Traurig: “FAZ” wieder gleichauf mit “Süddeutscher Zeitung”

by Thomas Knüwer on 7. April 2009

Es scheint unter den deutschen Zeitungen, die für sich das Testat “Qualitätsmedium” erheben, einen Wettbewerb zu geben: Wer schreibt in jedem Jahr den voreingenommensten und uniformiertesten Artikel über den Internet-Kongress Re-Publica?

The winner 2009 is: Jochen Stahnke, “Frankfurter Allgemeine Zeitung”. Stichwort: asexuelle Wesen. Erinnern Sie sich? Im vergangenen Jahr schickte die “Süddeutsche Zeitung” einen Berichterstatter zum Web-Kongress Re-Publica, der mit abstrusen Vorurteilen und ohne jede Recherche dort auflief und einen Artikel verfasste, der einen Sturm der Entrüstung ausgelöst hätte, wäre in diesem Tonfall über Modelleisenbahner geschrieben worden.

Im stetigen Kampf mit der “SZ” scheint das die “FAZ” nicht akzeptieren zu können. “Das können wir besser”, rief wohl jemand: “Wir können noch voreingenommener und dümmer über die Re-Publica schreiben.”

Und so schickten sie Jochen Stahnke.

Der hat möglicherweise auf diesen Termin keine Lust gehabt. Und findet das ganze Thema Internet gräuslich. Das ist sein gutes Recht. Nicht sein gutes Recht und eine Verletzung seiner Berufspflicht ist es aber, diese Vorurteile zu vermischen mit falscher, unkundiger und verzerrter Berichterstattung sowie persönlicher Meinung.

“Ich seh nur Pfeifen” ist sein Artikel überschrieben, vielleicht hat er in den Spiegel geblickt, vielleicht den Witz, den Mario Sixtus über Twitter gemacht hat (“Ich glaub ich hab Augen-Tinnitus – ich seh nur Pfeifen”) nicht verstanden.

Gehen wir also das Geschwurbel des Herrn mal durch.

Da behauptet er, die hundertausende von deutschen Blogs würden nicht über den G20-Gipfel schreiben. Nun ist es in der Tat so, dass dieser bei der Konferenz kaum eine Rolle spielte. Aber mit Verlaub: Eine Konferenz für 1600 Leute wird nicht von heut auf morgen organisiert, ich halte es nicht für realistisch, mal eben ein Thema in kurzer Zeit dazwischen zu quetschen (auch wenn das Thema Wirtschaft und Blogs mal ein Podium wert gewesen wäre). Vielleicht aber liest Herr Stahnke mal Blogs, bevor er die Behauptung aufstellt – Rivva listet doch den einen oder anderen Artikel auf.

Die Twitter-Lesung findet Herr Stahnke nicht gut. Sein gutes Recht, er dürfte einer der wenigen gewesen sein, der nicht seinen Spaß hatte. Selbst Twitter-Kritiker Harald Martenstein war da – hat sich bestens amüsiert, wie er hinterher zugab.

Stahnke mokiert sich über einen Tweet, in dem es ums Händewaschen geht. Er vergisst hinzuzufügen, dass dahinter eine Geschichte steckt, die zwar Szene-Humor enthält, zumindest aber schmunzelig ist – muss er aber nicht erwähnen, würde seine These kaputt machen.

Dass es bei dieser Twitter-Lesung wunderschöne Wortspiele gab, Alltagsbeobachtungen und Kurzbeschreibungen, all das lässt Stahnke außen vor. Nicht einmal die zynische Bemerkung
“Was, es gibt eine gedruckte Version der New York Times? Verstehe, für die Obdachlosen“
mag er als solche hinnehmen – er behauptet, sie solle eine Information darstellen. Dass er jenes alte Vorurteil, Twitter-Nutzer müssten ständig etwas schreiben wiederkäut – gut, intellektuelle Auseinandersetzung darf man wohl wirklich von deutschen Journalisten nicht mehr erwarten. Dafür haben sie keine Zeit, sie müssen ja ständig irgendwas in Zeitungen schreiben. So wie Twitter-Nutzer in Twitter.

Ja, und selbstreferenziell war die Konferenz natürlich auch, bekrittelt Stahnke. Wie anders laufen doch Konferenzen von Mikrobiologen ab, die dort über die Zukunft des Theaters diskutieren, oder die Kongresse des Verlegerverbandes erst – wie gern reden sie über die Fortschritte in der Orthopädie. Kongresse sind immer selbstreferenziell ihres Themas gegenüber, alles andere wäre ziemlicher Unfug.

Dass die Re-Publica kein Blog-Kongress ist, sondern ein Kongress aus der Blog-Szene, der sich mit Social Media befasst – egal. Dass Jimmy Wales keine Zuhörer fand, weil er Web-Kennern Wikipedia erklären wollte – egal. Kleinere Seminare zu spezielleren Themen – passen Herrn Stahnke auch nicht. Dass die Re-Publica ja gerade damit angekündigt wird, ein breites Spektrum zu haben, dies also keine Überraschung sein kann – egal. Wenn Polit-Aktivisten spannende Geschichten erzählen, scheint er gerade nicht im entsprechenden Raum gewesen zu sein.

Und schließlich ereifert sich Stahnke über Lawrence Lessig, dessen Vortrag weitaus tiefergehend und anspruchsvoller ist, als das, was der “FAZ”-Mann daraus macht. Letzterer vermischt munter Meinung und Bericht – eigentlich ein Faux-pas im deutschen Journalismus. Ach ja, die teilweise stehenden Ovationen für Lessig würden auch nicht in diese Berichterstattung passen.

So bleibt das Bild, eines miesepetrigen, unkundigen Menschen, der keinerlei Lust hat, sich mit dem Thema, über das er schreibt, zu beschäftigen und den Leser unvoreingenommen zu informieren.

Gratulation, liebe “FAZ”, Sie sind wieder gleichauf mit der “Süddeutschen”. Leider ist das in diesem Fall kein Zeugnis der Qualität.

Nachtrag vom 8.4.: Erstaunlich auch, wie die “Taz” einen neutralen Text über die Veranstaltung verändert hat.

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