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Die Rieplsche Fata Morgana

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Eigentlich müsste sich niemand Sorgen machen über die Medien. Es gibt keine Existenz bedrohende Krise, denn es gibt Riepl. Also, sein Gesetz. Und das besagt, dass in der Geschichte der Menschheit noch kein Medium das andere abgelöst hat.

Tja, alles gut? Nicht so ganz. Denn so einfach ist das nicht mit dem Herrn Riepl und seinem „Gesetz“. Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner liebt es. In einem langen Text für die „Welt“ schrieb er im Jahr 2006:

„Ich glaube an das „Rieplsche Gesetz“… Keine neue Mediengattung ersetzt die bestehenden. Medienfortschritt verläuft kumulativ, nicht substituierend. Es kommt immer Neues hinzu, aber das Alte bleibt. Bis heute ist dieses Gesetz unwiderlegt. Das Buch hat die erzählte Geschichte nicht ersetzt. Die Zeitung hat das Buch nicht ersetzt, das Radio nicht die Zeitung, das Fernsehen auch nicht das Radio. Und also wird das Internet auch nicht das Fernsehen oder die Zeitung ersetzen.“

Oder „Tagesspiegel“-Chef Stephan-Andreas Casdorff. Oder Peter Glotz. Die Zahl der Riepl-Fans ist Legion.

Und Legion ist ein gutes Stichwort, schaut man genauer auf jenen Herrn Riepl. Der nämlich war kein Medienwissenschaftler, wie man denken könnte. Er war Altphilologe und Chefredakteur der „Nürnberger Zeitung“. Das Thema seiner Dissertation lautete:
„Das Nachrichtenwesen des Altertums mit besonderer Rücksicht auf die Römer“. Er veröffentlichte sie 1913.

In dieser Dissertation taucht folgende Hypothese auf:
„Andererseits ergibt sich gewissermaßen als ein Grundgesetz der Entwicklung des Nachrichtenwesens, dass die einfachsten Mittel, Formen und Methoden, wenn sie nur einmal eingebürgert und brauchbar befunden worden sind, auch von den vollkommensten und höchst entwickelten niemals wieder gänzlich und dauernd verdrängt und außer Gebrauch gesetzt werden können, sondern sich neben diesen erhalten, nur dass sie genötigt werden, andere Aufgaben und Verwertungsgebiete aufzusuchen.“

Vielleicht hat einer der Leser hier einen Überblick, wie es passieren konnte, dass eine Hypothese aus einer Dissertation des Jahres 1913, die sich mit Nachrichten im römischen Reich beschäftigt, zum Rettungsanker der Medienkonzerne des Jahres 2009 werden konnte?

Es ist geradzu putzig, wenn selbst die philogisch-historische Fakultät der Uni Augsburg über Riepl schreibt, er habe sich mit der „Geschichte der Fern- und Telekommunikation“ beschäftigt. Denn als Riepl seine Doktorarbeit schrieb, gab es nicht einmal das Radio.

Womit Riepl sich beschäftigte war anscheinend vor allem das Post- und Meldewesen. Das kann nicht nur durch Menschen stattfinden, die auf eine Unterlage geschriebene Texte transportieren, sondern genauso durch Fahnen, Blink- oder Audiosignale.

Anscheinend – das nur nebenbei – schreibe ich, weil ich Riepls Dissertation nicht gelesen habe. Das ist schwer. Denn als Buch wird sie nicht mehr produziert. Und bei Googles Booksearch gibt es nur zeilenweise Einblicke. Irgendwie wäre es also nicht ganz so dumm, mal eine Dissertation aus dem Jahr 1913 einsehen zu können, die niemand mehr drucken mag. Die längste Passage fand ich noch bei jener Uni Augsburg, der damit gedankt sei.

Vielleicht ist Riepl deshalb so beliebt, weil seine Formulierung so wattweich ist. Er schreibt von den „einfachsten Mittel, Formen und Methoden“. Was er damit meinte, erschließt sich hier ein wenig mehr:

„Trotz aller solchen Wandlungen ist indessen festzustellen, dass neben den höchstentwickelten Mitteln, Methoden und Formen des Nachrichtenverkehrs in den Kulturstaaten auch die einfachsten Urformen bei verschiedenen Naturvölkern noch heute im Gebrauch sind, und um sie zu finden, braucht man nicht die Südseeinseln oder auch nur das Innere Marokkos aufzusuchen, in Europa selbst, in Gegenden, die sich schon vor den Römern einer verhältnismäßig hoch entwickelten Kultur erfreuten, so bei den Albanesen z.B. ist das Nachrichtenwesen bis heute fast auf der Urstufe geblieben.“

Ist die Zeitung eine der einfachsten Methoden der Nachrichtenübermittlung? Mit all der Recherche der Journalisten, dem Programmieren eines Redaktionssystems, der Klärung von Bildrechten, dem Belichten von Druckplatten, dem Druck und der Auslieferung? Der Albanese hatte es da mutmaßlich ein klitzekleines Bisschen einfacher.

In der Tat sind die einfachsten Mittel und Formen der Kommunikation noch heute vorhanden. Nur sind es zum Beispiel Fahnen oder Hupen. Und nicht Fernsehanstalten oder Zeitschriften.

Riepl lebte in einer anderen Welt. Einer Welt, die nicht taugt für das, was ihm zugesprochen wird. Sein Gesetzt ist ein Gesetz, das darauf beruht, das etwas nicht so sein wird, weil es noch nie so gewesen ist. Es ist das Atomkraftwerke-sind-sicher vor Tschernobyl. Und deshalb ist es kein Gesetz.

Vielleicht weiß das auch Matthias Döpfner. Immerhin musste er sich in seinem „Welt“-Artikel die Welt auch mächtig zurechtbiegen:
„Die CD hat die alte Schallplatte sehr wohl ersetzt; und noch schneller als gedacht ist die MP3-Technologie im Begriff, die CD zu ersetzen. Für DVD und Video gilt das gleiche. Und genau hier wird es interessant. Denn weder CD noch DVD, noch MP3 sind wirklich neue Mediengattungen, sie sind lediglich bessere Technologien. Am Produkt, am Kreativmedium, der Musik oder dem Film, hat dieses Trägermedium nichts geändert. Deshalb sind auch diese beiden Beispiele Bestätigungen des Rieplschen Gesetzes.“

Und anscheinend existiert für Döpfner im Internet keine Schrift, kein Ton, kein Bewegtbild, so dass es ausscheidet als Kandidat, eine überlegene Technik zu sein und so möglicherweise andere Trägermedien zu abzulösen.

Das für mich beste Beispiel für die Unbrauchbarkeit der Rieplschen Hypothese ist der Buchdruck. Als Gutenberg die Druckerpresse erfand, verschwand das handgeschriebene Buch. Weil jene Texte, die zuvor von Hand geschrieben wurden, nun leichter reproduzierbarer und ubiquitärer wurden. Genauso wie heute geschriebener Text, Audio und Video leichter reproduzierbar werden – und leichter zu vertreiben sind – dank WWW.

Selbst Riepl glaubte vielleicht nicht, dass er da ein Gesetz schrieb. Darauf deutet nicht nur sein „gewissermaßen“ vor dem Wort „Grundgesetz“ hin, sondern auch die Passage die kurz darauf folgt:

„Um die Mitte dieses Jahrhunderts bezeichnet die Einführung der Elektrizität in den Dienst der Nachrichtenvermittlung den tiefsten Einschnitt und die nachhaltigste, heute noch nicht abgeschlossene Umwälzung in der Entwicklungsgeschichte des Nachrichtenwesens. Sofort bei ihrem Eintritt verbindet sich die Elektrizität mit der Telegraphie, reißt diese plötzlich aus ihren bescheidenen Anfangsstadien zur höchsten Entfaltung ihrer Eigenschaften fort, spornt alle bis dahin bekannten Nachrichtenmittel zur intensiven Anspannung ihrer Kräfte an und fordert die reiche Fülle der neuen Hilfsmittel, welche das beginnende Jahrhundert der Technik hervorbringt, von der Dampfmaschine bis zum Luftschiff und Flugzeug, zum höchstgesteigerten Wettbewerb im Dienste der Nachrichtenvermittlung heraus. Nunmehr folgen die Neuerungen und Fortschritte einander auf dem Fuße, überstürzen sich zuweilen, und kaum ist ein neues Problem von der Technik gelöst, bemächtigt sich dessen sofort das Nachrichtenwesen. Einen Stillstand gibt es nicht mehr, und eine geringe Zahl von Jahren bringt durchgreifendere Umgestaltung hervor als früher von Jahrhunderten.“

Wenn Herr Riepls Dissertation der Rettungsring der Medienhäuser ist, dann ist die Empfehlung, einen Schwimmkurs zu belegen, nicht die schlechteste.

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