Heute morgen hat mir der Kollege Frank Wiebe bereits eine E-Mail geschrieben. Darin schrieb er über seinen Vater, 91, der noch keinen Computer angefasst hat – und dessen Bruder, 94, der schon “E-Mails verschickt und Fotos digital bearbeitet, als ich das alles erst vom Hörensagen kannte… Telefon hört er nicht mehr, weil er schwerhörig ist, aber Mails schreiben kann er noch….” (Frank Wiebes Weblog ist übrigens hier zu finden)
So ist das halt mit der digitalen Spaltung. Sie ist keine Frage des Alters, sondern des Willens. Und deshalb gibt es auch so viel Aufruhr um Themen wie Vorratsdatenspeicherung und Online-Durchsuchung: Sie greift in das Alltagsleben der Bürger ein. Doch dieser Alltag liegt den Entscheidern so fern, dass sie nicht mal ahnen, weshalb so viele Menschen erbost sind. Unsere Politiker und viele Manager bewegen sich hier in einer anderen Welt. Dumm nur, dass sie auf diesem Planeten, im Deutschland des Jahres 2007 wichtige Positionen bekleiden.
Und weil ich das Thema für so wichtig halte, verlinke ich nicht nur mein heute im Gedruckten erschienenes Essay (das in einem Kommentar schon angesprochen wurde) sondern stell es hier auch rein. Vielleicht hat der eine oder andere Lust, darüber zu diskutieren…
Generation Web 0.0
Deutschlands Entscheider sind nicht im Internet – und stolz darauf. Den Schaden haben Wirtschaftsstandort und Gesellschaft.
Michael Glos ist “Bundesminister für Wirtschaft und Technologie”. Wer solches auf seine Visitenkarte schreibt, von dem erwarten die meisten Bürger wohl, dass er die grundlegende Anwendung von Alltagstechniken beherrscht. Telefonieren zum Beispiel, Autofahren, E-Mail-Schreiben oder Internet-Surfen.
Wer hier zustimmt, dem kann das offene Bekenntnis von Michael Glos während der IT-Messe Cebit nur mit Verwunderung aufnehmen: “Das Handy zu bedienen ist schon viel”, sagte der Minister zu Spiegel Online. “Ich habe Gott sei Dank Leute, die für mich das Internet bedienen.? Man weiß nicht, was mehr verblüfft: Dass ein Minister Mühe hat, mit dem Handy umzugehen? Dass er keine E-Mails verschickt? Oder dass er darüber sogar erleichtert ist?
Allein ist Glos mit seiner Haltung nicht. Weite Teile der deutschen Entscheider tummeln sich weder im Web 2.0 noch im Web 1.0 – sie gehören zur Generation Web 0.0.
Zum Beispiel Werner Müller, Chef des Mischkonzerns RAG. Keinen Computer hat er im Büro. Die “wesentlichen Inhalte” des Internets lasse er sich “vorlegen”, erzählt er ohne Argwohn in einem Video für den Branchentreff “Tag des Wirtschaftsjournalismus”.
Oder Jörg Zierke. Dem Chef des Bundeskriminalamtes wurde bei einem Fachgespräch der Grünen zum Thema Bürgerrechte vom Dresdner Datenschutzprofessor Andreas Pfitzmann vorgeworfen: “Mit dieser Unbefangenheit über Informatik reden kann nur jemand, der nicht mit Informatik arbeitet.” Zierkes entwaffnend naive Antwort: “Ich sage auch nur, was mein Mitarbeiter aufschreibt.”
Medientheoretiker philosophieren seit den ersten für Normalbürger erschwinglichen Personalcomputern über die “digitale Spaltung” der Welt: Eine Kluft, sagten sie, entstehe zwischen den reichen, digitalisierten Nationen und den armen Staaten ohne flächendeckende Internetversorgung. Ebenso könnte sich dieser Graben innerhalb von Ländern auftun – zwischen Städten mit guter Online-Anbindung und schlecht verkabelten ländlichen Gegenden.
Nun ist klar: Die digitale Spaltung ist da – doch sie verläuft quer durch die Gesellschaften der industrialisierten Nationen.
Wer sich auf welcher Seite des Internet-Canyons befindet, lässt sich mit den üblichen soziodemographischen Merkmalen wie Bildungsstand, Einkommen oder Alter nicht ausmachen. Da gibt es den Manager, der E-Mails nur ausgedruckt von seiner Sekretärin erhält; die Rentnerin mit digitaler Fotografie als Hobby; den Studenten, der seinen Laptop nur zum Schreiben der Semesterarbeit nutzt; die Sechsjährige, die weiß, wo sie im Netz die besten Online-Spiele findet, deren Tischnachbar in der Schule aber Eltern hat, die stolz sagen: “Unser Kind bekommt keinen Computer.”
Und weil sich nicht so einfach festmachen lässt, wer im digitalen Strom mitschwimmt, entlarvt sich die beliebteste Begründung der Nicht-Onliner für ihr Tun als platte Ausrede. Denn reflexhaft betonen sie, Internet-Affinität sei eine Frage des Alters. Nehmen wir den SPD-Innenexperten Dieter Wiefelspütz. Auf die Frage von Tagesschau.de, warum die Politik sich so schwer tue mit dem Netz, sagte er: “Vielleicht deshalb, weil unsere Kinder und Enkelkinder mit der Technik vertrauter sind als wir etwas älteren Herren und Damen, die im Bundestag sitzen.”
Die Zahlen belehren Wiefelspütz eines Besseren. Die Hälfte aller Deutschen über 50 hat einen Computer, jeder vierte deutsche Surfer ist laut Arbeitsgemeinschaft Online-Forschung über 50 Jahre alt. Und nach einer Studie des Instituts für Handelsforschung nutzen derzeit 23 Prozent der 50- bis 59-Jährigen das Internet für Besorgungen. Laut Infratest TNS ist schon jeder sechste Computerspieler über 50 Jahre alt. Während sich die Politiker digital zur Ruhe setzen, werden ihre Wähler mit Leichtigkeit zu grau melierten Surfern.
Wem Zahlen nicht reichen, der kann einen Blick auf das Hobby von Peter Oakley werfen. Der englische Rentner, Jahrgang 1927, stieß im vergangenen Jahr auf die Videoplattform Youtube und wurde, wie er zugibt, “süchtig”. Unter dem Spitznamen Geriatric1927 erzählt er seit August 2006 in kurzen Filmen aus seinem Leben. Entstanden ist anrührendes, authentisches Reality-TV. Einige seiner inzwischen 66 Videos kommen auf über zwei Millionen Abrufe. Online sein ist eben keine Frage des Alters – sondern des Willens.
Natürlich stellt sich die Frage, ob Politiker und Manager überhaupt ins Netz müssen. Wie viel Internet-Wissen brauchen die Lenker der Nation, die Führer der Wirtschaft? Muss jemand online sein, der sich eine Assistentin leisten kann, die ihm E-Mails ausdruckt? Schließlich muss ein Politiker auch keine Solarkraftanlage montieren können, um die Bedeutung alternativer Energiequellen einschätzen zu können. Er muss keinen PKW reparieren können, um die Bedeutung der Autoindustrie zu erkennen.
Solche Argumente aber greifen zu kurz. Zum einen, weil es kein großartiger Zeitaufwand ist, die Grundlagen des Surfens und E-Mail-Versendens zu erlernen – ein paar Stunden reichen. Zum anderen ist das Internet eben etwas anderes als ein Solardach oder die Autokonjunktur: Keine andere Technologie hat in der Geschichte der Menschheit unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft derart rasant und grundlegend verändert. Vor zehn Jahren waren nicht einmal Computer selbstverständlich, erst recht nicht in Behörden oder Schulen – heute lebt hinter dem Mond, wer seinen Urlaub nicht im Web bucht.
Die Netz-Abstinenz der Entscheider hat weitreichende Folgen – in der Bundes- wie in der Europa-Politik. Da wird die Durchsuchung der Kreditkartendaten von Millionen unschuldiger Bürger zur Strafverfolgung durchgewinkt, ohne große Diskussion, ob diese Einschränkung der bürgerlichen Freiheit gerechtfertigt ist. Da erschafft die EU eine unsinnige Vorschrift, die fordert, jede geschäftliche E-Mail mit einem Anhang zu versehen, wie er bei Briefen üblich ist: Statt zu überlegen, ob diese Flut von Informationen auf gedrucktem Papier noch Sinn macht, wird sie munter auf das neue Medium übertragen.
Aus Brüssel stammt auch die Idee, künftig ein strenges Verbraucherlandprinzip gelten zu lassen. Somit würde bei jedem Kauf über das Internet das nationale Recht des Kunden gelten. Was in Zeiten des Versandhauskatalogs noch leidlich realistisch geklungen hätte, wirkt heute schlicht bizarr. Das erkennt jeder, der über Amazon englische Bücher bestellt, bei Ebay Sammlerstücke ins Ausland versteigert oder sich bei einem holländischen Tickethändler den Traum vom Besuch eines Arsenal-London-Heimspiels erfüllt.
In der Wirtschaft sieht es kaum besser aus in Sachen Netz-Wissen. Wer würde nicht zustimmen, dass der Vorstand eines Automobilkonzerns sich Ausfahrten auf der Teststrecke gönnen sollte, um die Fortschritte seiner Entwickler einschätzen zu können? Doch wenn eine Technologie Unternehmen so grundlegend verändert hat wie das Internet, dürfen sich Firmenlenker dann sogar damit brüsten, sie nicht einmal zu beherrschen?
Das Ergebnis: Blindlings wird derzeit in Start-ups investiert, deren Geschäftsmodell jedem mit gesundem Menschenverstand als wenig zukunftsträchtig erscheint. Die IT-Ausstattung vieler Unternehmen ist längst nicht mehr zeitgemäß. Und Gründer erhalten nur Geld, wenn sie ein Geschäftsmodell aus den USA kopieren. Originäre Ideen werden von Kapitalgebern abgelehnt mit ebendieser Begründung: es gebe kein US-Vorbild.
Deutschland dürfte die einzige Industrienation sein, in der Entscheider ihre Verweigerungshaltung gegenüber dem Netz so monstranzartig vor sich hertragen können, ohne kritisiert zu werden. Kein Manager, kein Politiker, der sich mit Inhalten beschäftigt, die eines der am stärksten diskutierten Themen amerikanischer Lokalpolitiker sind: Wie schaffen wir es, eine ganze Stadt mit einem kostenlosen Wireless-Lan-Netz zu überziehen?
Dass die Netz-Verweigerer so leicht davonkommen, ist kein Wunder: Nirgends werten klassische Medien das Internet so ab wie hier zu Lande. So machte die “Süddeutsche Zeitung” im Januar alle Besitzer von MP3-Musikspielern kollektiv zu Besitzern von Raubkopien. Im “Tagesspiegel” darf der bekannte Publizist Henryk M. Broder feststellen: “Das Internet macht doof.” Und in den “Tagesthemen” sind es die “Herren der Handy-Videos”, die ohne jeden Filter “Filmchen ins Internet stellen” – zum Beispiel von der Hinrichtung Saddam Husseins. Dass Blätter wie der “Stern” oder “Focus” die Bilder gerne nachdrucken, scheint kein Wort der Kritik wert. Die dürfen das. In solch einem Klima gedeiht sie gut, die Anti-Web-Haltung. Weder Politiker noch Manager müssen sich Sorgen machen, in den klassischen Medien an den Pranger gestellt zu werden ob ihrer Unwissenheit.
Die Folgen der Laissez-faire-Haltung werden den Standort Deutschland noch lang beschäftigen. Denn folgerichtig ist auch niemand da, der Eltern wachrüttelt, die ihren Kindern Computer vorenthalten wollen. Oder der sich um die Netzanbindung von Schulen kümmert.
Eine Studie der Europäischen Kommission lieferte im vergangenen Jahr schockierende Ergebnisse über die Internet-Anbindung deutscher Schulen: Nur zwei Drittel von ihnen besitzen einen Hochgeschwindigkeitszugang – Platz 21 von 27 untersuchten Ländern. Über die Hälfte aller Lehrer setzt Computer bestenfalls mal in jeder zehnten Unterrichtsstunde ein – oder gar nicht. 46 Prozent aller Lehrer gaben sogar zu, nicht über das nötige Wissen zum Einsatz des Computers in Schulen zu verfügen. All dies sind Zahlen, die zwei- bis dreimal so hoch sind wie im europäischen Durchschnitt.
Werfen wir zum Vergleich einen Blick nach Indien, in eine Oberschule im südindischen Chennai, beschrieben vom US-Fachblatt “Education Week”: “Hundert Zwölftklässler drängen sich in dem violetten, neun mal acht Meter großen Raum … Die Studenten hören andächtig zu, obwohl es schon fast zehn Uhr abends ist … Wenn der Dozent eine Aufgabe stellt, versenken sie ihre Köpfe in ihre Notebooks.” Wann sind ähnliche Bilder von deutschen Schulen kolportiert worden? Und welche Kinder sind besser gerüstet für den globalen Wettbewerb?
Und so wird sie immer breiter die Kluft zwischen Online- und Offline-Deutschen. Zum Schaden der Gesellschaft und zum Schaden des Wirtschaftsstandortes. Egal ob Behörde oder Unternehmen: Mitarbeiter, die nicht einmal eine E-Mail versenden, geschweige denn die Grundlagen des Surfens beherrschen, werden gezwungen dazuzulernen oder sie verlieren ihren Job.
Lebenslanges Lernen propagieren die Mächtigen – und sehen sich selbst von dieser Pflicht entbunden. Ausgerechnet jenen, von denen man erwartet, dass sie mit ihrem Wissen und ihrer Orientierung in unserer komplizierten Welt zu Leuchttürmen für das Volk werden, fehlt der Wille, sich mit dem Internet vertraut zu machen. Innenminister Wolfgang Schäuble sagte im vergangenen Jahr bei einer Rede an der Fachhochschule des Bundes: “Wir brauchen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, für die lebenslanges Lernen nicht ein notwendiges Übel, sondern Selbstverständlichkeit und Anregung ist.” Es wird Zeit, dass dies auch für die Chefs gilt.
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Das Web 0.0 Verhalten ist so weltfremd: In Korea mussten wir feststellen, dass die Kinder bereits in der Grundschule die Handhabung aller wichtigen Windowsprograme erlernen. Eine Lehrerin bat, dass ihre neue Schuelern aus Deutschland (3. Schuljahr) die 10 Fingertechnik ueben solle.
ihr lieben,
das ist ja alles richtig. aber ich möchte doch mal an einen punkt herausstellen: das thema \”online-durchsuchung\”.
im vorwege des letzten G8 gipfels wurde in hamburg briefpost geöffnet (einige werden sich erinnern). ein aufschrei des entsetzens ging durch die presse und die blogs. freiheit und rechtsstaat in gefahr! persönlichkeitsrechte verletzt! grundgesetz ausgehebelt!
und was passierte auf der straße? nichts!
was früher noch zu massendemos geführt hätte, ist nun in der web- und blogoshäre verschwunden. und genau das ist meine kritik am web: es verleitet dazu, seine mündigkeit als bürger nur noch online auszuleben, quasi alles von zu hause aus als singuläre einheit mit anderen singulären einheiten zu teilen, und somit gefahr zu laufen, quasi eine gesellschaft unter dem ausschluss der gesellschaft zu haben.
natürlich, irgendwann werden wir vielleicht gar nicht mehr aus dem haus gehen müssen, um all das, was uns angeht, zu besorgen, zu tun oder zu wählen. allerdings stellt sich dann die frage, auf welche ebene man gesellschaftliche veränderungen dann hebt?
broder hat recht, wenn er sagt, dass das internet dumm macht. es macht aber nicht dümmer als z.b. fernsehen oder zeitung lesen. die frage ist immer, wie man das medium nutzt.
damit wir uns recht verstehen: ich liebe das internet, ich bin sogar böser killerspiele-zocker. aber ich glaube auch daran, dass man nicht alles in blindem fortschrittsglauben kritiklos annehmen darf. in dem unternehmen, in dem ich arbeite, schrieb man texte früher mit der schreibmaschine. das heißt: man überlegte sich sehr lange, was man schrieb – schließlich gab es nicht diese praktischen textprogramme, bei denen man mit einem klick den zuvor geschrieben schrott deleten konnte. die regel war \”3/4 der zeit denken, 1/4 der zeit schreiben\”. heute ist das genau umgekehrt. gib einem ne aufgabe, und er setzt sich vor den schirm und fängt zu tippen an. es ist dieser automatismus, der mich am digitalen stört. zugegebener maßen aber – und da gebe ich dem autor recht – ist daher das wissen um pro und contra jeder technik bzw. jedes mediums das a und o. ich denke daher schon, dass, wer heute nicht mit dem handy telefonieren und zumindest das surfen im netz nicht rudimentär beherrschen kann, in der regierung nichts zu suchen hat.
Hallo MARTIN: Genau den Punkt getroffen ! All die genannten Dinge können nur geschehen weil die Menschen sich nicht öffentlich und lautstark bemerkbar machen. Scheinbar macht das Internet wirklich träge und widerspruchslos. Ich persönlich finde es unglaublich das sich kein Widerstand regt, gegen nichts. Im \”Netz\” nützt Protest nichts. Wird einfach nicht gelesen und somit ist meine heile Welt in Ordnung. Ist sie aber nicht !
Good day!
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Bye to everyone!
maik midlooks
Guten Morgen,
es ist immer wieder faszinierend, wie in diesem Land Politiker über Dinge entscheiden, von denen sie offensichtlich keine Ahnung haben.
Wenn diese Damen und Herren sich mit der gleichen Vehemenz dafür einsetzen würden, dass z.B. Kredit nicht verkauft werden dürfen oder Manager sich nicht gegen Fehlentscheidungen versichern dürften, usw., dann würde viele besser funktionieren. Aber leider ist das Wunschdenken wie die vielen Konjunktive es schon zeigen.
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