Wie Frank Schirrmacher sich seine Experten aufbläst

by Thomas Knüwer on 1. Februar 2010

Eigentlich sollte heute ein Text entstehen, der sich mit den Thesen von Frank Schirrmacher in der gestrigen “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” sowie denen von Andrian Kreye in der “Süddeutschen” beschäftigt. Je intensiver ich jedoch mit Schirrmacher las, desto mehr ärgerte ich mich. Und deshalb ist zunächst eine Abhandlung nötig über eine journalitische Unsitte in diesen Tagen: das Experten-Aufblasen.

Schirrmacher lässt eine ganze Reihe Fürsprecher seiner Thesen auflaufen. Schon beim ersten Lesen wunderte ich mich, dass mir diese Experten nichts oder wenig sagten.  ”Aber”, dachte ich, “so sind die Feuilletonisten: Betreiben Namedropping und der Leser muss sich selbst schlau machen – und am Ende sind das alles große Köpfe.”

So wie die “legendäre Blog-Cruftbox” im Schirrmacher-Text. Oder für jene, die kein Deutsch auf Klotschen schreiben: “das legendäre Blog Cruftbox”.

Legendär.

Aha.

Nun. Ganz so legendär geht es nicht zu. Cruftbox-Autor Michael Pusateri ist Senior Vice President für Technologie bei Disney. Er bloggt schon seit dem Jahr 2000 – also eine ordentliche Zeit. Aber wenn Cruftbox legendär ist – was ist dann Kottke.org? Boingboing? Engadget?

Mehr noch: Schirrmacher fälscht sich ein Zitat zusammen. Denn die in Anführungszeichen vorgebrachte Passage: “Ihr habt Euch im iPhone getäuscht. Ihr täuscht Euch hier. Es ist eine dritte Art des Computers” existiert so nicht im Text.

Ähnlich verhält es sich mit Alex Payne, den Schirrmacher als “ein brillanter Informatiker der jungen Generation” beschreibt. Payne ist – warum schreibt Schirrmacher das nicht? – Entwickler bei Twitter. Und in seinem Blog schreibt er, er selbst wäre nie Entwickler geworden, wenn er in Ipad mit Apps gehabt hätte und keinen Computer. Inzwischen hat er diese Aussage allein auf sich bezogen. Vor allem aber schreibt Schirrmacher, Paynes Blog Al3x sei “vielgelesen”. Woher weiß er das? Die Verlinkungen bei Technorati und Icerocket deuten nicht auf Übermäßiges hin. Und Kommentare – deren Zahl ebenfalls ein Indiz sind – lässt Payne nicht zu.

Noch so einen merkwürdiger Fall: Steven Frank. Eine “brillante Analyse” des Ipad habe der geschrieben, lobt Schirrmacher und legt ihm das Ende des Desktop-Computers in den Mund. Wer dieser Frank ist? Ein Macintosh-Entwickler und und Comic-Autor. Sein Tumblr-Blog lässt keine Kommentare zu – anscheinend bevorzugt Schirrmacher solche Seiten. Doch Frank schreibt nicht so düster, wie es ihm der FAZler andichtet. Sein Artikel zum Ipad endet so:

“Apple is calling the iPad a “third category” between phones and laptops. I am increasingly convinced that this is just to make it palatable to you while everything shifts to New World ideology over the next 10-20 years.

Just like with floppy disks, the rest of the industry is quite content to let Apple be the ones to stick their necks out on this. It’s a gamble to be sure. But if Apple wins the gamble (so far it’s going well), they are going to be years and years ahead of their competition. If Apple loses the gamble, well, they have no debt and are sitting on a Fort Knox-like pile of cash. It’s not going to sink them.

The bet is roughly that the future of computing:

  1. has a UI model based on direct manipulation of data objects
  2. completely hides the filesystem from the user
  3. favors ease of use and reduction of complexity over absolute flexibility
  4. favors benefit to the end-user rather than the developer or other vendors
  5. lives atop built-to-specific-purpose native applications and universally available web apps

All in all, it sounds like a pretty feasible outcome, and really not a bad one at that..

The iPad as a particular device is not necessarily the future of computing. But as an ideology, I think it just might be. In hindsight, I think arguments over “why would I buy this if I already have a phone and a laptop?” are going to seem as silly as “why would I buy an iPod if it has less space than a Nomad?””

Schirrmacher macht daraus:

“… aber auch er glaubt, dass Jobs’ technologischer Gottesdienst das Ende des Desktop-Computers markieren wird.”

Stillos gar wird Schirrmacher, wenn er Journalisten in Deutschland kritisiert. Zitat:

“Das liebedienerische Niveau, auf dem heute die Kritik geäußert wird, zeigte legendär…”

Was für Schirrmacher nicht alles so legendär ist, möchte ich einschieben.

“…der Technologiereporter Dirk Liedtke, der den  Google-Gründer Sergey Brin mit folgender Frage in die Ecke trieb: ,Ist aus dem David ein Goliath geworden?’ und nach einem völlig inhaltslosen Gespräch folgendes Resümee zog: ,Nach dem Ende des Interviews verabschiedet sich Sergey Brin, ohne aufzustehen und nach einem kurzen Geplänkel kleben seine Augen wieder an dem Display seines Notebook. Ein spannende Begegnung mit Brin, für ihn eher eine Pflichtübung.’”

Finales Urteil des großen S.:
“Bei solchem Journalismus, da muss man der Blogosphäre recht geben, ist der Widerspruch der vielen Einzelnen wichtiger denn je.”

Ich weiß nicht, welches Krösken Schirrmacher mit Liedtke hat. Aber es ist doch erstaunlich, wenn bei einem Standardartikel der Name des Autors OHNE seinen Arbeitgeber, den “Stern” fällt. Und dieses Interview ist Standardware. Es ist auch kein Einzelgespräch, wie Schirrmacher vortäuscht, sondern ein Gruppeninterview. Liedtke selbst macht daraus keinen Hehl, was ihn von vielen, vielen Kollegen, auch bei der “FAZ” unterscheidet, die es vermeiden zuzugeben, dass das für Deutschland exklusive Gespräch mit einem interessanten Gesprächspartner eben nicht weltexklusiv und damit allein geführt wurde.

Ist Liedtkes Interview deshalb toll? Nö. Es ist langweilig wie so viele Gespräche mit Informatiker-gründet-Firma-Chefs aus dem Silicon Valley.

Abgedruckt wird so etwas trotzdem. Um sich mit dem Namen des Prominenten zu schmücken. Und den Kontakt warm zu halten zur Presseabteilung des Unternehmens. Das ist traurig, aber leider wahr.

Gerade Schirrmachers Haus weiß um dieses Problem. In der gleichen Ausgabe der “FAS” erschien gestern nämlich ein inhaltsloses, liebedienerischers Interview mit Puma-Chef Jochen Zeitz. Überschrift: “Enge Trikots sehen am athletischen Body toll aus“. Zu finden im Wirtschaftsteil. Was in dieser Kombination alles sagt.

Was Schirrmacher da veranstaltet ist unseriös – aber leider Alltag im Medien-Deutschland. Der Journalist recherchiert, findet ein cooles Zitat und biegt sich dann den Autor desselbigen so zurecht, dass es für den Leser klingt als spräche Gott im Himmel. Oder er hat tatsächlich einen klugen Kopf gesprochen, der aber den seitenplatzverteilenden Kollegen nichts sagt: Also muss geschwärmt werden, dass sich die Balken biegen.

So entstehen sie dann die “führenden Köpfe”, die “Vordenker” und “Gurus”, die “angesehenen Experten” und “Halb-Götter”. Gern bezeichnen Redaktionen so etwas als “hoch einfliegen”.

Nehmen wir nur den jüngst in der Web-Szene viel diskutierten Digitalkünstler Jaron Lanier. Seien wir ehrlich: Die wenigsten kannten ihn vorher. Sonntags erschien in der “FAS” sein Essay, doch am Samstag davor gab es in der “FAZ” schon mal ein Interview. Ganz schön viel Werbung für Laniers Buch, übrigens.

Die “FAZ” flog ihn so hoch ein, dass Lanier Höhenangst bekommen haben dürfte. Allen Ernstes wurde behauptet: Lanier “gilt als Vater des Begriffs „virtuelle Realität“… hat als Erster internetbasierte Computer-Netzwerke vorgeschlagen, den ersten „Avatar“ entwickelt, die virtuelle Kamera fürs Fernsehen und 3-D-Grafiken fürs Kino… 1983 hat er mit „Moondust“ das erste Videospiel vorgestellt.”

Fehlt nur noch die Sache mit dem Wasser und dem Wein. Allein schon der letzte Satz ist natürlich absurd. Tatsächlich hat Lanier das erste Kunst-Videospiel programmiert, das seine Massenwirkung deutlich verfehlt hat. Und auch bei den anderen Aktivitäten klingt beim etwas neutraleren Wikipedia-Artikel doch oft eher ein Mit-Machen denn ein Kopf-Sein durch – nicht bei allem, aber bei den meisten der Aktivitäten. Auch die Sache mit dem Avatar ist deutlich eingeschränkter, als die “FAZ” dies darstellt. Bemerkenswert ist auch, dass all die “firsts” im Netz vor allem aus Zitaten von Laniers Vita stammen.

Aber das ist natürlich alles kleinkrämerischer Kleinkram für einen Schirrmacher. Denn wie er sich seine Zitate ergoogelt um den Leser zu manipulieren, das verdient nur ein einziges, großes Wort:

legendär.


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