Happy Birthday, “Financial Times Deutschland”

by Thomas Knüwer on 22. Februar 2010

Heute morgen habe ich einen Karton geöffnet, in den ich vor genau 10 Jahren das letzte Mal geblickt habe. Sein Produzent nennt ihn lachsfarben, ich nenne es rosa. “FTD” steht in edlen Lettern drauf.

Er enthält die Erstausgabe der “Financial Times Deutschland”.

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Vor genau zehn Jahren erschien sie, es war eine wilde und spannende Zeit. Beim “Handelsblatt”, für das ich damals arbeitete, ging ein Zittern um. Im alten, damals recht modrigen Top-Hotel “Breidenbacher Hof” trafen sich die Headhunter mit Kollegen, die abgeworben werden sollten –  das war das am schlechtesten gehütete Geheimnis von Düsseldorf. Wer wissen wollte, welches Redaktionsmitglied für die “FTD” interessant war, musste nur einen Kaffee im Foyer einnehmen.

Überhaupt: Headhunter. Zum ersten Mal wurden sie weiträumig eingesetzt um in der deutschen Journalistenlandschaft Personal zu akquirieren. Die Angebote, die sie in der Tasche hatten, waren üppig. Nicht umsonst spricht man noch heute bei Gruner + Jahr von jenen “Altverträgen” die richtig teuer kommen. Es war das Jahr 2000 – und die Krise noch nicht da. Alles war schön und bunt und reich und bullig. Eine naturbekokste Ära.

Eine ganze Reihe Kollegen namen die Offerte aus Hamburg an.Traf man sie, berichteten sie von der kreativen Atmosphäre und von der Diskussionsfreude, die sie so nie zuvor erlebt hätten. Sie strahten Corpsgeist aus. “In zwei Jahren sind wir an Euch vorbei”, raunzte mir ein Ex-Handelsblättler aus dem “FTD”-Berlin-Büro mal bei einem Ehemaligen-Treffen der Georg von Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten zu.

Doch beim “Handelsblatt” schlug recht schnell die Stimmung um. Aus Furcht wurde Kampfeslust. Ein Relaunch kam. Er nahm vieles vorweg, was die “FTD” später auch bot. Mit einem Mal war die Aufbruchstimmung auch in Düsseldorf da.

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Als dann die “FTD” startete, landete sie gleich den ersten Fehlschlag.

Die Siemens-Titelgeschichte wurde zur Ente, sie war überdreht worden. “Überdreht”, das war ein Wort, das in den ersten beiden Jahren häufig fiel, ging es um das rosa Blatt. Bei mancher Exklusivgeschichte wurden kleinste Details so prominent verkauft, dass sie auf den ersten Blick wie eine Sensation erschienen. Kenner der jeweiligen Branche aber fanden das unterdurchschnittlich seriös – schnell bekam das Blatt ein leicht boulevardeskes Image. Ein wenig unter ging dabei der oft originelle Ansatz bei Kommentaren – sie waren für mich das spannendste in jener ersten Zeit.

Blättern durch die erste Ausgabe. Nostalgie. Ron Sommer. Ulrich Schumacher. Liegt es am Zahn der Zeit oder war die Druckqualität der Fotos damals wirklich so schlecht?

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In einigen Branchen, den kreativen, medialen vor allem sammelte die “FTD”  konsequent Leser ein. Schnell war sie das Blatt der Branchen mit Sex-Appeal – und das Handelsblatt die Zeitung für Stahl, Schrott und Schrauben und Autos.

Inzwischen ist die “FTD” ruhiger geworden. Auch wenn die Exklusivnachricht noch immer ihr wichtigstes Anliegen ist. Sie ist eine inhaltlich gut gemachte Zeitung.

Allein: Das scheint nicht zu reichen.

Keinen einzigen Cent schwarze Zahlen hat sie bislang geschrieben. Dabei sollte es einst fünf Jahre dauern bis zum Break-even. Seitdem wird Jahr für Jahr behauptet, im folgenden Jahr werde es so weit sein. Da ist es schon eine Neuerung, wenn Geschäftsführerin Ingrid Haas nun verkündet: “2011 haben wir diese wichtige Marke in Sichtweite.” Sichtweite ist ja immer eine Frage der Fernglas-Qualität.

Nicht mal eine eigene Redaktion hat das Blatt mehr. Zusammengelegt wurde die Redakteursmasse mit der aus “Capital” und “Impulse”, “Gruner + Jahr Wirtschaftsmedien” steht jetzt auf den Visitenkarten. Die Amorphisierung entlastet vor allem das Management: Nun lassen sich Verluste einfach über die Blätter verteilen. Wahrscheinlich wird die “FTD” tatsächlich 2011 behaupten, sie habe Gewinne gemacht – nachprüfen kann das niemand.

Überhaupt. Nachprüfen. Das Tagesgeschäft haben bei der “FTD” die Vizes Sven Oliver Clausen und Stefan Weigel übernommen. Die wurden für die aktuelle Ausgabe des “Wirtschaftsjournalist” interviewt (der übrigens seit seinem Relaunch immer besser wird). Und dort sagen sie eine ganze Reihe Dinge, die bemerkenswert unüberprüft daher kommen. Zum Beispiel, dass die “FTD” sich stärker um die griechische Schuldenkrise gekümmert habe als das Handelsblatt – das darf bestritten werden. Oder, dass der Verlust der “FTD” 2009 “nach allem was man hört” kleiner sein soll als der des “Handelsblatts”. Natürlich ist er das – denn er Umsatz ist auch deutlich geringer.

Besonders schön aber ist die Behauptung, man sei mit der Auflage zufrieden. 52.271 hart verkaufte Exemplare – damit kann niemand zufrieden sein, so lange er nicht mal eine schwarze Null erreicht. Denn die Auflage wird nicht mehr steigen, vielmehr sinkt sie seit 2005 kontinuierlich.

In de Jubiläumsausgabe heißt es zur “FTD” in zehn Jahren, es werde sie gedruckt “als wöchentliche Sonderausgabe mit Reportagen, Hintergründen und Gastbeiträgen zum Genießen” geben.

Ja, und sonst? Das Erscheckendste, denke ich an die Zukunft dieser Zeitung, ist die Tatsache, dass sie am wenigsten von allen überregionalen Blättern im digitalen Zeitalter angekommen ist. Ihre Homepage ist wenig zukunftsweisend, ihre Iphone-App nicht mal Durchschnitt, Social Media scheint ein Fremdwort zu sein. In den täglichen Diskurs der digitalen Öffentlichkeit mischt sie sich so wenig ein wie “Capital” und “Impulse”.

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Deshalb habe ich heute morgen traurig jenen Papkarton geschlossen, in dem die Erstausgabe liegt wie in einem Sarg. Dann habe ich das Andenken wieder oben verstaut, auf dem Schrank im Arbeitszimmer. Mit dem mulmigen Gefühl, dass die Schachtel im Jahr 2020 eine Erinnerung sein wird an ein qualitativ gutes Produkt, das den Sprung in die digitale Zeit verschlafen hat.

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