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SXSW Day III: Glücklich trotz Internet

Wenn Sie, lieber Leser, das nächste Mal einem Internet-Skeptiker begegnen, der jene Litanei anstimmt, dass alle jene digitalen Kontakte nichts wert seien – denn sie existierten ja nicht, dann haben Sie hier die passende Antwort parat:

„Meinem Lizard Brain ist das egal.“

Vielleicht liefert einer der geneigten Leser auch noch die deutsche Übersetzung – die ich leider nicht finden kann.

Jenes Lizard Brain ist der Teil des Hirns, der uns aus ferner Zeit erhalten geblieben ist. Er ist eine Art Instinkt in der Beurteilung einer Lage. So beschrieb es heute bei der SXSW die sehr hörenswerte Pamela Rutledge, Chefin des Media Psychology Research Center (deutsche Konferenzveranstalter: bitte einladen).

Und diesem Hirnteil sei es egal, ob ein Freund ein echter Kumpel sei oder ein Facebook-Freund. So lange es das Gefühl hat, mit dieser Person verbunden zu sein, ist alles gut.

Deshalb auch begeistern wir uns so für Menschen im Netz, die eine Leidenschaft haben, oder für ein Ziel kämpfen. Und wenn wir selbst uns engagieren und Bestätigung erhalten, dann macht uns das glücklich und motiviert uns. Rutledge:

„Für viele Menschen bietet das Internet das erste Mal die Möglichkeit, etwas zu tun, was echte Wirkung hat. Zum Beispiel beim politischen Umsturz in Nordafrika teilzuhaben. Das verändert die persönliche Wahrnehmung über den eigenen Stand in der Gesellschaft. Menschen werden so selbstbewusster und risikofreudiger.“

Und Internet-Sucht? „Das Internet zeigt uns nichts, was Menschen nicht ohnehin täten. Internet ist dann nur die Droge der Wahl von Menschen, die ohnehin suchtgefährdet sind.“

Ihr Fazit: „Wir sollten aufhören uns zu fragen, was Technologie uns antut. Stattdessen sollten wir fragen: Was wollen wir mit ihr tun?“

Rutledge war Teilnehmerin eines sehr interessanten Podiums zur Frage: Macht uns das Internet glücklich? Leider war niemand dabei, der das nicht so sah. Dafür aber gab es drei sehr schöne Projekte zu sehen.

Carmen Rodrigues O’Gorman zeigte Think Love: Weiße Plastikarmbänder mit Vibrationsknopf. Sie vibrieren entweder zufällig oder, wenn sie verbunden sind, dann wenn der Partner einen Knopf drückt – und dann soll der Träger des Armbands an Liebe denken. Hübsch.

Rechts: Die Korrespondentin von Young Hollywood sieht aus… wie man sie sich vorstellt.

Kevin Hansen war für das weniger angenehme zuständig. Er gründete Secret Regrets, eine Seite für geheime und anonyme Geständnisse. Über 1000 hat er schon auf der Seite versammelt, darunter harte Fälle wie die Studentin, die sich nicht verzeihen kann, dass sie den Missbrauch durch ihren Sportlehrer geschehen ließ. Voyeurismus? Hansen: „Für viele ist das Bekenntnis der erste Schritt um sich besser zu fühlen.“

Veer Gidwang zielt dagegen auf eine Veränderung des Verhaltens durch positive Handlungen ab. Sein Dienst Daily Feats fördert gute Taten mit Punkten. Das Ergebnis: Die Menschen versuchten immer mehr gute Taten pro Tag zu tätigen. Damit will er auch ein Zeichen gegen die Gesamtstimmung in den USA setzen: „Obwohl die Lebensqualität hochgegangen ist, sind die USA eine von Angst getriebene Gesellschaft.“

Nicht jede Diskussion war heute so gut wie diese. Also, was mich betraf. Denn wer wollte bei über 250 Veranstaltungen ein Gesamturteil fällen? Die SXSW wird zum Hit oder Miss. Entweder eine Veranstaltung taugt etwas – oder man hat Pause. Denn meistens sind die Räume überfüllt – oder zu weit entfernt um schnell woanders reinzuhuschen. Die Wege in Austin sind weit. Verdammt weit. Wovon die Blase an meinem Fuß zeugt.

Ebenfalls in der Stadt: ein Festival alternativer Marching Bands. Hier Seattles Heavy-Metal-Marching-Band Titanium Sporkestra.

Den Weg lohnte eine Debatte über den Wandel des Aktienhandels durch automatisierte Nachrichtenanalyse. Rund ein Drittel aller US-Handelshäuser setzten solche Methoden schon ein, ergab eine Studie der Beratung Alte Group. Vor zwei Jahren waren es nur 2 Prozent.

Das birgt Gefahren, weil Menschen oft nur noch als Programmierer von Algorithmen auftauchen, sagt Armando Gonzalez , Chef des Daten-Analytikers Raven Pack:

„Auf der einen Seite gibt es Programme, die Nachrichtenlagen analysieren. Andererseits Programme, die bei einer bestimmten Nachrichtenlage eine Aktion auslösen. Maschinen reden also nur mit Maschinen.“

Die Erkenntnisse aus diesen Analysen sind bisher aber wenig überraschend: Negative Nachrichten beeinflussen Kurse stärker als positive, bei negativen Nachrichten gibt es häufig eine Überreaktion und Finanzaktien sollte man kaufen, wenn es eine große Menge positiver Nachrichten gibt.

Letztlich prallen selbst die mit Geld noch immer üppig ausgestatteten Finanzinstitute an der semantischen Mauer ab: Software ist bisher nur unzureichend in der Lage, Worte richtig einzuordnen.

Sehr enttäuschen war dagegen Christopher Poole, Gründer des Forums 4Chan – er wirkt immer ungelenker, immer weniger motivierter über sein Baby zu reden. Und auch eine Debatte über Web-Design mäanderte nur so umher.

Bummel für Foto-Geeks: Beim Photo Walk spazieren die Teilnehmer durch die Stadt und lichten sich und andere ab.

Dafür war es ein toller Tag um Menschen kennenzulernen. Das ist hier extrem einfach: Alle sind auf kontakten eingestellt. Französische Startup-Gründer, die jüngste Absolventin von Googles Singularitäts-Universität, oder Jugend-und-Internet-Expertin Anastasia Goodstein – es war ein interessanter Tag.

Der geschätzte Herr Fiene hat aber auch gestern eine berechtigte Frage gestellt: Wie werden wir uns am letzten Tag fühlen – denn so eine fünftägige Mammut-Veranstaltung geht ganz schön an die Substanz.

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