Die Marie Antoinettes von “FAZ” und “SZ”

by Thomas Knüwer on 12. Dezember 2007

Nun regt sich auch das Feuilletion der “Frankfurter Allgemeinen” zum Thema Internet. Und wie die Kollegen der “Süddeutschen Zeitung” demonstriert Autor Jürgen Kaube vor allem eines: Dass er nicht mehr auf der Höhe der Zeit ist. Langsam bin ich es ECHT leid. Das Wort “Feuilleton” mutiert für mich Tag und Tag mehr zu einer Beschimpfung. Zum Beispiel heute bei der “FAZ”. Die kümmert sich um die Kollegen der “Süddeutschen”, wo ein Online-Vize ein Bewerbungsschreiben für einen neuen Posten veröffentlicht hat und zeitgleich sein Arbeitgeber demonstriert, dass er keine Lust hat mit seinen Lesern zu kommunizieren.

Den gesamten Artikel auseinanderzunehmen, dazu fehlen mir Lust und Zeit. Deshalb nehmen wir doch nur die beiden letzten Absätze, die demonstrieren, wo die Denkfehler von Herrn Kaube und seiner Gesinnungsgenossen liegen:

“Aber Erscheinungen wie die der Lehrerkritik durch Schüler im Internet als Zunahme an Demokratie zu feiern ist mehr als dumm.”
Wer tut das? Journalisten setzen gerne Behauptungen in die Welt wie “Blogger wollen klassische Medien ablösen”. Diese Kampfansagen aber existieren nur in ihren eigenen Köpfen – was würde Freud dazu wohl sagen? Spickmich.de sollte nicht als Zunahme von Demokratie gefeiert werden, aber als interessantes Phänomen und als Möglichkeit für Lehrer mehr über die Art und Weise zu erfahren, wie sie wahrgenommen werden. Solch eine Möglichkeit hätte ich vielen meiner Lehrer ernsthaft gewünscht.


“Und wer als Blogger es ernst mit seiner Medienkritik meint, wird die Publikumsrolle verlassen und auf die andere Seite wechseln müssen.”

Das würde bedeuten: Wer Theaterkritiken schreiben will, muss schon mal auf der Bühne gestanden haben. Dahinter verbirgt sich aber die Meinung von “FAZ”-Mit-Herausgeber Nonnenmacher. Leserbriefschreiber nehme er nicht ernst, sagte er kürzlich, das seien für ihn alle Fundamentalisten.

“Die vom Netz hervorgebrachte Phantasie einer Gesellschaft der Amateure wirft die Frage auf, wovon diese denn leben.”
Also zunächst mal leben wir in einer Gesellschaft der Amateure. Denn jeder ist im weitesten Teil seines Lebens Amateur – oder schwer gestört. Kaube untersagt ihnen zwischen den Zeilen aber die Meinungsäußerung darüber. Das dürfen für ihn nur Journalisten.
Und wovon die leben? Von ihrem Job. Es fragt doch auch keiner, wovon die Parteivorsitzenden auf Ortsebene leben, die aktiven Lenker von Vereinen, die Menschen, die sich in der Gesellschaft engagieren. Sie machen es, weil sie es möchten. Und sie verwenden darauf ihre Freizeit. Ein für Jürgen Kaube offensichtlich verwerfliches Vorgehen. Wahrscheinlich spielt er Golf.

“Was keinen Standards folgt, hat nur Ausdrucks-, aber keinen Informationswert.”
Das bedeutet: Innovationen sind im Journalismus nicht möglich.

“Und wohinein nur Meinung investiert wurde, das verspricht auch keinen Ertrag darüber hinaus.”
Wissen das auch die Kollegen bei der “FAZ”, die sich um Kommentare kümmern?

“Wie hoch wohl die Klickraten der Schmähkommentare auf Bernd Graffs Artikel selber sind?”
Tja, die Menschen sind an der Diskussion interessiert. Vielleicht unvorstellbar, wenn man bei der “FAZ” arbeitet.

“Man hat den Eindruck, dass sie unterschätzen, wie abhängig ihre eigene Beachtlichkeit davon ist, dass es das Objekt ihrer Schmähung, einen klassischen Artikel, auf den sie sich alle beziehen können, überhaupt gibt.”
Im Gegenteil. Diese Menschen wissen das ganz genau. Was aber Kaube und Genossen nicht erkennen ist: Dort diskutieren ihre Leser. Die Menschen, die sie bezahlen. Und die wollen sich nicht von höchstnäsigen Innovationsverweigerern beschimpfen lassen. Und sie wollen sich nicht mit sinkender Qualität zufrieden geben. Und mit Journalisten, die verkennen, wie sehr weite Teile der Bevölkerung das Internet nutzen, um sich intellektuell zu reiben, zu kommunizieren, sich kennenzulernen.

Feuilleton-Redakteure sind vielleicht inzwischen das mediale Gegenstück zu Marie Antoinette.

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