Foursquare plant deutsche Version
27. September 2010
„The New Yorker“ Ipad-App: Tue i-iges und rede darüber
27. September 2010

Netzwert Reloaded (V): Als Dieter Gorny sauer wurde

In der Serie “Netzwert Reloaded” verfolge ich jeden Montag, was das Team von Handelsblatt Netzwert vor exakt 10 Jahren über das digitale Geschäft schrieb. Mehr dazu hier. Alle Netzwert-Reloaded Folgen finden Sie hier.

Dieter Gorny kochte. Sichtlich. Und hörbar. Seine Züge verfinsterten sich, seine Stimme wurde grummelnder und raspeliger. Irgendwann polterte aus ihm heraus: „Ich weiß jetzt gar nicht, was sie da nicht verstehen.“ Solche Ausbrüche können einem Ostwestfalen aber nichts anhaben. Und so blieb mein ehemaliger Kollege Burkard Ewert enervierend ruhig und hakte immer wieder nach.

Der Grund warum wir beide mit Gorny und Pixelpark-Chef Paulus Neef im September 2000 beisammen saßen war die neue Homepage des Musiksender Viva. Dessen Chef war Gorny, Pixelpark hatte das Werk gebastelt. Es war ein überkandideltes Angebot, das mit der schnellen Datenleitung in der Viva-Zentrale im Kölner Mediapark wunderbar lief – absehbar aber nicht mit einer hausüblichen Online-Verbindung anno 2000. Und: Der Zuschauer sollte zuschauen. Gefälligst. Wer Viva.tv öffnete, für den verschwand jede Form von Navigation vom Bildschirm.

Neef meinte dazu: „Wir betreten Neuland und das gewollt: Fernsehen und Internet verschmelzen.“ Und: „Wir wollen einige Dinge nicht zulassen. Wir geben Struktur und Navigation vor. Es wird eine andere Definition von Ergonomie geben.“

Immer wieder warfen Burkhard und ich uns Blicke zu: Das konnten die doch alles nicht ernst meinen? Taten sie aber. Auf die fehlende Bandbreite angesprochen erklärte Gorny ohne Ironie: „So ein Ruckeln und Knistern kann doch unheimlich spannend sein. Unsere Zielgruppe weiß: Wenn es heute ruckelt, wird es das in einigen Monaten nicht mehr tun.“ Vielleicht stellte er sich einen Retro-Fernseher dabei vor. Tatsächlich hing sich das Bild eher auf – und das mag niemand sehen, der sich gerade Musik gönnen möchte.

So entstand ein an Spitzen reicher Artikel unter dem Titel „Knistern & Ruckeln“:

„… wer in Gornys Reich nicht mit Inbrunst an die Einzigartigkeit von www.viva.tv glaubt, überschreitet offensichtlich die Grenze zur Majestätsbeleidigung…. Alle Pläne, Viva über das Medium Fernsehen hinauszubringen, ernteten bisher ein müdes Lächeln. Ein Jugendmagazin zusammen mit dem Bauer-Verlag erblickte nie das Tageslicht, ebenso die geplanten Viva-Cafés in Kaufhof-Filialen. Gornys Radiopläne schließlich, für die er die Mittelwelle digitalisieren will, werden kaum ernst genommen. Und das Internet? Das hat Viva tapfer verschlafen.“

Auch Viva.tv wurde eher ein Flop. Gorny aber scheint es nie vergessen zu haben. Und so erinnert das merkwürdige 2010Lab, eine Art Online-Video-Schau zum Kulturhauptstadtjahr (bei dem Gorny ja maßgeblich beteiligt ist) tatsächlich an Viva.tv vor zehn Jahren. Und es ist genauso langweilig – und mutmaßlich überteuert.

Den Aufmacher jener Netzwert-Ausgabe vom 25.9.2000 lieferte „Handelsblatt“-Chef Bernd Ziesemer selbst.

Deutschland möge sich ein Beispiel an Japan nehmen, schrieb der einstige Tokio-Korrespondent. Dort bildeten die oft 24 Stunden durchgehend geöffneten Nachbarschafts-Läden einen Brückenkopf für Internet-Dienste: Die Kunden ordern online bei einem E-Händler und holen die Ware dann im Laden um die Ecke ab. Und der Logistikdienstleister Yamamoto offerierte sich gar als technische Plattform für Online-Unternehmen – eine Strategie, die später Amazon ebenfalls übernehmen sollte.

Ganz anders als heute stellte sich die Szene der Berater und Agenturen dar. Im bereits bröckelnden Online-Geschäft versuchten Multimediaagenturen im Bereich der klassischen Werbung zu punkten. Im Jahr 2010 dagegen wollen die Klassik-Werber mit aller Macht Digital-Kompetenz vortäuschen, die sie oft genug eben nicht haben.

Besonders „Handelsblatt“-geeignet waren natürlich jene Geschichten, in denen die graumelierten Stammleser bekannte Personen wiederfanden. Horst-Dieter Esch, zum Beispiel. Mit seiner Bau-Holding IBH hatte er eine der spektakulärsten Pleiten der deutschen Nachkriegsgeschichte hingelegt. Nun diente er mit seiner Model-Agentur Wilhelmina gut aussehende und mager ernährte Damen Startups an, die eine Vorzeige- oder Hintergrundfigur suchten. Die Agentur existiert auch heute noch, ist an der Börse und Esch zeichnet noch immer als Director.

Es war auch die Zeit, da Investoren schnell sein mussten. Am schnellsten wollte der 27-jährige Jonah Schnel sein. Er gründete eine Venture-Capital-Gesellschaft, die an Top-Unis wie Berkeley oder dem MIT Scouts beschäftigte, die sich nach gründenden Studenten umschauen sollte – um so früh wie möglich als Investor auftreten zu können. Studenten werben Studenten – so was kennen wir heute nur noch aus dem Zeitungsabo-Bereich. Schnels Fond ITU aber existiert anscheinend heute noch – weiterhin mit Schnel als Partner.

Einen Blick hinter die Polit-PR warf Netzwert damals auch. Die Bundesregierung rühmte sich, binnen einer Woche Green Cards für Software-Spezialisten bereitzustellen. Die Realität sah anders aus, wie der in London lebende Inder Harsh Datey und sein Anwalt erklärten:

„Sicher sind die Ämter überlastet. Aber es fehlen auch manche Kenntnisse. Mit Hilfe der Frankfurter Wirtschaftsförderung bin ich seit Wochen laufend im intensiven Gespräch mit der Arbeits- und Ausländerbehörde. Alle Anträge liegen komplett vor, die Sache ist in Arbeit, es gab zahlreiche Telefonate, aber nichts Schriftliches und auch keine Eingangsbestätigung… Einen Unterschied zu der Zeit, als es die Green Card noch nicht gab, ist nicht zu erkennen.“

Tja, und dann war da noch das Liebesthema. Wenn immer im Handelsblatt jemand über amouröse Dinge schrieb, musste er sich zweifelnde Kritik gefallen lassen. Liebe? Das war nichts für eine Wirtschaftszeitung. So gab es in der Redaktionskonferenz auch Kopfschütteln über die Geschichte „Ohne Hemmungen“. Es ging, klar, um Online-Dating. Dass 90 Prozent der Nutzer männlich sind und mancher nicht ganz wie Wahrheit sagt.

Eine kapitale Fehleinschätzung lieferte dabei Trendforscher Horst Opaschowski:

„Er sieht in den elektronischen Beziehungen nur Kurzkontakte, die an der Oberfläche bleiben. Gemeinsamkeit werde durch ,temporäre Allianzen ersetzt‘.“

Heute haben sich 12,5 Prozent aller US-Ehepaare über das Web kennengelernt.

Zum Schluss ein paar Zahlen aus den USA: Die durchschnittliche Online-Zeit eines Verbrauchers mit Netz-Zugang lag bei 9,14 Minuten – im Monat. Und Banner wurden noch zu 0,47 Prozent geklickt.

Nächste Woche: Als Jena cool war.

Teile diesen Beitrag