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18. Dezember 2009
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25. Dezember 2009

Glaskugelige Kaffeesatzlesereien für das Jahr 2010

Wer hat an der Uhr gedreht, ist es wirklich schon so – nächstes Jahr? Jauch hat den Jahresrückblick gemacht, Gottschalk ist auch schon durch. 2009 dauern Jahre anscheinend nur noch 351 Tage. Na gut, dann wird es wohl Zeit für ein wenig kaffeesatzlesereskes Glaskugeln.

Hier also meine rein subjektive und leicht verreißbare Vorhersage für die Trends des kommenden Jahres.

The year of the app
Damals, als die erste Version des Iphone auf dem Markt kam, käbbelten wir uns in der Redaktion Handelsblatt einige Male. Wie wir denn so viel über ein einziges Produkt schreiben könnten, kritisierten manche Kollegen. Seit damals aber gilt: Das Iphone ist vielleicht nicht das beste Handy der Welt – aber es ist das Handy, das alles verändert.

Das haben inzwischen auch alle anderen Hersteller erkannt. Keiner, der nicht einen eigenen App-Store gestartet hat oder sich auf Betriebssysteme konzentriert, die einen solchen bieten. Keiner aber bietet derzeit so viel wie der von Apple. Es wird vor allem spannend sein zu beobachten, wie Google sein Android weiterentwickelt. Was diesem System definitiv fehlt, sind Top-Smartphone-Geräte, am besten noch mit Coolness-Faktor. Ob das jüngst an Google-Mitarbeiter verteilte HTC Nexus dies ändert?

Relativ absehbar scheint mir, dass die App-Stores von Samsung und Nokia keine Zukunft haben. Beide erscheinen mir nur halbherzig aufgesetzt zu sein. Vor allem bei Nokia frage ich mich langsam, was dieses Unternehmen eigentlich will. Einerseits kaufen die Finnen in schöner Regelmmäßigkeit interessante Startups – andererseits integrieren sie deren Funktionen nur gelegentlich. Ist Nokia das Yahoo der Handy-Branche?

Apple macht derzeit munter weiter. Keine Woche vergeht, in der mich nicht eine neue Anwendung umhaut. Vieles davon geht auf Kosten von Gadget-Herstellern. Wer braucht zum Beispiel noch ein Visitenkarten-Lesegerät, wenn er den BC Business Card Reader hat?

Und der nächste Schritt steht schon bevor: Angeblich soll schon im Januar das Apple Tablet vorgestellt werden. Und wieder werden manche Journalisten sich ärgern, dass über ein einzelnes Produkt so viel geschrieben wird. Doch es könnte wieder ein Produkt sein, dass die Welt ein Stückchen verändert.

Netz-Neutralität
Ich fürchte, es wird eines der wichtigsten Themen in Deutschland werden. Angepiekst durch die Verlage, die mit ihrer traurigen Leistungsschutzlüge Druck auf die Politik machen, wollen nun auch Telekom-Unternehmen mehr Geld sehen. Der Bitkom  ergeht sich in einem Anfall widerlicher Undemokratie bereits in zarten Hinweisen, dass man sich doch überlegen könnte, für bevorzugt durchgeleitet Daten Gebühren zu verlangen. Sollten diese Bestrebungen anhalten, ist hiermit jeder aufgefordert, jedem Bitkom-Mitglied, dem er begegnet, seine tiefe Verachtung ins Gesicht zu sprechen. Ich jedenfalls werde es so halten und dabei auch nicht mit Begriffen wie „Ekel erregend“ zu sparen.

Real –Time-Web
Schon wieder ein Buzzword. Aber, Herrgott, Ärzte haben ja auch welche. Oder Naturwissenschaftler. Wir brauchen so was einfach in jeder Branche oder Profession, weil sie die Orientierung erleichtern.

Nun also das Real Time Web. Informationen in Echtzeit, jederzeit aktuell , auf dem letzten Stand. Bis vor kurzem hatte ich dies noch für den spannendsten Bereich gehalten, um Google Konkurrenz zu machen. Dann kam Google – und präsentierte die ersten Real-Time-Ansätze.

Das Thema zeugt von den steigenden Ansprüchen der Web-Nutzer. Sie wissen heute, dass Google nicht die jüngsten Informationen hat – aber mancher Freund hat ihnen gezeigt, wo die zu finden sind. Nun wollen sie diese Möglichkeit ständig und überall haben – egal ob auf ihrem Computer oder dem Handy.

Das könnte spürbare Auswirkungen für einige Branchen haben. Medien müssen schneller grundlegende Nachrichten überbringen. Nicht gleich in vollem Umfang mit ausgefeilter Berichterstattung – sondern als kleine Häppchen. Die langen Erläuterungen kommen dann später. Einzelhändler müssen sich auf noch mehr Dienste einrichten, die es Kunden ermöglichen noch im Laden die dortigen Preise mit denen im Web zu vergleichen. Gleichzeitig bietet sich Händlern und Restaurants die Möglichkeit, Kunden, die sich in der Nähe eines Geschäftes befinden, mit Angeboten zu locken. Dies wird seit zehn Jahren versprochen – nun aber könnte es Wirklichkeit werden. Wir alle werden dadurch mittelfristig noch ungeduldiger werden. Wir wollen nicht mehr auf Produkte oder Informationen warten – wir wollen sie jetzt haben. Stante pede.

Twitter Turbulenzen
Für keines der interessanten Web-Unternehmen wird 2010 so spannend wie für Twitter. Geld soll endlich in die Kasse. Der erste Ansatz – die Vermietung des Real-Time-Datenflusses an Suchmaschinen – war noch ein leichter Schritt: Die Kunden haben nicht viel davon mitbekommen. Nun aber soll Werbung rein. Und das wird kitzliger werden. 2010 könnte das Jahr der Entscheidung für Twitter werden. Derweil aber wird der Dienst den Weg in die deutschen Medien finden. Bei „Hockey Night in Canada“ – der wichtigsten Sportsendung der eishockeyvernarrten Kanadier – werden hinter den Namen der Berichterstatter schon deren Twitter-Accounts eingeblendet, CNN nutzt den Dienst auch schon reichlich. Solche Ansätze werden wir bald auch in Deutschland sehen.

Facebook-Börsengang?
Erstaunlicherweise gilt es auch bei vielen deutschen Journalisten als ausgemacht, dass Facebook 2010 an die Börse gehen wird. Ich bin mir da nicht so sicher. Denn ich sehe gerade für die USA die Krise noch nicht als beendet. Nach der Rallye dieses Jahres könnte die Börse derart nervös sein, dass schon Kleinigkeiten die Kurse rutschen lassen – und das ist nicht das rechte Klima für den IPO eines Internet-Unternehmens.

Social-Media-Kampagnen
Viele Unternehmen machen ihre ersten Schritte in Sachen Social-Media-Marketing – manche gut, manche weniger gut. Zahlreiche große Unternehmen werden 2010 den Sprung in dieses Feld wagen. Was aber neu sein wird: Wir werden mehr tatsächliche Kampagnen erleben – also Marketing-Maßnahmen, die nur auf einen bestimmten Zeitraum beschränkt sein werden.

Wandel der Unternehmens-Homepage
Zum Aufwachen der Unternehmen gehört auch ein Blick auf die Abrufzahlen der Homepages. Viele Firmen-Sites aber haben Abrufzahlen, über die selbst mittelmäßig ambitionierte Blogger müde lächeln. Die Frage, wie Homepages gestaltet sein müssen, damit sie Kunden anziehen, führt ebenfalls in den Bereich von Social Media. So manches Unternehmen wird es schaffen, seine Kunden zu sich zu ziehen – und weg von Fangruppen in Social Networks.

Medienkrise
Geht weiter. Hört nicht auf. Weitere Redakteursstellen im Printbereich werden abgebaut werden, die Vermarkter stampfen ihren Außendienst weiter ein. Ende des Jahres könnten die ersten Zeitungen sterben. Das heißt nicht, dass sie verschwinden, sondern dass sie übernommen werden – was mittelfristig auf das Gleiche hinausläuft.

Unterhaltung auf höherem Niveau wird auch weiter die Leistungsschutzlüge der Verlage bieten. Die Pittbulligkeit, mit der Mathias Döpfner jüngst um sich gebissen hat, zeigt, wie verzweifelt die Lage ist. Hat Döpfner eigentlich mal verraten, wie viel seiner tollen Umsatzrendite eigentlich auf Volksprodukten beruht? Und: Wenn er Internet-Nutzer zu Kommunisten ernennt, sind Führerbunker-Vergleiche damit erlaubt?

Hulu verendet
Wie schön war doch jenes Wochenende, an dem aufgrund eines technischen Fehlers der Telekom Hulu erreichbar war, jene Online-Video-Plattform der US-Sender. So muss so etwas aussehen. So mancher würde sogar dafür zahlen. Doch die Konzerne vertrauen eher darauf, dass die DVD-Rechte-Einnahmen mehr Geld einbringen.

Hulu gilt auch europäischen Sendern als großes Vorbild. Vielleicht nicht mehr lange: Es rumort unter den US-Anteilseignern. Und ich fürchte, Hulu wird schnell daran zerbrechen. Schade.

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