Nun regt sich auch das Feuilletion der “Frankfurter Allgemeinen” zum Thema Internet. Und wie die Kollegen der “Süddeutschen Zeitung” demonstriert Autor Jürgen Kaube vor allem eines: Dass er nicht mehr auf der Höhe der Zeit ist. Langsam bin ich es ECHT leid. Das Wort “Feuilleton” mutiert für mich Tag und Tag mehr zu einer Beschimpfung. Zum Beispiel heute bei der “FAZ”. Die kümmert sich um die Kollegen der “Süddeutschen”, wo ein Online-Vize ein Bewerbungsschreiben für einen neuen Posten veröffentlicht hat und zeitgleich sein Arbeitgeber demonstriert, dass er keine Lust hat mit seinen Lesern zu kommunizieren.
Den gesamten Artikel auseinanderzunehmen, dazu fehlen mir Lust und Zeit. Deshalb nehmen wir doch nur die beiden letzten Absätze, die demonstrieren, wo die Denkfehler von Herrn Kaube und seiner Gesinnungsgenossen liegen:
“Aber Erscheinungen wie die der Lehrerkritik durch Schüler im Internet als Zunahme an Demokratie zu feiern ist mehr als dumm.”
Wer tut das? Journalisten setzen gerne Behauptungen in die Welt wie “Blogger wollen klassische Medien ablösen”. Diese Kampfansagen aber existieren nur in ihren eigenen Köpfen – was würde Freud dazu wohl sagen? Spickmich.de sollte nicht als Zunahme von Demokratie gefeiert werden, aber als interessantes Phänomen und als Möglichkeit für Lehrer mehr über die Art und Weise zu erfahren, wie sie wahrgenommen werden. Solch eine Möglichkeit hätte ich vielen meiner Lehrer ernsthaft gewünscht.
“Und wer als Blogger es ernst mit seiner Medienkritik meint, wird die Publikumsrolle verlassen und auf die andere Seite wechseln müssen.”
Das würde bedeuten: Wer Theaterkritiken schreiben will, muss schon mal auf der Bühne gestanden haben. Dahinter verbirgt sich aber die Meinung von “FAZ”-Mit-Herausgeber Nonnenmacher. Leserbriefschreiber nehme er nicht ernst, sagte er kürzlich, das seien für ihn alle Fundamentalisten.
“Die vom Netz hervorgebrachte Phantasie einer Gesellschaft der Amateure wirft die Frage auf, wovon diese denn leben.”
Also zunächst mal leben wir in einer Gesellschaft der Amateure. Denn jeder ist im weitesten Teil seines Lebens Amateur – oder schwer gestört. Kaube untersagt ihnen zwischen den Zeilen aber die Meinungsäußerung darüber. Das dürfen für ihn nur Journalisten.
Und wovon die leben? Von ihrem Job. Es fragt doch auch keiner, wovon die Parteivorsitzenden auf Ortsebene leben, die aktiven Lenker von Vereinen, die Menschen, die sich in der Gesellschaft engagieren. Sie machen es, weil sie es möchten. Und sie verwenden darauf ihre Freizeit. Ein für Jürgen Kaube offensichtlich verwerfliches Vorgehen. Wahrscheinlich spielt er Golf.
“Was keinen Standards folgt, hat nur Ausdrucks-, aber keinen Informationswert.”
Das bedeutet: Innovationen sind im Journalismus nicht möglich.
“Und wohinein nur Meinung investiert wurde, das verspricht auch keinen Ertrag darüber hinaus.”
Wissen das auch die Kollegen bei der “FAZ”, die sich um Kommentare kümmern?
“Wie hoch wohl die Klickraten der Schmähkommentare auf Bernd Graffs Artikel selber sind?”
Tja, die Menschen sind an der Diskussion interessiert. Vielleicht unvorstellbar, wenn man bei der “FAZ” arbeitet.
“Man hat den Eindruck, dass sie unterschätzen, wie abhängig ihre eigene Beachtlichkeit davon ist, dass es das Objekt ihrer Schmähung, einen klassischen Artikel, auf den sie sich alle beziehen können, überhaupt gibt.”
Im Gegenteil. Diese Menschen wissen das ganz genau. Was aber Kaube und Genossen nicht erkennen ist: Dort diskutieren ihre Leser. Die Menschen, die sie bezahlen. Und die wollen sich nicht von höchstnäsigen Innovationsverweigerern beschimpfen lassen. Und sie wollen sich nicht mit sinkender Qualität zufrieden geben. Und mit Journalisten, die verkennen, wie sehr weite Teile der Bevölkerung das Internet nutzen, um sich intellektuell zu reiben, zu kommunizieren, sich kennenzulernen.
Feuilleton-Redakteure sind vielleicht inzwischen das mediale Gegenstück zu Marie Antoinette.

Mal ehrlich: \”Guter\” Journalismus ist doch auch nur eine Funktion der Unterhaltungsindustrie. Debattiert wird woanders – im Netz zum Beispiel. So Föhletonister kommen mir bisweilen vor wie Mario Barth ohne Witze.
Deine Grundfrage, Sascha – \’Ist Gesellschaft ohne Journalismus denkbar?\’ – ist mit einem klaren \’Ja\’ zu beantworten. Ich möchte dort allerdings nicht leben. Faktisch aber sind die meiste Zeit der Geschichte menschliche Gesellschaften ohne Journalismus ausgekommen. Nachrichten waren damals Herrschaftswissen.
Die heute aktuelle Frage lautet jedoch anders: \’Ist Gesellschaft ohne so einen Journalismus denkbar?\’ Auch das ist zu bejahen. Der Journalismus – siehe meinen NZZ-Link oben – ist derzeit auf einer Schwundstufe angekommen, wo es eigentlich nur noch bergauf gehen kann. Diesen desolaten Ist-Zustand, wo ich nicht mehr weiß, werde ich informiert und wird mir etwas untergejubelt, den nennt ihr \’Qualitätsjournalismus\’. Das ist fast schon publikumsverachtend.
Um eure Fallhöhe mal einzuschätzen: Im Regal habe ich Werkausgaben von großen Journalisten wie Ossietzky, Jacobsohn, Roth, Kisch, Kerr, Scherr, Börne, Shaw, Fontane, Sieburg, Habe usw. stehen. Bei der Vorstellung, dass es bei einem Jörges, Degler, Aust, Diekmann usw. jemals zu einer solchen Werkausgabe langen könnte, kriege ich einen Lachkrampf. Bitte, wer sollte das denn kaufen? Kurzum: Die Schuld kann doch nicht immer nur beim Publikum liegen. Dass du dir einen anderen Zustand wünscht, ist ehrenhaft, aber es ist nun mal ein Irrealis …
Drittens haben sich Nachricht und Medium völlig entkoppelt. Ich muss mir gar keine Zeitung mehr kaufen oder Premiere abonnieren, um informiert zu werden. Das geht in dieser nachrichtenüberschwemmten Zeit ganz von selbst, per Supermarkt-Muzak-Sender, Anzeigenblatt, Plapperradio, E-Mail usw., und die Information ist – wo sowieso alle das Gleiche schreiben – noch nicht mal schlechter. Information ist ubiquitär geworden, sie hat jeden Warenwert faktisch verloren, der \’rasende Reporter\’ und das \’Extrablatt\’ sind mausetot. Ich verbringe fast mehr Zeit mit Informationsabwehr als mit Information, und zwar aus Selbsterhaltung, damit ich überhaupt noch mal zu etwas sinnvoll Informativem komme.
Dann aber diese unausweichliche Verflochtenheit jedes Individuums mit dem Informationsteppich – mit dem \’white noise\’ der Informationsgesellschaft – als \’Selbstreferentialität\’ nur den Blogs vorwerfen zu wollen, das ist Blödsinn. Ihr seid keine Originalschriftsteller, sondern auch nur Schreiber, die vielleicht noch ein bisschen näher am Ticker sitzen. Viel näher aber nicht …
Dann haben wir ja keinen Dissens, Chat. Ich sehe aber auch nicht, warum insbesondere Kaube, der für mich eine Entwicklung des Mediensystems beschreibt, teilweise so heftig angegangen wird.
Bei den Hohen-Ross-Reitern kann ich das sehr gut verstehen. Vor allem aber auch bei den Verfassungs- und sonstigen Richtern aus der diFabio, Wickert, Diekmann-Reihe, deren Urteile so selten mit \”meiner\” Realität übereinander liegen. Allerdings ist es nicht befriedigend deren Arroganz die Arroganz des anderen Besserwissen gegenüberzustellen.
Dass Du vor allem auf Deine historische Bibliothek zurückgreifst, macht es nicht wirklich besser und mag allenfalls als Maßstab für zukünftig Gutes dienen. Genau deshalb hoffe ich ja auf die Re-Professionalisierung. Gleichzeitig ist die Welt als Text halt nunmal zu einem gigantisch großen Teil Kolportage, hat uns aber immerhin dorthin gebracht, wo wir nun sind. Mit allem Guten, mit allem Schlechten. Das aber geht dann tatsächlich nicht gegen das Publikum und damit die Mehrheitsmeinung, die viele Medien so gern bedienen. Ich sehe darin, trotz allem, was mir nicht gefällt, vor allem eine Fortschrittsgeschichte – und das ohne Drogen zu nehmen. Aber vielleicht bin ich auch nur viel zu kompromissbereit
Dass du als Journalist auf eine \”Re-Professionalisierung\” deines Berufsstandes hoffen musst, während zugleich die Verlegerschaft vom angeblich real-existierenden \’Qualitätsjournalismus\’ dahersalbadert, das ist die Crux, Sascha. Solange die es nämlich nicht endlich einsehen … und einsehen wiederum tun sie\’s nur, wenn das empörte Publikum ihnen weg rennt.
Ich bin nicht Journalist. Ich bin von der \”bösen\” anderen Seite. Und das ist vielleicht wirlich eine Crux.
Ach so – ja denn! Euch von der \”bösen Seite\” habe ich gerade drüben im Wörterblog mal wieder ein paar Zeilen ins Stammbuch geschrieben:
http://woerter.germanblogs.de/archive/2007/12/16/gute-pr-texte-in-fuenf-minuten.htm#fulltext
[...] das erlesene Vergnügen, einen empörten Leserbrief zu schreiben.” Leserbriefschreiber, sagte “FAZ”-Mitherausgeber Günther Nonnenmacher einmal, seien für ihn alle Fundamentalisten. Vielleicht hat die “Süddeutsche” noch einen Job [...]
[...] was für einen Unsinn sie schreiben oder sagen. Denn weder sind Kundenbeschimpfungen wie “Leserbriefschreiber sind Fundamentalisten” dem Ruf und der Entwicklung zuträglich, noch die Behauptung, im Internet gebe es nur [...]