Reise in die Kindheit

by Thomas Knüwer on 7. Februar 2005

Prägen uns Stimmen mehr als Bilder?

Am Samstag war ich eingeladen zum "Aktuellen Sportstudio", das gar nicht mehr "Aktuell" mit Vornamen heißt, sondern "ZDF". Das aber war mir noch nie aufgefallen, weil ich zugegebnermaßen Samstag Abende eher selten vor dem Fernsehen verbringe.

Ebenfalls zu Gast war Harry Valerien, mit dem ich auch am Hotel abgeholt wurde. Er berichtete in der Sendung über seine Freundschaft mit dem verstorbenen Max Schmeling. 81 ist er und man sieht es ihm beim besten Willen nicht an. Doch war es nicht sein Gesicht, dass mich mich in einen Strudel Richtung Kindheit riss – es war seine Stimme. Ein paar Worte und ich sah mich wieder im Wohnzimmer meiner Eltern, bettelnd um längeres Wachbleiben, damit ich zum zweiten Mal nach der Sportschau die Tore meines geliebten HSV sehen konnte. Oder die Samstag Vormittage mit Ingmar Stenmark und diesem bayerischen Timbre, das dramatisch werden konnte, ohne sich zu überschlagen, wie es heute so viele tun.

Brennt sich eine Stimme vielleicht mehr in unser Gedächtnis als ein Bild? Schließlich würden auch heute noch viele die Stimme der WDR2-Kultmoderatoren Mal Sondock oder Dave Coleman wieder erkennen – aber ihre Gesichter? Ähnlich dürfte es mit den Samstag-Nachmittag-Tooooor-Rufern Jochen Hageleit oder Günther Koch gehen.

Zurück im Hotel bog Valerien ab Richtung Aufzug. Es ist zwei Uhr morgens. Um die Ecke kommt ein anderer Gast, fragt aufgeregt wie ein boygroupfanatischer Teenager: "War das Harry Valerien? Ich hab nur die Stimme gehört. Da kriegt man ja sofort eine Gänsehaut."


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