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(Schon wieder) Jung von Matt in der kleinen PR-Agentur am Rande der Stadt

„So hatte ich mir das echt nicht vorgestellt mit der PR-Arbeit“, grummelt Senior Consultant Sabine, während sie die CD wechselt.

Neben ihr seufzt Kollege Lars: „Nein. Aber Du weißt ja, was der Chef sagt…“

„Das Leben ist kein Ponyhof, das finden alle Ponys doof. Ja, ja, ja“, zitiert Sabine den neuen Lieblingssatz ihres Vorgesetzten. Der nämlich hat eine höhere Umsatzrendite gefordert. Warum, das erklärt er nicht, jüngst, beim All-Hands-Meeting im gläsernen Konferenzraum der kleinen PR-Agentur am Rande der Stadt. Nur, dass die Krise ja allgemein vorbei sei und deshalb wieder mehr Geld fließen müssen. Dabei ist es ein offenes Geheimnis, wohin die Liquidität strömt: Auf die Konten des Chefs und auf das von Managing Partner Marcel. Der aber hält ohnehin nur 1,37 Prozent der Agentur-Anteile.

Die bulgarische Sekretärin Polia hat dann rausgelassen, weshalb es dem Chef so sehr nach Rendite gelüstet: „Chat Ruulett geschpielt. Und Pokkä. Chat viel verloren. Aber muuss doch Ex-Frau zahlen.“ Jeder in der kleinen PR-Agentur am Rande der Stadt erinnert sich noch an jene Zeit des Rosenkriegs, als Nicole, die 20 Jahre jüngere Ehefrau des Chefs von Jelena erfuhr, der noch einmal fünf Jahre jüngeren Kroatin. Schön war das nicht. Auch nicht das Urteil des Richters in Sachen Geldströme.

Kurz darauf aber präsentierte der Chef die Lösung des Problems: Creative Competence Research – unterstützende Dienstleistungen für die Kreativbranche.

Seitdem sitzen Lars und Sabine Tag für Tag in der Stadtbücherei und hören CDs durch. Deutschsprachige CDs. Schlager vor allem. „Mir bluten die Ohren“, ruft Sabine aus, als sie Florian Silbereisens Debüt-Werk durch hat.

Sie kramt ein Duplo aus ihrer George-Gina-Lucy-Tasche und gönnt sich eine Pause bei Junior-Consultant Tanja-Anja. Die sitzt im Zeitschriftenarchiv, vor sich große Ordner mit alten Magazinen. „Wusstest Du, dass es mal eine Zeitschrift namens ,Quik‘ gab?“, fragt sie Sabine.

Gemeinsam schlendern sie hinüber zu Praktikantin Julia bei den Büchern. Seit zwei Tagen schon arbeitet sie sich durch die Selbsthilfeabteilung. „Ich hab das Gefühl, meine Finger werden ganz gelb bei all dem Staub“, seufzt sie. Doch tapfer führt sie die Liste von Buchtiteln weiter, jeden Tag kommen neue Zettel in ihrer verspielten Mädchenschrift hinzu. Ein Zettel pro Buchtitel. Diese landen, wie die Song-Zitate von Sabine und Lars und die Zeitschriftenüberschriften von Tanja-Anja in einem großen Pappkarton.

Ungefähr einmal die Woche ruft dann der bisher einzige Kunde des Creative Competence Research Centers an. Immerhin: Es ist Jung von Matt. Die Werbeagentur, die den Chef überhaupt auf die Idee gebracht hat, dieses Geschäftsfeld zu eröffnen. Hat sofort bei im gefunkt, nachdem Julia von ihrem Praktikum berichtet hatte. „Wir nehmen denen das Kopieren einfach ab“, hatte er gerufen.

Nun klingelt Lars Telefon. „Marcel“, sagt er nach einem Blick auf das Display, „bereitet schon mal alles vor“. Dann rennt er hinaus, denn telefonieren ist in der Bücherei der Stadt, an deren Rand die kleine PR-Agentur liegt, selbstverständlich nicht erlaubt. Sabine, Tanja-Anja und Julia schnappen sich die Kisten mit den Mitschriften und schleppen sie nach draußen.

„Yep, ja, ja, OK, wir ziehen“, sagt Lars. „Es geht um die neue Vodafone-Kampagne“, klärt er den Rest des Teams auf, ohne aufzulegen. „Alexandra hat im Büro schon einen Werbespot gezogen. Ist wohl lustigerweise ein alter der Telekom – irgendwas mit Steffi Graf…“

„Wer macht die Glücksfee?“, fragt Lars. Tanja-Anja zuckt mit den Schultern und greift in den Karton. Sie reicht Lars einen der Zettel. „Und der neue Vodafone-Slogan lautet…. Ich will, ich kann“, gibt er Marcel durch.

„Yes“, ruft Tanja-Anja. „Der ist von mir – das war eine alte Viagra-Werbung“. Ihre Freude ist verständlich: Ein freier Tag erwartet den Mitarbeiter, dessen Notiz gezogen wird.“

Und so entsteht mit Hilfe der kleinen PR-Agentur am Rande der Stadt die neue Werbung für den Telefon-Riesen Vodafone. Dass diese manchem bekannt vorkommt, der Spot gar fast als Kopie eines Konkurrenten erscheint, das bezeichnet der Chef gerne als „Kollateralschaden“.

Weitere Abenteuer der kleinen PR-Agentur am Rande der Stadt.

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