Was Online-Chefredakteure für den investigativen Journalismus leisten könnten

by Thomas Knüwer on 11. Januar 2009

Auch ich gehöre zu jenen, die im deutschen Online-Journalismus viel zu wenig Journalismus entdecken. Gleichzeitig stecken die meisten klassischen Medien derart tief im Krisensumpf, dass sie die Mittel für investigativen Journalismus immer weiter kürzen.

Das eine allein wieder selig machende Mittel für eine Wende gibt es nicht. Doch würde eine winzige Kleinigkeit, eigentlich nur ein Befehlsakt im Rahmen der Online-Auftritte aller Medien schon ein wenig was bewirken.

Und deshalb rufe ich hiermit alle Online-Chefredakteure zu einer konzertierten Aktion auf: Verlinken Sie alle gemeinsam auf investigative Geschichten anderer Medien! Die nun folgende Rechnung ist weit davon entfernt, wissenschaftlich korrekt zu sein. Sie ist ein Zahlenspiel, eine Jongliererei. Aber trotzdem gibt sie eine Richtung an, die vom generellen Problem der Refinanzierbarkeit des Qualitätsjournalismus erzählt.

Nehmen wir einen fest angestellten Redakteur, seit fünf Jahren dabei, bei einer Tageszeitung. Nennen wir ihn Egon Erwin.

Laut Tarifvertrag verdient er rund 3.500 Euro. Nehmen wir der runden Rechnung zuliebe an, er bekäme dies im Jahr 14 mal (Weihnachts- und Urlaubsgeld machen es möglich. Das ergäbe 49.000 Euro. Egon Erwins Arbeitgeber, nennen wir ihn “Tageblatt”, kostet er noch einiges mehr, doch selbst das lassen wir jetzt mal außen vor, weil es sehr schwer zu kalkulieren ist.

Eine Woche von Egon Erwins Arbeitszeit kostet also 942 Euro. Na gut, eigentlich ja sogar nochmal mehr, denn der Urlaub ist in dieser Kalkulation nicht drin.

Nehmen wir weiterhin an, Egon Erwin arbeite an einer investigativen Geschichte. Einem Knüller. Und diese Recherche kostet ihn eine Woche seiner Zeit, in der er nichts anders macht, als nur an dieser einen Story zu arbeiten.

Natürlich ist das eine völlig unrealistische Annahme: Kaum ein fest angestellter Journalist kommt durch die Woche, ohne irgendwo einzuspringen, ein paar kurze Sachen zu schreiben, mitzuredigieren, Telefonate zu beantworten und in Konferenzen zu sitzen.

Sagen wir also, jene spannende Story koste Egon Erwin netto eine Woche Arbeitszeit, was ungefähr 1000 Euro Kosten gleichkommt. Noch nicht mit drin sind natürlich die Reisekosten.

Ob sich dieser Artikel für das “Tageblatt” refinanziert, ist bei einer Zeitung nicht herauszufinden. Denn wieviele Menschen das Blatt wegen dieses Artikels kaufen, ist beim besten Willen nicht seriös zu ermitteln.

Im Web sieht das anders aus. Nehmen wir einen Tausenderkontaktpreis von 10 Euro an. Es müssten also 100 mal 1000 Leser die Anzeige betrachten, die neben dem Artikel online steht, um jene 1000 Euro Personalkosten zu erreichen, die der Redakteur verursacht hat.

Wohlgemerkt: Damit ist noch kein Gewinn gemacht, die Fix- und kalkulatorische und Reisekosten sind außen vor.

Was passiert nun mit der exklusiven Nachricht? Das “Tageblatt” vermarktet sie. Sprich: Eine Kurzfassung wird an die Nachrichtenagenturen und an andere Medien verschickt, auf dass die den Ruhm des Produzenten mit Formulierungen mehren wie: “… wie das Tageblatt berichtet…”

Selbst in klassischen Medien tut sich mancher mit dieser Anerkennung guter Arbeit eines Konkurrenten schwer. Lange Zeit, zum Beispiel, waren Zitierungen des Handelsblatts im Rahmen der “FAZ” eine große, große Ausnahme.

Das Internet aber ermöglicht ja noch eine weitere Chance. Das “Tageblatt” mit Egon Erwins Exklusivnachricht könnte ja nicht nur genannt werden – es könnte auch verlinkt werden. Dem Leser wäre das wohl nur Recht – denn er könnte den originalen Text auf Tageblatt.de direkt lesen, und nicht eine Zusammenfassung oder Umschreibung.

Technisch wäre das kein Problem, davor steht aber eine altbackene Gefängnistaktik: “Mein Leser gehört mir”, sagen sich viele Online-Redakteure und -Chefredakteure. Gerade so, als ob der Leser nicht von sich aus weiterginge, gerade so, als ob er es nicht als Dienstleistung empfinden würde, auf die Originalmeldung hingewiesen zu werden. Und wenn er eine gewünschte Dienstleistung erhält – würde das nicht seine Zufriedenheit steigern und die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass er zurückkehrt?

Nimmt man die Grundthese als gegeben an, dass zufriedene Kunden regelmäßige Kunden werden, dann ist die Verlinkung nach außen eine Steigerung der eigenen Kundenzufriedenheit.

Und noch etwas passiert. Derzeit verfällt die Exklusivität einer Nachricht im Internet in Minuten. Kaum ist die Geschichte von Egon Erwin auf Tageblatt.de erschienen, steht sie auch schon bei Fenster Online, Zenit.de und Globus.com. Die Zahl der Leser, die im Zeitraum zwischen Online-Stellung bei Tageblatt.de und der Vermeldung bei anderen Seiten, den Original-Artikel von Egon Erwin gelesen haben, bewegt sich in engen Bahnen.

Investigativer Journalismus wird somit nicht gefördert. Doch das ginge. Mit einem schlichten Link. Nicht jeder Leser von Fenster Online oder Bayerische.de würde darauf klicken – aber so mancher. So näherte sich die Zahl derjenigen, die Egon Erwins Werk online lesen wenigstens ein Stück weit jener absurd hoch erscheinenden Marke, die zur grundsätzlichen Refinanzierung nötig wäre: 100.000 Abrufe.

Und vergessen wir nicht: Die Einnahmen aus Online-Werbung sollen steigen. Dies wird auf Dauer – und alles andere wäre ungewöhnlich – eine stärkere Unterscheidung im TKP zwischen Billig-Seiten und Seiten mit qualitativ hochwertigen Inhalten bedeuten. Schon mittelfristig scheint eine vervierfachung der Online-Werbung möglich. Und das würde im Umkehrschluss bedeuten, 25.000 Abrufe von Egon Erwins Text wäre nötig – eine Zahl, die nicht abwegig ist.

Doch um dorthin zu gelangen, ist jene Verlinkung nötig. Und deshalb appeliere ich hiermit an alle Online-Chefredakteure, das zu tun, was bei fast allen Bloggern längst Usus ist: Verlinken Sie, liebe Kollegen, investigative Geschichten anderer Medien. Nicht nur gelegentlich und sporadisch, sondern als grundsätzliche Maßnahme. Es wäre ein Beitrag zum Qualitätsjournalismus.

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