ein großes Thema.

Auch wenn Deutschland offiziell zwar behauptet den Vertrag nicht zu unterschreiben trauen wir dem nicht. Diese ganze Acta-Sache wurde verheimlich und von den Medien tot geschwiegen, also warum jetzt glauben was sie uns erzählen? Ich will jetzt nicht als überreagierender Teenager rüberkommen, aber die Politiker haben ihr Outing zu Acta nicht ohne Grund kurz vor den Demonstrationen im Land ‘deutlich gemacht’.

Dazu, dass diese Netzkenner sagen, sie wären völlig platt, kann ich nur sagen, dass man die heutige Jugend (im Internet) auf keinen Fall unterschätzen sollte. Wir sind so viele die sich engagieren und auch noch den Willen haben, etwas zu ändern.

Das Internet ist für uns Jugendliche heutzutage DAS Hauptmedium. Sei es für Kommunikation, Information oder Unterhaltung. Es ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken.
Wir können durch das Internet frei unsere Meinung verbreiten, andere gegebenenfalls kritisieren oder auch akzeptieren. Das Internet hilft uns so schnell wie möglich so viele Gleichgesinnte wie möglich zu erreichen. Denn nur wenn wir viele sind, werden wir überhaupt bemerkt.
Acta versucht uns unsere Redefreiheit weg zu nehmen, uns durch völlige Überwachung zu kontrollieren.
Wir sagen ‘Nein!’ zur Kontrolle und ‘Ja!’ zu freier Meinungsäußerung. Denn wie wären wir sonst in der Lage irgendetwas zu verändern?

Ich und auch meine Freunde und Mitstreiter finden es wichtig, sich bemerkbar zu machen. Denn wenn wir unsere Meinung nicht deutlich machen, können wir auch nichts ändern. Falls wir diese Möglichkeit noch haben.”

Nochmal zur Erinnerung: Julia ist 16, lebt in einer 15000-Einwohner-Gemeinde, hat kein Blog und ist keine Youtuberin. Sie ist eine ganz normale Schülerin.

Aus Sicht der EU-Kommission aber ist ihr Protest undemokratisch, wehrt sie sich gegen Acta, so droht ihr CDU-Bundestagsmitglied Ansgar Heveling mit dem Vergießen ihres Blutes und künftig soll ihr gesamter Datenverkehr überwacht werden – denn natürlich ist sie eine der möglichen Verbrecherinnen. Geht sie ins Kino, darf sie sich ohnehin vor vielen Filmen anlesen, dass sie das Werk nicht aufzeichnen darf – jeder Zuschauer ein potenzieller Gangster.

Niemand kann ernsthaft erwarten, dass dies ohne Folgen bleibt. Offensichtlich ist, dass kein Politiker, kein Lobbyist, kein Musik-, Film- oder Verlagsmanager darauf hoffen sollte, eine Imagesteigerung zu erfahren, spricht er sich für Acta aus. Hier wird eine Generation dazu erzogen, Politik zu verabscheuen und keinerlei Respekt vor den Inhalteindustrien zu haben.

Denn hier geht es nicht einfach nur darum, nichts für Musik oder Filme zu zahlen: Tatsächlich greift hier eine ältere Generation nicht nur ein Kommunikations- oder Unterhaltungsinstrument an – sondern ein Statussymbol.

Das Auto nämlich genießt diesen Stand nicht mehr, wie im vergangenen Jahr eine Studie von Bain ergab. Und den Führerschein machen sie auch weniger häufig als früher. Für meine Generation war das nicht vorstellbar: Ein Auto bedeutete Freiheit und Emanzipation von den Eltern. Diese Freiheit sucht jene Generation in der Kommunikation. In der Welt von immer mehr Ganztagsschulen, immer mehr Vereinszugehörigkeiten und immer weniger Zeit für sich selbst sind Chat, ICQ, IM, Social Networks und Youtube die Flucht aus der Enge der elterlichen Vorgaben.

Jugendliche konsumieren erheblich mehr Kulturgüter als Ältere. Das kennen wir fast alle: Als Teenager kennt man wesentlich mehr Bands als in späteren Jahren. All diese Alben oder Filme zu erwerben übersteigt jedes Taschengeld. Es gehört zu den romantischen Vergangenheitsbewältigungserinnerungen, zum Freund zu eilen, der ein heiß ersehntes Album hat, um es auf Kassette zu ziehen. Oder am Radio zu sitzen um den Song mitzuschneiden, der einem gerade nicht mehr aus dem Kopf geht. Heute geht dies einfacher – doch es ist eben eine Raubkopie.

Die Inhalteindustrie – eine winzige Branche, die in Deutschland weitaus kleiner ist als die der Bestatter – drängt nun mit voller Lobbyismus-Finanzierung darauf, diese Raubkopien zu bekämpfen. In Plakaten sehen dann die bösen Verbrecher aus wie böse Verbrecher aussehen. Nur das ist Blödsinn: Tatsächlich sind diese Verbrecher die Jugendlichen – praktisch alle Jugendlichen. Sie sind der Grund für Sopa und Pipa und Acta. Sie sind  aber nicht, wie uns die Lobbyisten glauben machen wollen, Massen-Raubkopierer. Nur ein bis drei Prozent von ihnen fallen in diese Kategorie, ergab eine Studie in den USA und Deutschland durch das Social Science Research Institute (SSRC). Und die Untersuchung sagt: Die rechtlichen Maßnahmen stoppen Piraterie nicht. Dies ist auch der Grund warum all die Pläne wie Sopa und Acta Wirtschaftsunternehmen zu Polizisten machen: Die Zahl der tatsächlichen Verurteilungen ist so gering, dass der Rechtsweg für die Inhalteindustrie nicht wirtschaftlich ist.

Dazu empfehle ich den höchst lesenswerten Vortrag von Instituts-Direktor Joe Karaganis zu hören:

Der US-Jurist Lawrence Lessig erklärt ganz richtig, dass wir uns fragen müssen, was Teenager beim Anblick solcher Plakate denken. Viele von ihnen wissen, dass sie mit dieser Titulierung gemeint sind. Nur: Glaubt jemand ernsthaft, das würde sie davon abhalten? Ist es nicht vielmehr so, dass sie das Gefühl und den Respekt vor einem Rechtswesen verlieren, das sie unter Generalverdacht stellt und mit ihrer Welt nicht mal ansatzweise konform geht?

Doch da ist noch mehr: Digitale Medien bieten die Möglichkeit, sich kreativ auszutoben – oder anderen dabei zuzusehen, wie sie es tun. Was einst die Garagenband, die Theatergruppe oder das Gedichteschreiben daheim war, sind heute DJ-tum oder Youtubing. Hier sind neue Medienstars entstanden, die erst mit reichlich Verspätung die Wahrnehmung der Restwelt erreichen – wenn überhaupt. Am auffälligsten sind sicher Herr Tutorial mit seinen inzwischen fast 50 Millionen Abrufen auf Youtube und das Comedy-Trio YTitty, das es immerhin schon bis zu Harald Schmidt schaffte. Sie sind einer der Gründe für die Zahl der Jugendlichen auf der Straße im Kamp gegen Acta: Denn ihre hunderttausenden, wenn nicht gar Millionen deutschen Zuschauer erfuhren in aller Deutlichkeit, was die neuen digitalen Multiplikatoren von Acta halten – nichts. Hier ein Beispiel:

Da machen Jugendliche das, was ihre Eltern immer predigten: kreativ sein, nicht nur gucken, sondern machen. Und was ist der Lohn dafür? Kriminalisierung.

Was denkt ein Jugendlicher, der Inhalte remixed und damit im Internet ein paar Dutzend Leute findet, die seine Sachen gut finden, wenn er solch ein Plakat sieht? Er ist kreativ, er macht Dinge – und ist dafür ein Verbrecher?

Dies sind rhetorische Fragen, für jeden, der sich nur ein paar Minuten unvoreingenommen mit dem Thema beschäftigt. Doch wer tut das schon? Diese kreative Seite der Verwendung digitaler Medien wird kaum wahrgenommen. Kein Politiker, der sich für sie stark macht. Kein Entertainment-Manager, der ein “ja, aber, das müssen wir nacharbeiten, denn wir brauchen Talente” einwirft.

Und so passiert das Unfassbare, das womit keiner mehr gerechnet hat: Die scheinbar unpolitische und an der Gesellschaft uninteressierte Jugend geht auf die Straße – sie wird politisch. Wieder tun Jugendliche, was sich alle gewünscht haben – und wieder wird sie dafür wahlweise beschimpft oder belächelt. Auch ich gehörte zu jenen, die nicht glaubten, dass es eine digitale Spaltung zwischen den Generationen wirklich gibt. Nun muss ich gestehen: Ich hatte unrecht. Und ich habe das Gefühl: Dies ist erst der Anfang eines Kulturkampfs – und eines Kampfes um die Kultur.

Denn was wäre, würde Andy Warhol heute mit seiner Kunst anfangen, bannte er heute jene Campbell-Dose auf Leinwand? Vermutlich würde die Suppenfirma ihn verklagen. Oder Picasso und die Maler seiner Generation: Sie übernahmen Motive von einander und interpretierten sie neu – wahrscheinlich würden sich ihre Galleristen gegenseitig vor Gericht zerren.

Was? Übertrieben? Unsinn?

Dann fragen Sie mal Eric den Breejen. Der Künstler hat die Texte des Beach-Boys-Album Albums “Smile” als Inspiration für eine Bilderserie verwendet. Und was macht Van Dyke Parks, der Texter der Beach Boys? Sie ahnen es: Er verklagt den jungen Maler.

Wenn nun neue Acta-Proteste anstehen, dann geht es eben nicht nur um die Totalüberwachung aller Internetanschlüsse, die Unterwanderung der Politik durch Lobbyismus und die Übernahme rechtsstaatlicher Aufgaben durch Wirtschaftsunternehmen. Es geht auch um die Freiheit von Kunst und Kultur – und die Frage, ob wir einer jungen Generation die Demokratie auf lange Zeit verleiden.

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