SXSW – ein Rundgang
18. März 2011
Netzwert Reloaded XXIX: Utz Claassens Liebe zur New Economy
22. März 2011

SXSW – die Cebit des 21. Jahrhunderts

„This reminds me of Cebit in the late 90s“, sagt die Dame von PR-Newswire. Wir sitzen zu viert eng zusammengequetscht in ihrem Kleinwagen. Der Shuttle-Service vom Hotel zur Digital-Konferenz SXSW war wieder mal komplett überlastet. Sie hatte in das Träubchen der Wartenden gefragt, ob sie jemand mitnehmen könne zum Austin Convention Center  – ich hatte Glück. Aus Deutschland sei ich? Da sei sie nur zweimal gewesen, zur Cebit in Hannover 98 und 99. Und irgendwie sei das hier in Texas so wie damals in Niedersachsen.

Stimmt. Sie trifft den Punkt. Die SXSW ist die Cebit des 21. Jahrhunderts.

Dazu muss man den vielen Cebit-Hassern ja sagen, dass die Messe tatsächlich einmal global wichtig war. In den 90ern wurden viele wegweisende Innovationen zuerst dort vorgestellt. Doch es waren eben Neuerungen aus der Harcore-IT. Rund eine Woche lang war Hannover dann rappelvoll, tagsüber liefen (oder standen) die Besucher sich Blasen an den Füßen, abends ging es von Party zu Party – die Einladung zu einer solchen oder auch nur das Wissen, wo die beste Feier läuft, waren Gold. Und seien wir ehrlich: Schön war das nicht – weder Hannover noch die Messehallen. Aber es waren fiebrige, besondere Tage nach denen man ein Gefühl dafür hatte, was als nächstes kommt.

Und genauso ist die SXSW.

Sie ist riesig: 19364 Teilnehmer.

Sie ist eine Startrampe für Innovationen: Einige davon habe ich ja schon beschrieben, aber in meinen Notizen dürften sich noch einige mehr finden.

Sie ein großartiger Platz, um interessante Menschen kennenzulernen: Dabei geht es erstaunlich locker zu. Schon in der Taxi-Schlange zum Flughafen lernte ich das erste Gründerteam kennen, immer wieder ergeben sich Gelegenheiten, sich kennenzulernen. Die Attitüde ist halt Amerikanisch: Sitzt man in einer Diskussion nebeneinander, stellt man sich mal vor. Das ist das Gegenteil zum deutschen Schweigertum. Bestes Beispiel dafür war Foursquare-Chef Dennis Crowley: Über Stunden vergnügte er sich in der Pepsi-Foursquare-Lounge und war so für jeden zu sprechen.

Sie ist nicht schön: Austin ist eine alles andere als hübsche Stadt. Downtown gibt es keinen ordentlichen Buchladen, ohnehin kaum Geschäfte. Dafür dehnt sich der Ort über eine riesige Fläche. Auch das Convention Center und all die Hotels, in denen SXSW-Veranstaltungen laufen, strahlen jenes deprimierende Flair amerikanischer Konferenzzonen aus. Viele Säle heißen auch noch „Ballrooms“ was vermuten lässt, dass in ihnen sogar Hochzeiten gefeiert werden. Das macht die hohe Scheidungsquote in den USA erklärlich. Einzige Ausnahme: Es gibt eine Reihe toller, shabby-chic Partylokationen.

Sie ist feierwütig: Die Zahl der Partys an jedem Abend ist unübersehbar. Einladungen sind heiß begehrt, oder das Wissen, wie man ohne reinkommt.

Was ich mich frage: Könnte so Hannover im Jahr 2011 aussehen? Wenn die Cebit sich nicht so massiv gegen das Internet gewendet hätte? Wenn man Startups das Feld bereitet hätte? Kreativer gewesen wäre?

Eine Chance hätte vielleicht bestanden. Doch generell fällt auf, dass auch im Bereich der Digital-Veranstaltungen Deutschland hinten anhängt. Für Austin ist die SXSW die größte Veranstaltung im Jahr. Ein Ur-Einwohner berichtete von den Anfängen: Einst sei die Stadt Mitte März komplett leer gewesen – Schulferien, Spring Break auf amerikanisch. Die Wirte der 6th Street, der Bar-Meile, hätten gegrübelt, wie sie ihre Ausgaben in jener Zeit aufpolieren könnten. Ergebnis: ein Band-Wettbewerb, den sie South by Southwest tauften – oder kurz SXSW.

Das war vor 25 Jahren. Heute ist aus dem Band-Wettbewerb ein gigantisches Musikfestival geworden, ein Film-Fest kam dazu und eben eine Interaktiv-Konferenz.

Auch Amsterdam schmückt sich mit einer großen Digital-Konferenz, der Picnic. Paris hat die Le Web. Städte unterstützen diese Kongresse massiv. Zum einen, weil sie Besucher bringen. Zum anderen, weil es kommunikative Besucher sind, die über ihre Besuche auch noch aktiv berichten.

Welches Potenzial möglicherweise darin liegen könnte, haben deutsche Kommunen noch nicht recht erkannt. Berlin unterstützt die Berlin Web Week – doch die ist verhältnismäßig klein. Stattdessen zerbröseln die Länder und Städte jedes Engagement auf, jeder bekommt vielleicht ein kleines Häppchen. Etwas großes kann daraus nicht werden.

Symptomatisch ist da auch, dass andere Nationen bei der SXSW durchaus mit Rednern vertreten waren. Bei Technology Summit, dem Anhängsel des Interaktiv-Parts am fünften Tag, wurden einzelne Ländern intensiv vorgestellt – eine tolle Druckbetankung. Bei der deutschen Präsentation war ich nicht, denn als einziger Redner war ein Vertreter der c/o Pop angekündigt.

Vielleicht ergibt sich ja etwas im kommenden Jahr. Dann werden erheblich mehr Deutsche anreisen, das scheint sicher. Und vielleicht lässt sich dann mal ein deutsches Treffen organisieren, vielleicht kann man einige Redner platzieren – dem Digital-Standort D könnte das zuträglich sein. Möglich ist so etwas. So mietete das Reeperbahn Festival zum SXSW-Musikteil eine Burger-Bude als Treffpunkt – sie war gut gefüllt.

Für mich aber ist auch sicher: Ich werde, so es eben möglich ist, bei der SXSW 2012 auch wieder dabei sein. Denn eines unterscheidet sie glücklicherweise von der Cebit: Das Wetter ist besser – und die jährliche Cebit-Erkältung bleibt damit aus.

Und damit blendet auch Indiskretion Ehrensache zurück in den deutschen Alltag.

Teile diesen Beitrag