Gedanken eines vorstandsvorsitzenden Journalisten

by Thomas Knüwer on 9. Mai 2006

Springer-Chef Mathias Döpfner hat sich Gedanken aufgeschrieben, was gemeinhin zur journalistische Stilform des Essays führt. Thema: die Zukunft der Zeitung. Folgen wir einem der am wenigsten gemochten Medienmanager der Republik – aber andererseits: sonderlich viele gemochte gibt es ja auch nicht – entlang seines hoffnungsvollen Ausrufes: “Die Zeitung lebt”.

Ja, gut, was soll er auch anderes schreiben? Ansonsten könnte er ja gleich die Kündigung einreichen. “Die Zeitung muss leben”, wäre vielleicht passender gewesen aus seiner Sicht.

Kurzzusammenfassung: Zeitungen sind nur bedingt aktuell, deshalb mögen viele junge Leute sie nicht. Aber kein Medium hat das andere bisher ersetzt, die Sache mit CD und LP versucht Döpfner wenig gekonnt wegzuwischen. In Zeiten des Internet müssen sich Verlagsmanager darüber klar werden, dass ihre Aufgabe nicht das Bedrucken von Papier ist, sondern Journalismus. Dass die Nutzer/Leser mitmischen ist ein Teil der Zukunft. Doch die Nutzer/Leser brauchen einen Filter und deshalb sind Zeitungen weiter wichtig, doch es wird sie bald auf digitalem Papier geben. Ihre Inhalte müssen exklusiv und hochwertig sein, Kommentare sind ebenfalls wichtig.

Und weil BBC-Chef Mark Thompson kürzlich das hübsche Bild von den Martini-Medien entworfen hat, versucht es Döpfner so:

“Eine bessere Metapher für guten Journalismus als Gospel kann ich mir kaum vorstellen. Gospel ist Bewegung (groove), Gospel ist Geist (spirit) und Gospel ist Seele (soul). Guter Gospel bewegt die ganze Gemeinde. Und bewegen wollen wir doch.”

Alles nett, alles nicht falsch – aber für mich erschreckend. Denn verglichen mit 1999 unterscheidet sich Döpfners Argumentation um keinen Deut von dem, was damals, als das Internet alles zu verdrängen schien, so mancher Zeitungsmacher sich auch einredete.

Dabei aber wird übersehen, dass Texte die am leichtesten zu kopierenden Inhalte des Netzes sind. Einmal Copy & Paste, dann ein paar Worte verändert – zack hat man eine Sache übernommen. Sprich: Die Zahl derjenigen, die für die Online-Leistung zu zahlen gewillt sind, sinkt, weil es immer kostenfreie Konkurrenten geben wird. Auf diese Rivalität hat noch kein Verlag eine vernünftige Antwort gefunden.

Dann die andere Seite der Einnahmen: Anzeigen. Derzeit liegen Online-Anzeigenpreise unter denen von Print. Verständlich, denn das Abdrucken einer Anzeige ist ein technisch anspruchsvollerer Vorgang, das Ergebnis erheblich eindrucksvoller. Bereits jetzt gibt es Stimmen die sagen, Online-Anzeigen führten schneller zum Erfolg als Print-Anzeigen. Sollte sich das als wahr herausstellen, werden weniger Buchungen sich mischen mit niedrigeren Preisen.

Bleibt also nur die Hoffnung auf das “digitale Papier”. Davon reden viele, und das schon sehr lang. Die Umsetzung aber stottert weiter vor sich hin. Und ob dieses Medium dann tatsächlich eher angenommen wird als ein PDA oder ein Handy ist völlig offen.

Döpfner hält die Macht der Sprache für den großen Unterschied zwischen Print und Online. Warum? Werden bei den Online-Angeboten Springers lange Texte deutlich seltener gelesen als kurze? Damit stünden Welt.de & Co allein da – die meisten Internet-Plattformen klassischer Medien stellen fest, dass auch lange Texte gelesen werden. Weblogs beweisen, dass selbst einfach schön geschriebene Artikel ohne Nachrichtenwert ihre Leser finden.

Womit wir bei Weblogs und anderen Netz-Angeboten als Filter wären. Werden tatsächlich Zeitungen künftig der Nachrichtensortierer bleiben? Oder wird ein Großteil der Nutzer nicht lieber Filtern vertrauen, die sie zu kennen glauben, ähnlich wie das beim US-Startup Personal Bee der Fall ist? Dort übernehmen namentlich bekannte Personen die Filterfunktion. Wem wird man eher vertrauen: Ihnen oder Chefredakteuren, die man bestenfalls aus dem Fernsehen kennt – wenn überhaupt.

Natürlich freut es mich, wenn Döpfner die Fahne der Qualität hoch hängt. Man darf gespannt sein, ob der “größte Newsroom Deutschlands” die Revolution bringt. Übrigens darf dieser “größte Newsroom”, so erzählte mir jemand, maximal 64 Köpfe haben – mehr ist nach Brandschutz in Deutschland nicht erlaubt (vielleicht gibt es hier einen Brandschutzkundigen, der das bestätigen kann).

Vielleicht wird die “Welt” ja wirklich die erste Zeitung, bei der das Internet nicht Anhängsel ist um mehr Zeitungs-Abos zu verkaufen, sondern integraler Bestandteil. Wie ein Mantra sollten sich kaufmännischer und redaktioneller Teil einer Zeitung immer wieder vormurmeln: “Die Welt/das Handelsblatt/die FAZ/die FTD ist keine Zeitung”. Nur dann werden sie Internet und Papier im Kopf auf einer Höhe positionieren. Doch muss sich nicht gerade Döpfner fragen lassen, wie weit es bestellt ist in seinem Hause mit der Qualität?

Man möge mich nicht falsch verstehen: Auch ich glaube, dass Zeitungen eine Zukunft haben können. Eben wenn sie gospelig werden, um im Döpfner-Jargon zu bleiben. Nur sind es oft gerade die Verlagsmanager, die sie daran hindern, weil sie Angst haben vor schrägen Ideen, unkonventioneller Optik und journalistischer Unabhängigkeit.

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