Netzwert Reloaded XXVI: Breitbeinige Cowboys
28. Februar 2011
Die Zeitung – Ihrer unfreundlicher Werbe-Zumüller
2. März 2011

Eine kleine Dosis Mitleid für die Guttenbergerin der „Badischen Zeitung“

Deutschlands Print-Journalisten sollten künftig sehr, sehr, sehr, sehr vorsichtig sein. Dann nämlich, wenn es um das kreative Zusammenstellen von Texten aus verschiedenen Quellen geht. Oder wie wir Freunde der CSU sagen: das guttenbergen.

In diesen Tagen kommt ein solcher Fall auf den digitalen OP-Tisch. Eine Autorin der „Badischen Zeitung“ hat sich für eine Geschichte über Schwiegermütter (mal nebenbei, „Badische Zeitung“: Solche Langeweiler-Themen sollen Eure abrutschende Auflage retten?) bei „Spiegel“, „Focus“ und Co. bedient. Und das tat sich nicht nur in Sachen Schwiegermutter – vielmehr scheint diese Arbeitsweise Alltag gewesen zu sein, listet Rudi Raschke in seinem Blog auf. Schon 2007 wies er in einem kurzen Artikel auf das Problem hin.

(Symbolbild: Redaktionsarbeit 2011 – Shutterstock)

Thomas Hauser, der Chefredakteur der „Badischen Zeitung“ findet die Sache „peinlich“. Nun kenne ich ihn nicht. Würde ich aber gern. Um einzuschätzen ober dies tatsächlich seine Gefühlslage ist oder er sich eher denkt, „ist halt so, Schwämmle drüber – die Wogen werden sich wieder glätten“.

Denn wer nicht allzu naiv ist, der weiß: Abschreiben war schon immer journalistischer Alltag – nur die Moral der abschreibenden Redakteure hat sich unter dem Kostendruck der Redaktionen verändert.

Einst hatten Journalisten Respekt vor der Arbeit von Berufsstandskollegen. Dann zitierten sie diese mit Quellenangabe. Waren gleich mehrere Informationen aus einer Quelle, galt die Mindestregel: einmal muss man diese nennen. Sicher, es gab immer welche, die die solche Hinweise für den Leser als ehrverletzend empfanden. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ war beispielsweise berüchtigt dafür, Hinweise auf das „Handelsblatt“ zu meiden. Insgesamt aber klappt das alles recht gut.

Heute aber ist die Welt anders. Einerseits sind die physischen Restriktionen drängender. Wer aufgrund immer geringeren Platzes vor der Wahl steht, seine wunderschöne Formulierung zu streichen oder den Halbsatz „berichtet die Weser-Deister-Zeitung“ – der entscheidet sich für zweiteres. Auch der redigierende Produktionskollege streicht bei Platzmangel lieber die scheinbar unwichtige Quellenangabe. Außerdem: Warum soll man den Feind, also einem anderen Print-Produkt, ein solches Lob zukommen lassen? Diese Haltung ist heute weit verbreitet, aus ihr entspringt die Abneigung der Zeitungs-Online-Ableger auf andere Angebote zu verlinken.

Noch dazu stellt das ja den Chef, falls der vor Andruck nochmal gegenlesen sollte, zufrieden: Er ist meist nicht im Thema, weiß nicht, wo welche Informationen schon mal standen. So entsteht ein fast mafiöser Zusammenhalt. Selbst wenn ein Kollege ahnt, dass ein Autor abgeschrieben hat: Er wird es am nächsten Morgen nicht in der Redaktionskonferenz erwähnen. Bestenfalls Lesern könnte das auffallen. Die melden sich per Leserbrief – und gelten ohnehin als „Fundamentalisten“, wie es „FAZ“-Mitherausgeber Günther Nonnenmacher einmal formulierte.

Wo sollen sie aber herkommen, die exklusiven Informationen, die das Abschreiben unnötig machen würden? Die Reiseetats werden immer stärker gekürzt – zum Recherchieren kommen viele Journalisten nur noch notfalls raus. Gleichzeitig bleibt immer weniger Zeit: Die Redaktionen sind zusammengekürzt, die Online-Angebote müssen bedient werden. Die Motivation nicht gefördert haben auch die faktischen Bezahlungskürzungen und die Aussicht, dass diese noch zunehmen werden.

Ein Chefredakteur, der glaubt, seine Leute könnten heute mehr exklusive und gut recherchierte Geschichten liefern als vor 10 Jahren, darf als Narr bezeichnet werden. Wer glaubt, dass es genauso viele sind, macht sich lächerlich. Tatsächlich sind solche journalistischen Gut-Leistungen heute die Ausnahme. Wer daran zweifelt möge mal die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ nach Geschichte durchforsten, die aus anderen Quellen stammen und nur schön umgeschrieben sind. Die Menge wird ihn überraschen. Meistens nennt die „FAS“ dabei ihre Quellen. Meistens. Die Forderungen der Verlage nach einem Leistungsschutzrecht wirken angesichts dieser Realität noch bizarrer.

Zwei Dinge aber machen das guttenbergen künftig problematisch. Zum einen – klar – Google. Die Zahl der Medienblogs nimmt zu, Da Herr Koarl liefert schon eine hübsche, dreizeilige Bedienungsanleitung zum Auffinden journalistische Plagiate. Ein anderes Beispiel ist das Ostsee-Zeitung-Blog (danke für den Hinweis and dkluever).

Zum anderen werden aber auch Chefredakteure kiebiger. In Zeiten, da merkwürdige und wenig seriöse Zitat-Rankings als Marketing-Instrument verwendet werden, hängt auch ihr Stand von Zitaten ab. Also machen sie Druck. Tatsächlich peinlich finden die meisten Chefredakteure es aber, wenn ein gleichgestellter Andersblattiger schaumgemundet anruft um auf Plagiate hinzuweisen. So trug es sich nach meinen Informationen jüngst bei einer überregionalen Tageszeitung zu, deren Chefredakteur einen Anruf vom Lenker eines Monatsmagazins erhielt. Eine Mitarbeiterin der Zeitung habe einen Artikel fast vollständig aus seinem Magazin abgeschrieben, mahnte er. Dies war der Mitarbeiterin nicht zum ersten Mal passiert – sie wurde gefeuert.

Ja, so geht es derzeit zu in den deutschen Redaktionen. Einerseits kommen Journalisten kaum ums Abschreiben herum um ihr Blatt zu füllen – andererseits kann ihnen das schnell um die Ohren fliegen.

Und deshalb habe ich in winziges Stück Mitleid für jene Guttenbergerin der „Badischen Zeitung“. Aber nur ein winziges Stück.

Teile diesen Beitrag