Next10: no game, no change
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Hype, sie tun Dir Unrecht

Tot.

Alles tot.

Zumindest bald. In Kürze.

Social Media?

Tot.

Ipad?

Tot.

Second Life?

Tot.

shutterstock way out mortuary schild klein(Foto: Shutterstock)

Die autoflagellantischen Anwandlungen der digitalen Szene auf der Next10-Konferenz waren bemerkenswert. Vielleicht, weil das ganze unter dem Motto „Game Changers“ stand und vielen Vortragenden einfach bewusst wurde, dass sie keine Game Changer sind – sondern einfach Mitspieler sind (was übrigens auch nichts Schlechtes ist. Nun aber wollten sie Changer sein und erklärten einfach, dass ja alles tot sei – der Onkel Schnitter ist ja der gamechangendste unter den Game Changern.

Begründung für die Todesahnung:
a) Das bewusste Thema ist Normalität geworden.
b) Das Thema ist ein Hype.

Die intellektuelle Flachpfeifigkeit hinter manchem dieser Vorträge war bemerkenswert. Sie verriet aber auch eine Menge über die Medienwelt dieser Tage. Denn so mancher eigentlich ganz intelligente Mensch macht die Relevanz eines Themas ausschließlich an der Quantität der Berichterstattung in klassischen Medien fest.

So heißt es dann allen Ernstes, Social Media werde bald nur noch Media heißen – weil ja alle jene Dienste nutzen. Was für ein Unsinn. Natürlich ist Social Media vor allem ein Buzzword. Doch brauchen wir in jeder Lebenssituation solche Buzzwords – man darf sie auch „Fachbegriffe, die gerade besonders häufig eingeworfen werden“ nennen. Ohne Buzzwords würden Ärzte weniger Leben retten, Fußballtrainer ihren Spielern erheblich länger begreiflich machen müssen, was sie spielen sollen und Ingenieure länger bei der Reparatur von Flugzeugtriebwerken brauchen. Natürlich wird Social Media Alltag – doch wir werden den Begriff weiterhin brauchen, weil wir uns somit leichter über das Thema verständigen können.

Genauso unbegreiflich ist für mich das lapidare: „Das ist alles nur ein Hype.“

Ein Hype ist auf Deutsch „Medienrummel“. Hypes sind negativ besetzt, weil gerade Medienvielnutzer schnell genervt sind von einem Thema. Sie bekommen die Hype viel stärker mit als der Durchschnittsbürger.

Doch impliziert das Wort „Hype“ bei vielen auch „Da ist nix dran“. Und das ist Unfug. Medienrummel aber hat selten die Realität abgebildet. Die Fußball-WM 2006 war ein Hype, Lady Gaga ist einer, und genauso die Griechenland-Krise. Doch das sagt nichts darüber aus, ob ein Thema auf Dauer relevant ist oder ein Projekt erfolgreich ist.

Das möchte ich vor allem Thomas Zervos ins Poesiealbum schreiben, dem Digital Director von Jung von Matt. Er wetterte recht uninspiriert gegen „digitale Säue“, denen man nicht hinterher rennen sollte. Seine Argumente waren dünn: Er zweifelte munter, ob das Iphone sich nennenswert verkauft oder erklärte Second Life für tot. Zu seiner Erinnerung: Second Life war immer kleiner, als die Medien es machten – heute aber ist es profitabel und ganz leicht wachsend. Und was die Apple-Endgeräte betrifft, so finden sich erstaunliche Zahlen dafür, dass ihr wirtschaftlicher Erfolg recht ordentlich ist.

Man gewann den Eindruck: Da zetert ein Jung-„Klowände des Internet„-von-Matt gegen all das an, was die Agentur nicht beherrscht. Am Ende holte der Mitarbeiter der Ex-Kreativagentur ein Ferkel auf die Bühne – langweilige Tierquälerei. Wenn es um „Neue Besen kehren gut“ gegangen wäre, hätte Zervos wahrscheinlich schon das Vorzeigen eines Staubsaugers für zu sophisticated gehalten.

Nein, ein Hype ist nicht böse oder gut, er ist einfach. Das sollten Netz-Affine besonders gut kennen. Mems, jene sich schnell herumsprechenden Insider-Gags, sind nichts anderes als Hypes. Manche verschwinden schnell wieder, andere bleiben über Jahre erhalten.

Somit sind Hypes zunächst einmal Ausdruck unserer menschlichen Eigenart, über gewisse Themen besonders intensiv reden zu wollen – und bei diesen Themen besteht erhöhter Informationsbedarf, der dann wieder durch Medien gedeckt wird. Oder Medien erhitzen sich in einem für den Leser/Zuschauer/Zuhörer eher unerquicklichen Wettbewerb so sehr über einem Thema, dass jeder ständig die Nase vorn haben möchte.

Über die Qualität des besprochenen Themas aber sagt das nichts aus. Und deshalb ist das meiste von dem, was auf der Next10 für tot erklärt wurde auch quicklebendig. Nur die Medien haben sich halt daran abgearbeitet. Es ist aber kein gutes Zeichen, wenn gerade Werber, Entscheider und Berater allein daran die Relevanz eines Themas bemessen.

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