Eva Longoria, willst Du mir followen, in guten wie in schlechten Tagen?
10. September 2010
Fortschritt in Münster: Videos bei den „Westfälischen Nachrichten“
10. September 2010

Die Unwissenheit des Hans Leyendecker

Journalisten haben sehr oft eine besondere berufliche Deformation. Geht es um ihr Fachgebiet, kennen sie sich glänzend aus, können Zahlen aus dem Ärmel schütteln und zueinander in Bezug setzen, kramen wildeste Anekdoten aus der Historie hervor. Sprich: Sie sind Experten.

Ganz anders, geht es um die Branche, in der sie ihr Gehalt verdienen. Die meisten Journalisten beschäftigen sich herzlich wenig mit dem was in ihrem und anderen Verlagen wirtschaftlich so passiert, wer die handelnden Figuren sind, wie es mit Zahlen aussieht. Ich kenne viele Zeitungsredakteure, die nicht mal einen intensiveren Blick auf die IVW-Zahlen ihres Arbeitgebers werfen.

Und hier meine ich nicht, wie man annehmen könnte, den Nachwuchs. Nein, selbst Deutschlands angeblich bester Rechercheur fällt in diese Kategorie: Hans Leyendecker.

Er führte ein höchst unterhaltsames Gespräch mit „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann. Leider fragt Leyendecker sehr bodenständig, ich glaube, aus Diekmann hätte sich noch mehr herausholen lassen. Trotzdem: Das Interview macht Spaß.

Recht früh aber kommt eine Stelle, die für Leyendecker schon ein wenig peinlich ist. Sie geht so:

„SZ: Sie haben seltsame Vorstellungen von Gesundheit: Als Sie Bild-Chefredakteur wurden, lag die Auflage bei 4,5 Millionen. Heute liegt sie noch knapp über drei Millionen. Sieht so Erfolg aus?

Diekmann: Wenn Auflage der wichtigste Maßstab für ökonomischen Erfolg wäre, dann hätte die SZ mit ihrer stabilen Auflage im vergangenen Jahr wohl kaum neun Millionen Euro Verlust gemacht. Bild hingegen erzielt Jahr für Jahr Rekordergebnisse – und wir müssten in diesem Jahr wirklich noch alles falsch machen, um zu verhindern, dass auch 2010 wieder das beste Jahr der Bild-Geschichte wird.

SZ: Die neun Millionen sind eine Behauptung von Ihnen, die im Übrigen nicht stimmt. Fest steht: Ihre Auflage sinkt und sinkt.“

Ach, die neun Millionen stimmen nicht? Damit täuscht Leyendecker vor, diese tatsächliche Zahl unterscheide sich signifikant. Wenn dem so ist, so möge er dies mal seinen Konzernbetriebsrat Harald Pürzel mitteilen. Der sah dies nämlich in den Abbauwirren des vergangenen Jahres anders, wie er dem „Focus“ verriet:

„Der rückläufige Anzeigenmarkt macht dem Traditionshaus zu schaffen. Laut Pürzel rechnet das Unternehmen in diesem Jahr mit acht bis zehn Millionen Euro Verlust.“

Selbst wenn es acht Millionen waren, so liegt Diekmann eben nicht fürchterlich falsch. Entweder Leyendecker betreibt hier PR im Sinne seines Arbeitgebers. Das aber dürfte er eigentlich nicht. Schließlich ist er  zweiter Vorsitzender des befremdlichen Journalisten-Geheimbundes „Netzwerk Recherche“ und dieses wütete in seinem Medienkodex doch noch gegen Journalisten, die PR machen. Oder aber Leyendecker weiß es nicht besser.

Beide Optionen sind für ein mindestens ein klein wenig peinlich.

Teile diesen Beitrag