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Warum 50 Milliarden Dollar für Facebook nur halber Irrsinn sind

Man darf gespannt sein, wieviele Medien nun wieder von einer Dotcom-Blase schreiben und reden werden. Und natürlich liegt der Vergleich nahe mit jener Zeit vor 10 Jahren, hört man vom scheinbar irren Deal, den Goldman Sachs gestern Nacht abgeschlossen hat: 450 Millionen Dollar gibt die Investment-Bank an das Social Network – bei einer Bewertung von aberwitzigen 50 Millarden Dollar (sehr schön hat Webciety diese Summe visualisiert).

Das klingt schwer geistesgestört. Tatsächlich aber könnte es ein prima Geschäft für Goldman werden – wenn auch zum Schaden sehr risikoliebender Anleger.

(Foto: Shutterstock)

Denn das gesamte Geschäft ist weitaus komplizierter (was beispielsweise ein Medium wie Spiegel Online anscheinend nicht erörtern mag, nicht einmal das Handelsblatt geht auf die Details ein). Im Kern geht es Goldman darum, gleich mehrfach die Kasse klingeln zu lassen.

1. Die Bank gründet ein neues Investmentvehikel, über das ihre Kunden bei Facebook investieren können. In diesem Moment bietet sie Großkunden mit Hang zu Risiko und Gier die scheinbar großartige Möglichkeit, bei Facebook einzusteigen, bevor das Netz an die Börse geht. Dafür kassiert die Bank hübsche Provisionen. Da diese neue Gesellschaft als nur ein Teilhaber gewertet werden soll, muss Facebook selbst seine Bilanzen nicht offen legen. Dies ist in den USA Pflicht ab 499 Anteilseignern.

2. Mit dem Investment hat Goldman sich wohl die Führerschaft beim Facebook-Börsengang erkauft. Dieser ist, egal wie er ausfällt, ein ordentliches Geschäft. Denn auch wenn der kalkulierte Börsenwert nicht bei 50 Milliarden Dollar liegt: Es wird so oder so ein dicker Börsengang.

3. Dann sind da ja noch die Großkunden, die bereits in Facebook investiert sind. Ihre Anteile werden umgewandelt oder verkauft – auch hier fallen einige Gebühren an.

Goldman kann es nicht ganz egal sein, würde Facebook mit einem Mal deutlich geringer bewertet. Doch letztlich ist die platte Rechnung: Wieviel lässt sich mit dem IPO von Facebook verdienen?

Diesen Verdienst muss natürlich irgendwer zahlen. Einerseits ist dies Facebook – doch die Zuckerberge wissen, dass sie irgendwann nicht um einen Börsengang rumkommen, somit also eine Konsortialbank sowieso nötig ist. Andererseits sind dies die Anleger beim Börsengang, klar. Ganz gehörig aber werden auch jene zahlen, die in das neue Investment-Vehikel Geld stecken.

Deshalb also ist die Behauptung: „Facebook wird mit 50 Milliarden Dollar bewertet“ richtig – und auch wieder falsch. Präziser wäre wohl: „Goldman kauft sich Facebook-Börsengang mit überhöhter Bewertung“.

Obwohl: Ist sie tatsächlich überhöht?

Nicht ganz so schlimm, wie man glauben möchte. Wobei das nun folgende schwer spekulativ ist – denn nur Goldman und die anderen Investoren kennen die wahren Zahlen.

Nehmen wir mal als Gradmesser den Customer Lifetime Value, den Wert eines Kunden über seine Zeit des Kunde-Seins. Bei 50 Mrd. Bewertung ist jeder aktuelle Nutzer 80 Dollar wert. Fünf Jahre sind für einen solchen Lebenszyklus recht normal. Verteilen wir dies (und zinsen der Einfachheit halber künftige Einnahmen nicht ab – was in der Regel aber gemacht wird), sind dies 16 Dollar Umsatz pro Jahr und Kunde.

Im Jahr 2010 hat Facebook nach Informationen von Mashable rund 2 Milliarden Dollar umgesetzt. Und das mit am Ende 620 Millionen Kunden (diese Zahl erfragte Morgan-Stanley-Analystin Mary Meeker für ihre Rede beim Web 2.0 Summit). Seien wir für 2011 mal sehr euphorisch und nehmen eine Verdopplung des Umsatzes an. Danach wird es ruhiger, 2012 bis 2014 kommt jeweils eine Milliarde mehr rein. Somit kommen wir auf 24 Mrd. insgesamt. Nun wird es schwierig: Wie stark kann Facebook noch wachsen? Bliebe die Zahl der Nutzer konstant, ergäbe sich ohne eine interne Abzinsung künftiger Einnahmen (was in der Regel aber vorgenommen wird) ein Wert pro Kunde von fast 39 Dollar, wüchse die Zahl schnell auf eine Milliarde wären wir bei 24 Dollar. Das ist noch ein weiter Weg bis 80 – aber nicht so weit, wie man reflexhaft denken könnte.

Seien wir ein wenig euphorischer. Was, wenn Facebook so extrem weiterwächst? Wenn sich die Umsätze weiter nahezu verdoppeln? Wenn wir im Jahr 2014, bei sinkenden Umsatzzuwächsen, von einem Unternehmen von der Größe Googles heute reden? Dann kommen wir auf Gesamtumsätze von 53 Mrd. Dollar. Und das würde jeden heutigen Kunden mit 85 Dollar bewerten. Ups.

Wie geschrieben: Da sind unzählige Eventualitäten und Spekulationen drin. Doch wer glaubt, die 50 Mrd.-Bewertung sei völliger Humbug, der sollte nochmal nachdenken. Tatsächlich ist sie der Glaube an ein zweites Google – und die Hoffnung, damit als Bank ordentliche Einnahmen reinzuholen.

Allerdings ist bei dieser Bewertung auch klar: Für die normalen Anleger wird am Tag des Börsengangs nicht mehr viel übrig bleiben. Facebook wird mit einem sehr hohen Kurs an den Markt gehen – und nur eine richtig große, bisher nicht bekannte Einnahmequelle könnte dafür sorgen, dass der Kurs danach noch kräftig nach oben geht.

Nachtrag vom 4.1.: Quod erat demonstrandum…

Wobei zur Rettung der Autoren gesagt sei, dass die Berichterstattung im hinteren Bereich insgesamt ausgewogener ist. Aber beim Handelsblatt ist es inzwischen Methode, ein Thema „Bild“-artig auf Sensation zu trimmen.

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