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Warum ich aus dem DJV austrete – und mich frage, ob man nicht etwas tun müsste

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In den vergangenen Tagen war es hier im Blog ruhiger. Das lag zum einen an einer Reise, zum anderen an einer Grübelei. Diese drehte sich um die Frage, wie wichtig eine Gewerkschaft und Interessensvertretung in einer Krise ist und wie sie sich verhalten sollte.

Nun steht mein Entschluss fest: Ich werde den Deutschen Journalisten-Verband DJV nach 14 Jahren (wenn ich recht gezählt habe) Mitgliedschaft verlassen. Vielleicht gönnen Sie sich einmal ein Video. Zu sehen ist es auf der Homepage des DJV und selbstverständlich kann ich es hier nicht einbinden, obwohl es eine Verbandswerbung ist. Typisch.

Das Video zeigt entrückt in ihrer Zeitung blätternde Menschen, die nach der Lektüre das Papier zum Flieger falten und es gen Himmel schicken. Dort formiert sich das Geschwader und flattert schließlich in Redaktionsstuben. „Danke“ steht auf dem Flieger.

Das ist die Welt, wie der DJV sie sich vorstellt. Erstaunlicherweise kommt Fernsehen in ihr nicht vor und auch kein Radio, obwohl der Verband doch als strenggläubig in Sachen öffentlich-rechtliches System gilt. Keine Überraschung kann es sein, dass niemand entrückt in einen Monitor schaut um sich dort zu informieren. Denn das Internet existiert wahlweise für den DJV nicht – oder es ist der Feind.

Neu ist das nicht. In diesem Blog ging es häufig um die Vergangenheitsfreude des Verbandes. Mal um die Warnung „Vorsicht, Ihre Leser könnten sie lesen“, dann um die fragwürdigen Recherchemethoden seiner Hauspostille oder um die heute wohl zyprieske zu nennenden Kapriolen seines Vorstandschefs Michael Konken. Meine Kritik führte zu einer Diskussionsrunde, die von Anfang an wegen ihrer Volumität nicht interessant werden konnte, es war ein Mühlsteintreffen.

Obwohl ich mich für das Auftreten seines Vorsitzenden schämte, der Realität gerne mal zugunsten von eigenen Vorurteilen wegblendet, blieb ich Mitglied. Zum einen, weil ich die generelle Funktion des DJV wichtig finde. Nicht nur, weil er eine Interessenvertretung ist und eine solche – leider – in unserer Gesellschaftsordnung sein muss. Sondern auch, weil ich Gewerkschaften an sich für eine richtige Einrichtung halte. Und der DJV kleidete wenigstens seine Mitglieder nicht in überbordendem Maß in rote Plastiktüten und ließ sie trillerpfeifend durch Innenstädte marschieren.

Der andere Grund war Hoffnung. Innerhalb des DJV gibt es ja vernünftige und fortschrittsfreundliche Kollegen wie Thomas Mrazek. Auch der „Journalist“ machte Fortschritte unter seiner neuen Chefredaktion. Das Blatt ist jetzt immerhin angekommen in den 90ern, das war mal eben ein Sprung von gefühlten 20 Jahren.

Doch nun reicht es einfach. Der DJV fordert jetzt ebenfalls ein Leistungsschutzrecht. Und dies auf eine Weise, der man demagogische Anwandlungen unterstellen darf. „Völker hört die Signale“, krakelt er:
„Der Deutsche Journalisten-Verband hat Verleger und Politik zu einer konzertierten Aktion mit den Urhebern gegenüber dem Monopolisten Google aufgefordert.“

Das allein ist einfach virtuelles Trillerpfeifen. Was mich aber anekelt sind die Äußerungen von Michael Konken, der Google ein „Meinungsmonopol“ unterstellt:
„Der Gesetzgeber muss einerseits der Gratis-Kultur des Internets zu Gunsten der Urheber einen wirksamen Riegel vorschieben und andererseits die Befugnisse des Bundeskartellamtes so ausweiten, dass die Behörde Meinungsmonopole im Internet verhindern kann.“

Meinung? Google will eine Meinung durchdrücken? Wohl eher der DJV. Er betreibt demagogische Meinungsmache. Dabei sind ihm merkwürdige Halbwahrheiten ein genehmes Mittel:
„Die Firma vereinigt in bisher nie gekannter Weise Funktionen als Anbieter von Betriebssystemen für Computer und Handys, Internetsuchdiensten, Inhalten wie komplett digitalisierten Büchern sowie ganz besonders auch die Anzeigenvermittlung. Hier droht ein Monopol mit nie gekannter Meinungsmacht.“

Betriebssystem von Computern? Das ist bisher gerade mal angekündigt. Und was hat das zu tun mit Meinung? Und die digitalisierten Bücher sind in ihrem derzeitigen Zustand rechtlich nicht so recht angreifbar, könnten aber von Verlegern angeboten werden – tun diese aber nicht.

Diese kurzen Schweinereien von Michael „Gestern“ Konken werden ergänzt durch ein „Tipps für Freie“-Schreiben zum Thema Leistungsschutzrecht.

Dort mutiert Google zum „Medienanbieter“, der „Anzeigenvermittlung“ betreibt. Das klingt so, als ob Google Inhalte erstellt. Außerdem erwecke Google den „Anschein, lizenzierter Marktplatz für Informationen aus seriösen Quellen“ zu sein. Wo der DJV das gesehen haben will – unklar.

Und so schwurbelt sich das Dokument weiter um irgendwie die kommunistische Haltung zu rechtfertigen, dass Medien, die alle Chancen hatten, ähnliche Dienste zu offiereren aber zu inkompetent dazu waren, nun ein Stück vom Erfolgskuchen ab haben möchten. So eben wie Hubert Burda, der in diesen Tagen als verlegerische Rotfront die Abkehr vom Gedanken des Unternehmertums zelebriert, aktuell im „Manager Magazin“.

Konkens Wahrheitsverdreher erblöden sich auch nicht, leicht widerlegbaren Unsinn zu schreiben. Zum Beispiel, dass wer sich gegen Google News wehren wolle – also im Umkehrschluss lieber nicht so viele Leser haben möchte – die „Gesetzeslage ändern und anschließend auf deren Akzeptanz durch die Gerichte hoffen“ müsse. Das ist zunächst mal inhaltlich verdreht, zum anderen falsch. Es reicht eine Code-Zeile im eigenen Angebot und – zack – ist Google außen vor. Punkt. Das aber sei – erkennt der DJV dann viele, viele Zeilen weiter – „medialer Selbstmord“. Am liebsten würde der DJV Google aufspalten. Was natürlich wirtschaftlich ein nicht funktionierendes Angebot erzeugen würde – denn die Suchmaschine, gerne kostenlos von Journalisten benutzt, refinanziert sich nun mal über Werbung.

Als das ließe sich abtun als politisches Getöse. Unterträglich aber ist die generelle Haltung des DJV zum Online-Journalismus: Er ist der Feind. „Sie schimpfen auf Google und meinen das Netz“, schreibt Konrad Lischka heute sehr klug bei Spiegel Online.

Die meisten der hart arbeitenden Kollegen in den Internet-Redaktionen verdienen weniger als Kollegen bei Print. Mehr noch: Es gibt noch immer keinen Tarifvertrag. Der DJV umgibt sich nicht einmal mit dem Anschein, einen solchen vehement zu fordern. Sollen sie doch endlich verschwinden, diese Internetler.

Nur so lässt sich auch erklären, dass der Verband der Journalisten weder die Arbeitsbedingungen noch die daraus resultierende Minderqualität des deutschen Online-Journalismus thematisiert. Ihm ist das ganz recht so: Dann muss er sich damit auch nicht weiter beschäftigen.

Derweil sterben die Medienunternehmen. Es ist ein letzter Stellungskrieg, ausgetragen auf dem Rücken der Journalisten. Denn die verlieren ihre Arbeit.

Der DJV mag sich nicht mit der Zukunft beschäftigen. Mehr noch: Er hasst die Zukunft. Wer aber die Zukunft hasst, der hat auch keine solche. Und so lange diese Gewerkschaft noch schlimmer agiert als jene Plastiktüteneinkleider und Trillerpfeifer, mag ich ihr mein Geld und meine Zeit nicht geben.

Und nun? Keine Interessenvertretung mehr?

Das geht irgendwie auch nicht.

Es gibt eine Reihe Menschen, die sich derzeit fragen, ob es nicht etwas anderes geben müsste. Etwas Neues. Vielleicht eine Erklärung, ähnlich derer, die derzeit in manischer Hektik von Chefredakteuren und Geschäftsführern ohne weiteres Nachdenken unterzeichnet werden. Oder eine Gruppierung, die das Internet für Journalismus nicht als Feind begreift – sondern als riesige Chance.

Wer ebenfalls dieses Gefühl hat, wer Ideen hat, was man tun könnte, wer Lust hat, etwas auf die Beine zu stellen, über dessen Mail würde ich mich sehr freuen.

Die Adresse: waskommt -at- gmail.com

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