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Netzwert Reloaded LIII: Du sollst Dir die Bild machen

In der Serie “Netzwert Reloaded” verfolge ich jeden Montag, was das Team von Handelsblatt Netzwert vor exakt 10 Jahren über das digitale Geschäft schrieb. Durch das Projekt Wiredkann es allerdings zu Verzögerungen kommen. Alle Netzwert-Reloaded Folgen finden Sie hier.

Das Haus Axel Springer ist nicht bekannt für dünne Hosen. Eher für dicke. Wann immer etwas Neues herauskommt, so muss es groß und wundervoll und das Beste sein. So auch Anfang August 2001 als Bild.de einen lange und voluminös angekündigten Relaunch durchführte – und dafür satte Kritik kassierte. „Von der immer wieder großspurig angekündigten Unterhaltungs-Multimedia-Plattform ist das aktuelle Bild.de jedenfalls noch weit weg. Was jetzt zu sehen ist, ist allenfalls ein sanfter optischer Neuauftritt“, mäkelte zum Beispiel „Kress“. Ein Nutzer kommentierte: „Sieht so aus, als hätte sich ein Schüler im HTML-Grundkurs versucht.“ Tatsächlich sollte die Optik tragfähiger sein, als die meisten dachten. Das Grundkonzept, auch im Web Bilder großformatiger zu spielen ist noch heute die Basis des Auftritts.

Damals war es auch eine Demonstration, für den Wandel im Netz. Stück für Stück bekamen mehr Menschen schnellere Datenleitungen – also konnten auch höher auflösende Bilder genutzt werden, Videos wurden ruckelfreier. Gleichzeitig stieg die Zahl der Angebote, was Surfen in die Richtung des Zapping brachte: mal hier schauen, mal da schauen – und das oft noch schnell. Denn 2001 zahlte mancher noch immer seine Online-Nutzung nach Minuten. Auch darauf reagierte Bild.de (wie auch andere). Das Internet müsse „einfach konsumierbar sein“, predigte Geschäftsführer Peter Würtenberger: „Es darf nicht 30 Sekunden dauern, bis sich eine Seite aufbaut.“

In diesem Moment war Bild.de jedoch eher eine Lachnummer der Branche geworden. Seit dem Frühjahr hatte es ein Gestocher und Gesteche im Management gegeben. Schon im Frühjahr hätte die Seite neustarten sollen, damals noch unter der Führung des ehemaligen Print-Chefredakteurs Udo Röbel. Weshalb die Seite vor dem Relaunch den Spitznamen Bald.de trug.

Nun aber war es so weit. Auf drei Säulen sollte dabei die Finanzierung stehen:
1. Online-Werbung und Provisionen aus dem E-Commerce.
2. Eine wöchentliche Print-Beilage sollte für Online-Aktionen werben – und Werbegelder sammeln.
3. Die Nutzer sollten zahlen. Einerseits für die Seite – was selbst 10 Jahre später nicht so wirklich der Fall ist -, andererseits für Live-Übertragungen von was auch immer. Das hat sich bis heute nicht so recht eingestellt. Genausowenig wie Würtenbergers Hoffnung, dass dieser Paid Content über die Telefonrechnung bezahlt werden könnte.

Besonders schmunzeln musste ich beim Durchblättern jener Netzwert-Ausgabe vom 6.8.01 über die Kolumne „E-Mail aus Düsseldorf“ von Claudia Tödtmann, der Juristin im Team.

Damals starteten wir eine neue Rubrik mit Urteilen aus dem E-Business. Das Internet hatte zu diesem Zeitpunkt zwar noch nicht die Gerichte als Arbeitsinstrument erreicht – aber sie wurden mit einer Flut von Klagen konfrontiert. Claudia schrieb damals etwas, was uns tatsächlich so schien:

„Noch vor einem Jahr, als Netzwert an den Start ging, gab es nur wenige Rechtsurteile zum E-Business. Juristen orakelten damals oft hilflos: ,Das Internet ist kein rechtsfreier Raum.‘ Diesen nichts sagenden Spruch hört man heute nicht mehr.“

Tja, schön wär’s…

Ebenso wenig geändert hat sich etwas im leidigen Bereich der Technologieförderung. Die damalige Forschungsministerin Edelgard Bulmahn hatte eine 123 Mill. DM schwere Initiative auf die Beine gestellt. Doch waren die Anträge so kompliziert, dass sie die Begünstigten oft monatelang lahm legten, bevor irgendetwas passieren konnte. Außerdem nutzt Bulmahn das Geld, um Kritiker ruhig zu stellen. So sollte das an Grundlagen forschende GMD Forschungszentrum Informationstechnik in St. Augustin vereinigt werden mit der anwenderorientierten Fraunhofer-Gesellschaft. Die 123 Millionen flossen fast ausschließlich in das Fraunhofer-Programm „Leben und Arbeiten in einer vernetzten Welt“. Doch die Grundlagenforschung wurde damit zum deutlich unattraktiveren Feld.

Schön, dass wenigstens noch einige Menschen in Netzwert vorkamen, die fröhlich gestimmt waren: Arbeitslose im Silicon Valley. Die gründeten Recession Camps: Sie trafen sich um nach ein paar Stunden Bewerbungen schreiben und telefonieren noch etwas gemeinnütziges zu tun, zum Beispiel Lebensmittel an Bedürftige verteilen. Eventuell eine Idee, die manchen in der Finanzwelt des Jahres 2011 interessieren könnte.

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