Netzwert Reloaded XLII: Die Lernunfähigkeit der Buchverlage

by Thomas Knüwer on 25. Oktober 2011

In der Serie “Netzwert Reloaded” verfolge ich jeden Montag, was das Team von Handelsblatt Netzwert vor exakt 10 Jahren über das digitale Geschäft schrieb. Durch das Projekt Wiredkann es allerdings zu Verzögerungen kommen. Alle Netzwert-Reloaded Folgen finden Sie hier.

Schnell mal ein gedrucktes Buch machen – das geht. Bewiesen hat es die Ferber’sche Uni-Buchhandlung in Gießen. Anlässlich der Verbraucherausstellung “Mittelhessen-Schau” lud sie ein zum Hobbyautoren-Wettbewerb. Über 200 Beiträge wurden eingereicht, innerhalb einer Nacht redigierte sie ein Team, wenige Stunden später begann der Druck, Mittags darauf lag das 270 Seiten starke werk zum Kauf bereit. Titel: “Das Buch!”

Toll, oder? Aber nicht neu. Diese Geschichte ereignete sich vor zehn Jahren.

Heute schreibt Sascha Lobo in seinem Blog eine “Allgemeine Feststellung zur Buchsituation”. In dem lesenswerten Beitrag heißt es unter anderem:

“Die deutsche Buchlandschaft – die ich sehr mag, samt Verlagen – hat leider die kaum vielversprechende Strategie, das 20. Jahrhundert digital nachspielen zu wollen. Was bei der Musikindustrie nicht funktioniert hat, wird bei den Verlagen ebenfalls nicht funktionieren, es dauert wegen der völlig anderen Kundenstruktur bloß noch länger, bis sie es merken. Das ist die traurigste Tatsache, weil das heisst, dass irgendwann ein Buchverlagssterben einsetzen wird…

Das Problem der Verlage in Deutschland ist, dass sie… die digitale Realität verleugnen: Sie macht ja erst 0,5% des Umsatzes aus. Das bedeutet (falls sich nichts ändert, und zwar schnell) – es wird weiter Verlage geben, auch große, aber es werden nur zu einem mittelgroßen Prozentteil die Verlage sein, die wir heute kennen. Denn bereit UND fit für die Transformation ist meiner Einschätzung nach ungefähr keiner, und zwar – man mag es glauben oder nicht – aus weitgehend romantischen Gründen.”

Diese Worte hätten auch sehr gut in die Netzwert-Ausgabe vom 8. Oktober 2001 gepasst. In der ging es, anlässlich der Buchmesse, ebenfalls um die Literaturbranche. Damals waren noch nicht E-Reader und Tablets das große Branchenumsturz-Thema, sondern Online-Händler. Doch viele der Aussagen von damals klingen verdammt ähnlich dem, was heute aus der Buchbranche erklingt.

So sagte Dieter Schormann, damals Chef jener Gießener Buchhandlung und später Chef des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels: “Für reine Online-Buchhändler wird es daher sehr schwierig werden.” Netzwert ergänzte: “Obwohl er selbst ein Fan des schnellen Publizierens durch den Einsatz von Digitaltechnik ist, kann er sich nicht vorstellen, dass unter den bisherigen Umständen im reinen Internet-Buchhandel Geld zu verdienen ist. Schormann spricht aus Erfahrung: “Zwar verfügt auch er überein Bücher-Portal im Web – der Umsatz ist allerdings höchst bescheiden: Weniger als 1% seiner gesamten Einnahmen erzielt er auf diesem Weg…. Doch während auf der Buchmesse 2000 das elektronische Buch, kurz E-Book, die Gemüter erhitzte, ist heute Ernüchterung eingetreten.”

Auch damals wurde nicht ausreichend über die Zukunft nachgedacht, weil sie ein Prozent des Umsatzes ausmachte. Man kann der deutschen Buchbranche nicht vorwerfen, dass sie aus dem vergangenen Jahrzehnt hinzu gelernt hat.

Während wir in diesen Tagen über den Bundestrojaner debattieren jährt sich eine eine ähnliche Debatte zum zehnten Mal.

Denn Anfang Oktober 2001 gaben auch die IT-Verbände der Telekommunikations-Überwachungsverordnung (TKÜV) ihr Placet – wenn auch mit Bauchgrummeln. Die TKÜV regelte die Maßnahmen zur Überwachung von E-Mail-Verkehr und Telefonaten. Schon Helmut Kohl hatte sie angestoßen, was zu Ärger mit den Telekom-Konzernen sorgte: Sie fühlten sich als verlängerter Arm der Polizei missbraucht. Immerhin: Für Online-Zugänge galt die TKÜV nicht – das Einsetzen eines Trojaners war damals also ein klein wenig schwerer.

Eigentlich als gescheitert müsste sich eigentlich die Initiative D21 erklären. Der Zusammenschluss deutscher Unternehmen mit Politikern zur Förderung des digitalen Standortes D hatte ein erstes, gutes Jahr gehabt. Doch das war 1999/2000. Da hatte sie die Vernetzung von Schulen voran getrieben und die Green Card in die öffentliche Diskussion gebracht.

Dann aber war der Schwung weg. In der Netzwert-Ausgabe vom 6. Oktober 01 versprach der damalige Kopf der Gruppe, IBM-Geschäftsführer Erwin Staudt, große Dinge: “Unsere Forderungen bleiben beispielsweise, 2006 online wählen zu können und die Steuererklärung flächendeckend per Internet abgeben zu können.” Und vor allem die digitale Spaltung sollte verhindert werden, außerdem mehr Frauen Informatik studieren.

Auch heute noch existiert D21. Ständig pustet die Initiative Meldungen und Studien heraus. Misst man sie jedoch an den Zielen des Jahres 2001, müssten die Verantwortlichen schamesrot zu Boden sinken.

Tja, und dann gab es noch den wöchentlichen Doonesbury-Comic. Und irgendwie würde der heute genauso zu Bankern, Politikern und Occupy Wall Street passen:

 

 

 

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