Der “Spiegel” entblößt das Hinternet

by Thomas Knüwer on 17. Juli 2006

Ein “Spiegel”-Titel muss sich verkaufen. Und weil sich verkauft, was der Masse gefällt, ziert die aktuelle Ausgabe ein Leiterplatten-Adonis und die reißerische Überschrift “Ich im Internet – wie sich die Menschheit online entblößt”. Das hat bemerkenswert wenig mit der dazu gehören Titelgeschichte zu tun. Vor langen Jahren saß ich in der Georg von Holtzbrinck-Schule mit einem Volontär zusammen, der bei seinem Vorstellungsgespräch gesagt hatte, er wolle lieber zum “Spiegel”. Eingestellt wurde er trotzdem, schließlich war unser Schul-Leiter Ferdinand Simoneit alter Spiegelaner und solche Direktheit gefiel ihm.

Dieser Ex-Volontär heißt Frank Hornig – und ist heute New-York-Korrespondent des “Spiegel”. Von dort aus hat er sich mit dem beschäftigt, was man irgendwie wolkig als Web 2.0 bezeichnet in diesen Tagen. In Klein-Bloggersdorf wurde die Geschichte bereits zur Kenntnis genommen. Ja, selbst Ossi Urchs taucht da aus der Versenkung auf. Sehr schön formuliert übrigens das hier:

“Warum nur verstehst Du es immer noch nicht, dass verspätetes Aufspringen auf einen imaginären Zug IMMER mit Abschürfungen im Gleisbett endet?”

Es scheint, als hätten im “Spiegel” zwei Personen geschrieben. Die eine möchte das Thema auf ein intellektuell gehobenes Niveau ziehen, die andere möchte “Bild” machen. Und so entsteht ein Artikel, der an diese alten Zeichentrickfilme erinnert, bei denen auf Kater Toms rechter Schulter ein Engel sitzt und auf der anderen ein Teufel.

Der Teufel wirft Sätze ein wie:
“So entblößen sich Abermillionen im Netz – mal als Besserwisser bei Wikipedia & Co., mal im eigenen Online-Tagebuch, mal ganz profan mit verhuschten Nacktfotos vor der heimischen Schrankwandkombination.”

Nun ist dies ja tatsächlich in Thema. Doch Kinderschänder bei Myspace oder Datenschutz – nein, tauchen nicht weiter auf. Die Entblößung dient nur als Vorwand um all jene neuen Internet-Idee auf Gummienten-Niveau hinabzuziehen, ständig ist alles “bunt” oder “chaotisch”, was ja “Spiegel”-Sprache ist für “kannze allet vergessen”. Und die Auswirkungen des ganzen? “Sind bisher nur zu erahnen”, heißt es schon nach zwei Seiten und in diesem Moment sollte man das Thema vielleicht ruhen lassen, schließlich soll so eine Magazin-Geschichte ja so was haben wie These oder Tendenz.

Oft muss die Welt beim “Spiegel” eben sein, wie die Welt zu sein hat. Und deshalb “schwellen” die Börsenkurse “an” und “etablieren sich” “Überlebende wie Google in kürzester Zeit als Milliardenkonzerne”.
Und: “Börsenmillionen verpuffen nicht mehr großflächig in Werbekampagnen. Gemeinschaften wie Myspace, Flickr oder Youtube haben sich an der Basis quasi von selbst aufgebaut.”
Ja, gut, Myspace, Flickr, Youtube, die sind jetzt alle gar nicht an der Börse, weshalb sie nichts zu schwellen und verpuffen haben, aber seitwann werden in Hamburg Korinthen gekackt?

Zeit für den Engel, der ein wenig Brechts “Radio als Demokratisierungsmedium” einstreuen darf und einen Schuss Enzensberger reingibt.

Und für Norbert Bolz, dessen Existenz nur daraus besteht, die ganze Welt über seine Existenz zu informieren. Er sorgt für die wissenschaftliche Untermauerung mit der Behauptung, all diese neuen Sachen im Internet dienten nur dazu, über die Existenz ihrer Autoren zu informieren. Und wer das fülle sei Idiot im griechischen Sinn:

“Ich meine das nicht böse. Die neuen Idiotae lassen sich ihr Wissen, ihre Interessen und Leidenschaften nicht mehr ausreden.”

Sowohl Bolz als auch der “Spiegel” mögen sich einfach nicht vorstellen, dass sich im Internet Menschen tummeln, die tatsächlich von etwas Ahnung haben. Außer Software und so nen Zeugs vielleicht. Und hier liegt der generelle Denkfehler: Neben dem Meinungswissen, das unbestreitbar einen großen Teil von Weblogs, Podcasts & Co. dominiert, gibt es auch Expertenwissen. Und das in einem extrem weiten Bereich.

Aber das hat natürlich nichts mit entblößen, enthüllen, sich nackig machen zu tun. Und deshalb springt der Teufel hervor:

“Wer viel von sich preisgibt, wird interessant, er wird in anderen Blogs erwähnt oder mit ,comments’ überhäuft.”

Doch, das steht da so: “comments”. Sind Kommentare auf deutsch. Aber die englische Vokabel in Anführung gesetzt kommt der These vom Hinternet eben näher.

Und so geht es weiter mit dem Zurechtlegen von Vorhandenem ohne weiteres Nachdenken. Da wird munter von der “Best-of-Gesellschaft” geredet, ohne sich zu fragen, ob die derzeitige Internet-Entwicklung (Stichwort: The long tail) nicht das Gegenteil ist. Arctic Monkey und Gnarles Barkley muss der “Spiegel”-Leser kennen, die Bands werden zwar erwähnt, ihre Geschichte aber nicht – im Gegensatz zu Tekkan. Gnarles Barkley taucht dann weiter hinten im Heft noch auf, verwiesen wird auf die Geschichte aber nicht. Und Podcasterin Annik Rubens geht als “Nachwuchsmoderatorin” durch, obwohl sie hauptberuflich Journalistin ist.

“Was aber bedeuten diese Veränderungen für die klassischen Medien”, fragt der “Spiegel” dann. Eine Frage, die vor allem die Vertreter klassischer Medien interessiert. Rupert Murdoch darf noch mal seine Rede schwingen:

“Die Macht entgleitet den alten Eliten in unserer Branche, den Chefredakteuren, Verlagsführern und Eigentümern…”

Ja, stimmt ja auch. Dann aber als Beispiel Myspace anzuführen, ein Angebot, das reichlich wenig mit dem zu tun hat, was klassische Medien bisher veranstalten, wirkt eher unglücklich.

Ach, es ist ein ärgerlicher Artikel, eine New-Economy-Blase, in der nichts entblößt sondern vieles verschwurbelt wird. Gut, dass ich aus jener Volontärszeit weiß, dass Frank auch sehr viel bessere Sachen schreiben kann als dies.

Aber immerhin: Zumindest einen hat der Artikel zum Bloggen gebracht…

Nachtrag: Und auch eine der im Artikel Erwähnten, ärgert sich… (Gefunden bei Turi2)

Nachtrag vom 25.7.: Vielleicht hätte der “Spiegel” auf Blogs wie diesen hier verweisen können. Dann hätte er weniger dümmliche Leserbriefe wie diese hier bekommen. Aber vielleicht gehts auch nur darum, der Leserschaft nach dem Mund zu schreiben. Oder dem Chefredakteur.

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