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Netzwert Reloaded XXXI: Gurus und Steuernachzahlungen

In der Serie “Netzwert Reloaded” verfolge ich jeden Montag, was das Team von Handelsblatt Netzwert vor exakt 10 Jahren über das digitale Geschäft schrieb. Alle Netzwert-Reloaded Folgen finden Sie hier.

Eigentlich hätten wir Netzwert mit der Ausgabe vom 2. April 2001 auch einstellen können. Denn eine bessere Abschiedsgeschichte auf die bunten, schillernden Dotcom-Zeiten konnte kaum geschrieben werden, als „Was nach der Hitze bleibt“ von Sigrun Schubert und „Wall Street Journal“-Mann Greg Ip.

Ihre These war einerseits zynisch – andererseits aber sehr wahr:

„Der Internet-Hype war ein wertvoller Innovationsbeschleuniger, von dem die Gesellschaft nachhaltig profitieren wird…

… normalerweise tragen nur die Erfinder und Entwickler die Kosten für Innovationen, von denen letztlich die ganze Gesellschaft profitiert. Dementsprechend langsam kommen wirkliche Neuerungen auf den Markt. Nur in Zeiten eines Börsen-Booms wird dieser Zusammenhang durchbrochen. Investoren hoffen auf das große Geld und sind deshalb bereit Risiko und Kosten für Innovationen zu tragen. So hätte der Aktienboom in den 20er Jahren zur schnellen und weiten Verbreitung des Verbrennungsmotors und der Elektrizität geführt.“

Tja, dummerweise aber waren natürlich die Kleinanleger auch die Dummen. Und deren Ersparnisse sollten wohl eher nur einem gesellschaftlichen Zwecke dienen: dem eigenen Wohlergehen.

Zu jener Zeit aber war nicht nur das private, angenehme Leben für viele bedroht. Die hektisch und oft wenig professionell gegründeten deutschen Startups kollidierten mit der bürokratischen Realität.

So flatterten vielen Startups mit einem Mal Steuernachzahlungs-Forderungen ins Haus. Sie hatten Gewinne mit den Verlusten des Vorjahres verrechnet – was völlig legal war. Nur fielen viele von ihnen nach dem Einstieg eines Venture-Capital-Unternehmens unter den Mantelkaufparagraphen 8, Absatz 4 KStG: Wenn mehr als die Hälfte der Unternehmensanteile verkauft werden und sich gleichzeitig das Betriebsvermögen mindestens verdoppelt, liegt ein Mantelkauf vor. Und dann ist die Verlustverrechnung verboten um zu verhindern, das Unternehmen Pleitefirmen übernehmen um die eigene Steuerlast zu senken. Viele Startups waren davon betroffen – kaum jemand mochte aus Angst vor den Steuerbeamten darüber sprechen. Und die Politik? Die interessierte sich nach dem Platzen der Dotcom-Blase ohnehin nicht mehr für die Belange junger Gründer.

Beim Durchblättern durch die Netzwert-Ausgaben stoße ich häufiger auf jene, die damals als Gurus galten. Und manchmal frage ich mich schon: Lagen wir damals so dramatisch falsch?

So ein Fall ist Jakob Nielsen. Damals galt er als führender Denker in Sachen nutzerfreundliche Web-Seiten. Im Interview mit Sigrun Schubert bekannte er, vielleicht zwei bis drei Prozent aller Homepages nutzerfreundlich zu finden. Er sagte kluge Dinge, die teils heute noch gelten. Zum Beispiel:

„Statt zu erfahren, was das Unternehmen macht, wird der Surfer mit einem Marketing-Slogan abgespeist, der auch zu hundert anderen Firmen passen könnte. Außerdem entspricht das Layout des Web-Auftritts häufig der internen Struktur des Unternehmens. Dem Kunden sagt das aber überhaupt nichts…

(Nutzerfreundliche Seiten) konzentrieren sich darauf, Kundenwünsche sofort zu befriedigen. In einer von uns durchgeführten Studie hat Amazon am besten abgeschnitten – der Online-Buchhändler erfüllt 72% meiner Richtilinien…

Die neuen, tragbaren Computer machen ein nutzerfreundliches, durchdachtes und gut strukturiertes Design noch notwendiger als bisher. Auf dem Display eines Palm oder eines Handys kann man nur sehr wenig zeigen – also muss alles sehr präzise sein. Außerdem ist die Bedienung bei kleinen Geräten noch viel nerviger. Deshalb kann man dem Kunden nicht zumuten, lange herumzunavigieren.“

Klingt ziemlich gut für das Jahr 2001, oder. Nun, dann werfen wir mal einen Blick auf die Homepage von Jakob Nielsen im Jahr 2011:

Lesen Sie kommende Woche: Computer raus aus Klassenräumen.

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