Facebooks Änderungen: eine Chance für Unternehmen – eine Gefahr für Facebook?

by Thomas Knüwer on 23. April 2010

Es ist erstaunlich, wie wenig Wirbel Facebook gestern ausgelöst hat. Sicher, es gab einige Blogs, die über die Änderungen beim Marktführer unter den Social Networks berichtet haben. Doch insgesamt war in digitalen wie non-digitalen Medien erstaunlich wenig los.

Dabei ist die Einführung der neuen “Gefällt mir”-Funktion mehr als ein hübsches Funktiönchen:

facebook logo kleinSie ist der Versuch, Facebook zum Internet-Standard zu erheben, auf Augenhöhe mit Google – und in Konfrontation mit Google News.

Sie könnte eine gewaltige Änderung für Anbieter von Inhalten bedeuten.

Sie ist eine Marketing-Chance.

Und sie ist ein Pokerspiel von Mark Zuckerberg – vielleicht gar eine Gefahr für das Überleben von Facebook.

Die für die Nutzer offensichtlichste Änderung ist die Einführung von “Gefällt mir”-Buttons, die sich jede Web-Seite zulegen kann. Wer bei Facebook angemeldet ist, drückt den Knopf – und schon landet der Link in seinem Profil und somit im Nachrichtenfluss seiner Freunde. Das dürften viele praktisch finden: Bisher ist das Weiterreichen von Links ein wenig mühselig.

Für Seitenbetreiber ist die Integration der Funktion reizvoll: Viele von ihnen nutzen zwar schon Social Bookmarks, die wenigsten aber sind wirklich zufrieden damit. Kein Wunder: Die Häufung von Diensten zur Link-Weiterreichung erinnert optisch eher an einen durcheinander gewürfelten Legokasten – unkundige Nutzer dürften eher abgeschreckt werden. Da ist Facebook, vielleicht ergänzt um Twitter, eine saubere Lösung. Sprich: Nachrichtenseiten sollten nicht lange überlegen und gucken und abwägen – sie sollten noch heute das Facebook-Widget einführen.

Somit könnte sich sehr schnell eine neue Link-Kultur bilden. Mit einem Mal erledigen die Nutzer das, was bisher Google News tat – nur eben basierend auf der wahrgenommenen Qualität der Artikel. Setzt Facebook die Sache im eigenen Angebot richtig um, könnten der Newsstream zum persönlichen Nachrichtenfilter werden.

Die Vermischung der Link-Empfehlung mit dem emotionalen Begriff “I like” ist dabei für Unternehmen spannend. Sie können die Funktion nutzen, wenn sie mehr Inhalte bieten als bisher. Denn die Masse der Verbraucher wird nicht unterscheiden zwischen Nachrichten und der neuen Version eines Eis am Stiel. “Brad und Angelina lassen sich scheiden” – spannende Nachricht, müssen alle wissen, “Ilike” drücken. “Magnum jetzt auch als Avocado-Zwiebel-Crunch” – lecker, mag ich, “ilike” drücken. Somit befeuert Facebook weiter das noch am Anfang stehende digitale Corporate Publishing: Unternehmen werden künftig viel mehr Inhalte schaffen als nur die Beschreibung eines neuen Produktes.

Auch für die Analyse von Kundeninteressen wird Facebook interessant werden: Denn anscheinend sind die Analysemöglichkeiten erheblich umfangreicher als bei Google Analytics. Das könnte dann auch manches Unternehmen dazu bewegen, seine Werbeaktivitäten auf Facebook selbst auszudehnen.

Der bekannte Investor Ron Conway sieht das ähnlich. Im Interview mit Techcrunch sagt er:

“Social media is here to stay and the social phenomenon that is bringing this about is consumers’ willingness to share more about themselves, share more about what they’re doing… And this phenomenon is going to create huge commerce opportunities on the web…

Facebook is becoming the web. Everything you need is there.”

Wie bei all dem die Datenschutzfragen aussehen, wage ich noch nicht eindeutig zu beurteilen. Die Verwendung des OAuth-Standards ist für mich zunächst mal ein gutes Zeichen. Netzwertig hat aber schon mal die ersten Kritiker zusammengetragen. T3n hat aber schon mal eine sehr schöne Zusammenfassung für Nutzer veröffentlicht.

Doch genau da liegt die Gefahr für Facebook. Denn einerseits könnte Zuckerbergs Reich an der Simplizität ersticken: Wenn zu viele Nutzer Links auf Links auf Links weiterreichen könnte sich Otto Normalface überfordert fühlen von der Masse an Nachrichten. Da die Zahl der Quellen im Netz noch dazu unüberschaubar ist, könnte es sein, dass Freunde eine wichtige Meldung mal via Spiegel Online, mal via Welt, mal via Netzpolitik verlinken. Und so landet eine Nachricht über 20 Kanäle im Newsstream – und das ist ohne jeden Nährwert. Nachrichten müssen eben Gewichtet werden. Da wo alle das gleiche Gewicht haben, herrscht Durcheinander.

Da könnte der Wunsch nach einer neuen digitalen Heimat entstehen. Und Facebook macht die Tür auf: Künftig ist es einfacher, seine gesamten Daten aus dem Dienst zu ziehen und sie jemand anders anzuvertrauen. Die Facebook-Konkurrenten werden sich alle Mühe geben, dieses Verfahren leicht verständlich zu erklären.

Mark Zuckerberg scheint zu pokern: Wenn er gewinnt, ist Facebook ein echter Web-Standard. Wenn er verliert, ist Facebook das nächste Myspace – ein Social Network, das Management-Fehler ins Aus geschossen haben.

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