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SXSW Day II: Kurzes Zwischenfazit
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SXSW Day I: Rumpeln und Revoluzzen

Rolling-Stones-Song aus der guten, alten Zeit, sagen wir „Tumbling Dice“ oder „Brown Sugar beginnen mit einem langsamen Rumpeln, doch jeder ahnt: Das ist nur das Anwerfen einer kräftigen, mitreißenden Maschine. Genauso ist die SXSW an ihrem ersten Tag.

Für jene Leser, die nicht so sehr bewandert sind in Internet-Themen: SXSW steht für South by Southwest und ist der Name einer Konferenz in Austin, Texas. Nein, nicht einer – DER Konferenz. Dem Super Bowl der Geeks, dem Woodstock der Gadget-Fetischisten. Einst nur als Anhängsel der Film- und Musikfestivals von Austin gedacht ist der Interactive-Part heute der Tonangeber.

Erster Eindruck: Die SXSW ist eine merkwürdige, riesige Mischung aus tollen Inhalten, Werbedauerfeuer und Klassentreffen. Und dabei ist dieser erst Tag noch recht zurückhaltend mit dem offiziellen Start um 14 Uhr. Schon jetzt aber ist das Ausmaß gigantisch. 11.000 Teilnehmer werden allein für den Digital-Part erwartet, neben dem riesigen Konferenzzentrum sind sämtliche Tagungsräume in mehreren Hotels gebucht.

Doch das erste Panel, das ich besuchte war schon eine Bereicherung fürs Hirn. „Welche Lektionen lernen wir aus den Unruhen im arabischen Raum?“, fragte ein fünfköpfigen Podium.

Wer dem zuhört musste sich als deutscher Medienkonsument in einer anderen Welt fühlen. Während germanische Journalisten von daheim urteilten, das mit all diesen Twitterfacebookdingenskirchen habe im Gesamtrahmen der politischen Gemengelage untergeordnete Bedeutung, berichteten Journalisten, die vor Ort waren anderes.

So hätten die Bilder vom Tahrir-Platz ganz anders aussehen können, glaubt Azmat Khan vom Reportagemagazin Frontline PBS: So hätten einige Protestierende Google Maps-Karten ausgedruckt und verteilt. Auf den Blättern waren die Eingänge zum Platz nummeriert, so dass sich allein mit dem Nennen einer Zahl Massen verschieben ließen um einem Angriff der Sicherheitsbehörden zu begegnen.

Das Abschalten des Internets in Ägypten sei letztlich kontraproduktiv gewesen: „Die Leute haben nichts mehr zu tun gehabt – und sind auf die Straßen gegangen.“

Startup-Gründer Habib Hadad war einer der technischen Helfer der Revolution in Ägypten. Nicht dass die Oppositionellen sich über das Web organisierten haben ihn überrascht – sondern die hohe Kreativität, mit der sie es taten. So seien Slogans in gemeinsamer Arbeit via Google Moderator entstanden. Speak2Tweet dagegen habe in seiner Folge Exil-Ägypter die Chance gegeben, die Demonstranten zu unterstützen: Als Twitter und Google jenen Dienst, bei dem Menschen Nachrichten via Telefon aufsprechen konnten, die dann per Twitter in die Welt gesendet wurden, starteten, bildete sich eine Gruppe, die bei der Übersetzung der Botschaften ins Englische half.

„Aktivisten planten schon vor der Abschaltung des Internets in ihrem Land den Verlust des Online-Zugangs ein“, sagte Susannah Vila von Movements.org: „Sie arbeiteten mit Mirror Servern, legten Daten an verschiedenen Stellen ab.“

Ein gehöriger Teil der Diskussion drehte sich um die Rolle des Journalismus. Frontlinerin Khan: „Es ist die Aufgabe und die Verantwortung von Journalisten, fremdsprachliche Plattformen in solchen Situationen auf Informationen zu durchforsten und sie der Welt zu überbringen.“ So beschäftige Al-Jazeera ein Team von vier bis fünf Leuten, die nichts anderes täten, als glaubhafte Informationen im Web zu suchen.

Die seinen nicht so selten, wie mancher glaube, erklärte Haddad: „Es gab nur wenige Fälle von völliger Falschinformation.“

Dieses Vorgehen stelle dem Journalismus aber eine neue Herausforderung: Ebenso wie es ethische Richtlinien in vielen Redaktionen gebe, müsse es Leitfäden geben, wie Quellen im Web hinterfragt werden sollten und wie mit ihnen umzugehen sei. Vadim Lavrusik, Community-Manager bei Mashable und Dozent für Journalismus an der Columbia University widersprach dem ein wenig: „Auf Dauer werden Journalisten ohnehin online arbeiten, wie sie es früher ohne Internet taten: Man baut sich Kontakte auf un verschafft sich Zugang zu vertrauenswürdigen Quellen.“

Den intellektuellen Überbau besorgte dann später im riesigen Ballsaal D der wie immer großartige Clay Shirky. „In der Beurteilung, welche politische Wirkung das Internet entfalten kann, sind wir noch in einem frühen Stadium“, sagte der  Medienwissenschaftler aus New York. Erkennbar sei aber, dass das Web drei Funktionen für politische Aktivisten übernehme: Synchronisation, Organisation und Koordination.

Viele mächtige schätzten die Macht von Social Media falsch ein. Das sei so wie einst der Bischoff von London, der die ersten gedruckten Exemplare der Bibel alle aufkaufen und verbrennen ließ. „Damit sorgte er für eine ausverkaufte erste Auflage – und die Finanzierung weiterer.“

Wer das Internet vor allem als Ort von lustigen Katzenfotos halte, der habe nicht einmal Unrecht. Aber das sei nun mal so in der Mediengeschichte: „Der erste Verkaufserfolg gedruckter Bücher waren erotische Romane. Erst mehr 150 Jahre danach gab es das erste gedruckte, periodische Wissenschaftsorgan.“

Wenn nun Regierungen einzelne Dienste oder gar das gesamte Web abschalten ließen, stießen sie die Bevölkerung nur darauf, dass sie etwas zu verbergen hätten. Sehr schöner Satz von Shirky: „Regierungen haben keine Angst vor informierten Bürgern – sie haben Angst vor synchronisierten Gruppen.“

Aufzuhalten aber sei die demokratisierende Wirkung digitaler Technik nicht. Wer offline sei verabschiede sich gleichzeitig von der Weltwirtschaft. Und nicht nur das Web sei ein Umsturz-Faktor. Die neue Studie „Digital Origins of Dictatorship and Democracy“ von Philip Howard zeige eine deutliche Korrelation zwischen der Verbreitung von Mobilfunk und der Demokratisierung in einem Land.

Das Abschalten und Filtern aber mache die Menschen wütend – vor allem die Jungen. Für sie sei Social Media auch Ausdruck des Anders-Seins gegenüber ihren Eltern. „Es ist wie einst mit Rock’n’Roll: Nicht jeder Rock’n’Roll Song hatte eine politische Botschaft – aber jeder eine soziale: Wir sind anders als ihr.“

Eines aber dürfe dabei nicht vergessen werden: Diese Instrumente allein reichten nicht aus. Sie setzten auf über Jahre gewachsene Strukturen auf. So habe die Regierung des Sudan auf Facebook verdeckt zu einer Anti-Regierungs-Demonstration aufgerufen – und verhaftete alle, die dort erschienen. „Der Grund, warum das funktionierte: Keiner kannte einander“, erklärte Shirky. Die politische Opposition im Sudan sei noch nicht strukturiert genug, um solch eine Falle zu erkennen.

Diese vorhandenen Netze seien es auch, die dafür sorgten, dass die Demonstrationen friedlich blieben. Sie geben den Takt vor und können nun in Echtzeit auch aufgeputschte Stimmungen besänftigen.

In diesem Zusammenhang auch nochmal die Empfehlung für Shirkys großartige Bücher, hier der Link zum jüngsten „Cognitive Surplus“.

Eine Enttäuschung aber gab es auch: Google-Vorzeigefrau Marissa Mayer.

Sie ist seit einiger Zeit für ortsbasierte Dienste zuständig – was bedeutet: Das ist Googles wichtigstes Feld. Sie zeigte einige wirklich schöne Anwendungen und Experimente. Ein neues Google Maps für Android flutschte großartig und live über das Handy-Display, die Nachzeichnung der Ski-Wege der Google-Ingenieure im Verlauf eines Ausflugs in die Berge – spannend.

Aber: Neues hatte sie nicht zu bieten. Sie bejubelte Hotpot, bei dem Nutzer Orte bewerten können oder anhand der Empfehlungen von Freunden solche vorgeschlagen bekommen. Das ist schön – aber bereits existent. Foursquare ist in diesem Punkt mit seiner neuen Version Google um Jahre voraus.

Mayer liegt richtig, wenn sie sagt: „Ortsbasierte Daten setzen Suchen in einen neuen Kontext.“ Doch belegte sie das mit einem Beispiel, das sie mir bereit bei einem Interview im Dezember 2008 nannte: Wenn man einen Vogel im Wald sehen, könne man seinen Namen nicht erfahren. Bilderkennung sei auf weit absehbare Zeit dazu nicht in der Lage. Zusammen mit dem Ort, an dem man sich befinde, könne die Suche aber ensprechend eingeschränkt werden.

Zweieinhalb Jahre später gibt es dieses Beispiel noch immer – es könnte ein Hinweis auf die Festgefahrenheit bei Google sein.

Ach ja: Den Popup-Store von Apple zum Verkaufsstart des Ipad 2 gibt es tatsächlich. Hier ein Bild der Schlange am späten Vormittag. Einige Stunden später war sie deutlich länger, gegen 21.30, viereinhalb Stunden nachdem das Geschäft schon geöffnet hatte, war sie noch immer 70 Meter lang. Heute dürfte es viele Ipad 2 auf offener Wildbahn zu besichtigen geben.

Eine sehr schöne Zusammenfassung des ersten Tages lesen Sie auch bei Herrn Fiene.

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